Georg Hoffmann-Ostenhof: Postsäkular

Georg Hoffmann-Ostenhof: Postsäkular

Die Weltreligionen sind auf dem Vormarsch. Trotzdem schreitet die Emanzipation des Menschen von den Göttern weiter fort.

Als Jürgen Habermas in seiner Friedenspreisrede des Jahres 2001 von der „postsäkularen Gesellschaft“ sprach, war ein Begriff geboren, der in der Folge eine spektakuläre Karriere machen sollte. Der deutsche Philosoph meinte damit, die moderne Welt sei in eine Phase eingetreten, in der sie nicht auf die „Ressourcen der Sinnstiftung“ und auf Wahrheiten, die in der Religion verborgen und „verkapselt“ seien, verzichten könne. In der breiten Öffentlichkeit angekommen ist das, was Habermas sagte, völlig anders. Wenn heute landauf, landab mit Gusto von der postsäkularen Gesellschaft gesprochen wird, in der wir leben, dann heißt das einfach: Die Religionen sind zurückgekehrt.

Die Kirchen freuen sich über diesen Befund. Der verspricht ihnen eine Zukunft, die sie vielfach schon verloren geglaubt hatten. Viele sehen andererseits mit Schrecken, wie immer öfter ausbrechende Kriege religiös motiviert sind und vielfach auch vormals weltliche Politik sakralisiert wird.

Aber stimmt überhaupt die Diagnose? Erlebt die Welt wirklich das Ende der Säkularisierung und eine Renaissance des Glaubens?

Eine groß angelegte Studie des renommierten US-Think-tanks Pew Research Center über „die Zukunft der Weltreligionen“ – eine Untersuchung, die erstmals systematisch demografische Daten einbezieht – scheint dies zu bestätigen. Die kürzlich publizierten Daten zeigen klar, dass die großen Religionen, Christentum und Islam, insgesamt global am Vormarsch sind. Vor allem aber wird in den kommenden Jahrzehnten der Anteil der Atheisten, Agnostiker und jener ohne Religionsangehörigkeit an der Weltbevölkerung sinken: Von 16,3 heute auf 13,2 Prozent im Jahre 2050.


Der Anteil der Ungläubigen an der Weltbevölkerung ist im Sinken begriffen

Natürlich wussten wir schon länger, dass die fortschrittsoptimistischen Aufklärer des 19. Jahrhunderts irrten, die glaubten, mit Wissenschaft, Bildung und Wohlstand würden automatisch und schnell die Brücken zu den Sphären des Übersinnlichen abgebrochen werden. Und die Entwicklung der USA schien die einfache Annahme, wonach der Fortschritt schon den Glauben vertreiben würde, eindeutig zu falsifizieren. Just das am meisten entwickelte, reichste und dynamischste Land der Welt erlebte im 20. Jahrhundert nicht nur keine Säkularisierung wie diesseits des Atlantik – im Gegenteil: Heute werden in den USA mehr Gebete gen Himmel geschickt, glauben mehr Menschen an das Leben nach dem Tod, an Gott und Teufel, als noch vor 100 Jahren.

Aber die Voraussage, dass die Gruppe der Religionslosen nicht nur weltweit eine kleine Minderheit bleibt, diese aber in Zukunft auch noch weiter schrumpft, war dann doch überraschend. Bei näherer Betrachtung wird freilich klar: Es ist nicht eine neu erwachte Sehnsucht nach Transzendenz, die diese Entwicklung befördert, sondern schlicht die Demografie: Die Mehrheit der „Gottlosen“ lebt im entwickelten Teil der Welt, der niedrige Geburtenraten und geringes oder negatives Bevölkerungswachstum aufweist.

Innerhalb dieser Länder wächst diese Gruppe der Religionslosen jedoch kräftig weiter – sowohl in absoluten wie auch relativen Zahlen. Die Daten widerlegen auch die beliebte Idee, wonach sich, was Frömmigkeit betrifft, die USA und Europa auseinanderentwickeln. Ganz im Gegenteil: Wir erleben eine Konvergenz. Im kirchenaustrittsfreudigen Europa steigt – so die Voraussage – in den kommenden 35 Jahren der Anteil derer ohne Bekenntnis von 18 Prozent auf ein Viertel. Und im so viel frömmeren Amerika schnellt der Prozentzahl jener, die mit Religion nichts am Hut haben, von 16 auf ebenfalls 25 Prozent. Europa ist also nicht der säkularisierende Sonderfall. Sowohl in den USA als auch in den europäischen Ländern verliert das Christentum – die Mehrheitsreligion hüben wie drüben – ihre Anhänger.

Fassen wir zusammen: Dort, wo der Säkularisierungsprozess eingesetzt hat, im christlichen Westen also, ist er ungebrochen. In abgeschwächter Form auch in Lateinamerika. Dort, wo er (noch) nicht begonnen hat – in den globalen Entwicklungsregionen, allen voran in Indien, in der arabische Welt und in Afrika – ist die Fertilität ungleich größer.
So erklärt sich auch, dass die Muslime – der Islam ist heute mit 23 Prozent der Menschheit zweitgrößte Weltreligion nach dem Christentum (31 Prozent) – gleichziehen. 2050 werden die Populationen der Allah-Verehrer und der Jesus-Anhänger mit global je um die 30 Prozent etwa gleich stark sein.

Und ja: Die Muslime werden auch in Europa mehr. Aber all jenen, die eine „Islamisierung“ unseres Kontinents an die Wand malen, sei gesagt: Der prognostizierte Anstieg von sechs Prozent heute auf zehn Prozent im Jahre 2050 ist beeindruckend, wirklich bedrohlich aber sicherlich nicht.

Am ehesten Sorgen machen können sich noch die christlichen Kirchen, deren Schäfchen sich in unseren Breiten immer mehr verlaufen und die sich nun mit dem hier erstarkten Islam messen müssen, der bis dato unter keinen Austrittswellen leidet.

Da mag man mit Jürgen Habermas einen militanten Atheismus ablehnen. Aber die Vulgärversion von dessen „postsäkularer Gesellschaft“, wonach die Verweltlichung der Welt beendet und die Rückkehr der Religion auf der historischen Tagesordnung stehe, wird auch nicht von der großen Pew-Studie gestützt.

Die Emanzipation von den höheren Wesen, vor denen wir auf die Knie fallen oder uns auf den Boden werfen, damit sie uns Barmherzigkeit widerfahren lassen, geht weiter. Langsamer und auf verschlungeren Wegen, als früher gedacht. Aber dann doch.