<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Peer Steinbrück: Der schamlose Finger

<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Peer Steinbrück: Der schamlose Finger

Der deutsche Wahlkampf ist doch noch aufregend geworden.

Von wegen Langeweile. Der deutsche Wahlkampf wird in der Schlussphase doch noch spannend. Jüngster Aufreger: Der SPD-Kandidat streckte auf dem Titelblatt des Magazins der „Süddeutschen Zeitung“ dem Leser den Stinkefinger entgegen .

Ein Teil des Landes gibt sich empört. Derart vulgär dürfe sich ein potenzieller Regierungschef nicht aufführen, Spitzenpolitiker müssten ein Vorbild sein. Die anderen empfinden die obszön-aggressive Geste einfach als coole Action Steinbrücks. Der habe damit auch Mut zur Emotion gezeigt. Deutschland ist gespalten.

Die SPD verteidigte das Skandalfoto des Kandidaten. Der zeige ja den „digitus impudens“ – den schamlosen Finger, wie die alten Römer sagten – nicht dem Wahlvolk, sondern es sei die Antwort auf eine Frage in „Sagen Sie jetzt nichts“, einem Interview-Format des Magazins, in dem nur nonverbal – gestisch und mimisch – reagiert werden darf. Die Frage lautete: „Pannen-Peer, Problem-Peer, Peerlusconi – um nette Spitznamen müssen Sie sich keine Sorgen machen, oder?“

Steinbrücks Stinkefinger wäre, wird argumentiert, ironisch gegen jene mediale Berichterstattung gerichtet, die seit Beginn des Wahlkampfs aus jedem kleinen Ausrutscher des Sozialdemokraten einen Megaskandal machte – gegen jenen Journalismus, der Steinbrück systematisch „runtergeschrieben“, verspottet und verhöhnt hat. Man kann dem „Zeit“-Redakteur Lenz Jacobson nur zustimmen, wenn er schreibt: „Der Mittelfinger ist die passende Antwort auf die Häme der vergangenen Monate.“ Und das Porträt mit dem bösen Finger ist ja wirklich lustig.

Wird es ein Kult-Foto, das Steinbrück in der Zielgerade hilft? Oder aber besiegelt es als böse Entgleisung endgültig die sozialdemokratische Niederlage? Zu Redaktionsschluss war das noch nicht klar: In Internetforen und bei Online-Befragungen sympathisiert eine satte Mehrheit mit der fotografierten Steinbrückschen Derbheit, nur eine Minderheit gibt sich indigniert. Ob das aber auch im analogen Leben so ist?

Eines freilich steht fest: Seit Kurzem hat der Wind umgeschlagen. Medien, die an Steinbrück noch vor Kurzem kein gutes Haar ließen, finden ihn nun plötzlich geil. Und die einst als Mutter der Nation gefeierte Angela Merkel ist jäh mit Kritik von allen Seiten konfrontiert: Sie sei zu schwammig und wolkig in ihren Ansagen und habe Mühe, dem witzig, knapp und kräftig formulierenden Herausforderer Paroli zu bieten.

Auch in den Umfragen wird diese Tendenz sichtbar. Merkels Union verliert einige wenige Prozentpunkte, und die SPD steht nicht mehr ganz so mies da. Auch sind die Beliebtheitswerte Steinbrücks gestiegen. Dramatisch wird diese Schubumkehr jedoch wahrscheinlich nicht: Nach wie vor ist die Kanzlerin die weitaus populärste Politikerin – und ihre CDU/CSU die stärkste Partei. Das wird sich bis kommenden Sonntag wohl kaum ändern.

Dass Merkel wieder die Regierung führen wird, ist so gut wie sicher. Entschieden wird aber kommenden Sonntag, mit wem sie diese bildet. Kann sie die Koalition mit den Liberalen fortsetzen? Oder muss sie die SPD ins Boot holen? Die Alternative, die auf den ersten Blick kaum besonderen Thrill in sich birgt, kann sich aber als überaus bedeutend herausstellen. Es geht um das Nicht-Thema Nummer eins des Wahlkampfs: Europa.

Zwar spricht Merkel in Sonntagsreden davon, dass es „mehr Europa“ braucht, was sie aber wirklich darunter versteht, hat jüngst der „Spiegel“ analysiert: Sie will verhindern, dass der Präsident der EU-Komission direkt vom Volk gewählt wird. Ihr Ziel: „ein Europa einflussreicher Nationalstaaten“. Nach der Wahl wolle sie eine Änderung der EU-Verträge auf den Weg bringen, die eine Stärkung des Rats der Staats- und Regierungschefs vorsieht und gleichzeitig die Befugnisse der Kommission begrenzt. Dies würde „zumindest zu einem Stopp einer Politik der immer tiefer gehenden Integration hinauslaufen“, schreibt das deutsche Magazin.

Mit den liberalen Freidemokraten in der Regierung könnte sie dieses Projekt vorantreiben. In einer schwarz-roten Koa-lition weit weniger. Es stimmt: Europapolitisch haben die Sozialdemokraten aus Angst vor dem Wähler Merkel bisher nichts Konkretes entgegengesetzt. Aber sie könnten sich dann mit jenen Kräften in der CDU verbünden, die, bisher eher im stillen Kämmerlein, gegen den Merkelschen Bruch mit der betont integrationsfreundlichen Tradition der deutschen Politik sind – eine Tradition, der sich auch die SPD verpflichtet fühlt. Merkels Renationalisierungs-Kurs wäre in einer großen Koalition gebremst und blockiert. Und das wäre gut.

Die Zukunft Europas der nächsten Jahren ist in allen Fällen „Made in Germany“. So gesehen sind die Wahlen im reichsten, größten und damit dominierenden EU-Land nicht nur für die Deutschen von großer Bedeutung. Spannend bleibt der Wahlkampf bis zum letzten Moment.

PS: Steinbrücks Stinkefinger ist nicht die einzige auffällige Geste im Wahlkampf. Angela Merkel wirbt auf Plakaten groß mit ihren Händen, die sie in Rautenform zu falten pflegt. Man braucht keine psychoanalytische Ausbildung, um zu erkennen, dass da an das Unbewusste der Menschen appellierende Botschaften ausgesendet werden: Hier der phallische Mittelfinger des Sozis, da die Handhaltung der Christdemokratin, welche die Form einer Vulva nachbildet. Hier aggressiv-männlicher Veränderungswille, da weibliches Bewahren und Beschützen. Der deutsche Wahlkampf 2013 ist somit auch ein Kampf der tiefenpsychologischen Signifikanten.

georg.ostenhof@profil.at