<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Sommer des Zorns

<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Sommer des Zorns

Eine globale Protestbewegung ist unterwegs. Die alten Mächte des Status quo haben allen Grund, beunruhigt zu sein.

Wird 2013 als Revolutionsjahr in die Geschichtsbücher eingehen? Das insinuiert zumindest das liberale Magazin „Economist“ in seiner Ausgabe vom 29. Juni.

Wie so oft ist das Coverbild des britischen Blattes auch diesmal geistreich und originell. Vier Figuren zeigen sich nebeneinander in gleicher Pose. Eine halbnackte Frauenfigur mit roter Mütze schwingt die französische Trikolore und hält in der anderen Hand ein Bajonett. Ein Langhaariger mit Blumenstrauß droht mit einem bereits gezündeten Molotowcocktail. Schnauzbart Lech Walesa ist mit Kerze und Schraubenzieher bewehrt, dann eine junge Frau mit Handy in der Rechten und Coffee-to-go-Becher in der Linken. Und jedem Bild ist ein Untertitel zugeordnet. In der Reihenfolge: „1848, Europa“, „1968, Europa und Asien“, „1989, Sowjetreich“ und schließlich „2013, überall“.

Gewiss ist die Einordnung des aktuellen Jahres in die Reihe dieser historischen Ereignisse bewusst provozierend gemeint. Aber wenn kurz darauf Millionen Ägypter, von einer Initiative namens Tamarod (Rebellion) aufgerufen, auf die Straße gingen und – in Tateinheit mit dem Militär – die herrschenden Muslimbrüder stürzten, dann riecht das tatsächlich nach Revolution.

Vielleicht ist das als spezifisch nordafrikanisches Ereignis zu werten. Was aber frappiert, ist die Tatsache, dass sich in den vergangenen Tagen und Wochen nicht nur der Tahrir-Platz mit zornigen Menschen gefüllt hat, sondern sich auch in den Straßen von Santiago und Djakarta, von Istanbul und Rio, von Sofia und anderen Städten der Welt sehr Ähnliches abspielt: Allen voran junge Menschen aus der Mittelschicht drücken – mobilisiert durch Facebook, Twitter und Co. – in einer Mischung aus Wut und Volksfeststimmung ihren Unmut über die herrschenden Verhältnisse aus. Die Gleichzeitigkeit der Protestbewegungen in den verschiedensten Ländern ist wirklich erstaunlich.

Die jeweiligen politischen und ökonomischen Umstände können unterschiedlicher nicht sein. Auch die Anlässe. Da geht es um Preiserhöhung von Busfahrscheinen (Brasilien), um einen Park, der verbaut werden soll (Türkei), um korrupte Politiker (Bulgarien), um verteuertes Benzin (Indonesien), um einen unfähigen und autoritären Präsidenten (Ägypten) und um unbezahlbare Ausbildungskosten (Chile). Und doch dürfte es sich nicht um disparate, voneinander unabhängige Entwicklungen handeln – sondern um eine Art Epidemie des Protests, um eine globale Bewegung.

Francis Fukuyama, der US-Politologe, der mit seiner These vom „Ende der Geschichte“ seinerzeit Furore machte, sieht in der globalen Unruhe, die wir jetzt beobachten, den Ausdruck dessen, was er die „Middle-Class Revolution“ nennt.

Fukuyamas Analyse: Vor allem in Schwellenländern wie der Türkei, Brasilien und Indonesien ist in den vergangenen Jahrzehnten eine neue, relativ gut ausgebildete Middle-Class entstanden. Er zitiert Umfragen, die zeigen, dass mit höherer Ausbildung die Menschen immer mehr Wert auf Demokratie, individulle Freiheiten und Toleranz für alternative Lebensstile legen. Diese stark angewachsene neue globale Mittelschicht ist es zu allererst, die jetzt mit den herrschenden politischen Strukturen und Repräsentanten zusammenkracht.

Nicht nur in halbwegs demokratischen Schwellenländern, auch in autoritäreren Regimen wie in China, Russland und dem Iran sind die urbanen jungen Mittelschichtler das Ferment der Veränderung. Und in Europa spielen sie gleichfalls Avantgarde, wenn es darum geht, gegen die desaströse Sparpolitik auf die Straße zu gehen.

Sie sind meisterhaft im Mobilisieren und gut im Vernetzen, aber waren nirgendwo bislang in der Lage, eigene Strukturen aufzubauen, oder auch nur handlungsfähige Führungsfiguren hervorzubringen. Allein können die jungen Digital Natives keine dauerhaften politischen Veränderungen herbeiführen. Dafür brauchen sie Bündnispartner. Und wenn sie die nicht finden, dann können sie so schnell wieder weg von der Straße sein, wie sie da aufgetaucht sind. Nehmen wir als Beispiel Occupy Wall Street, die so spektakuläre Protestbewegung in den USA. Sie gab vor zwei Jahren ein nur sehr kurzes Gastspiel.

Trotzdem: Aufruhr liegt in der Luft. Die Straße, das zeigt dieser Sommer des Zorns eindrücklich, ist als politischer Akteur voll da. Wohin diese Straße führt, ist in der Umbruchsituation, in der sich die Welt befindet, freilich noch nicht abzusehen.

Das war aber früher auch nicht anders. Die Demokratie, die sich die Revolutionäre des Völkerfrühlings 1848 auf die Fahnen schrieben, ließ noch Jahrzehnte auf sich warten. Die antikapitalistische Jugend des Jahres 1968 revolutionierte zwar das Sexleben, der Kapitalismus stürzte aber mitnichten, er wurde nicht zuletzt durch sie erst so richtig modernisiert. Und die idealistischen Dissidenten, die 1989 die Kommunisten Osteuropas davongejagt hatten, waren bald weg vom Fenster.

Eines ist aber sicher: Die herrschenden Mächte, die alles beim Alten belassen wollen und den Status quo verteidigen, haben in diesen Sommertagen allen Grund, beunruhigt zu sein.

georg.ostenhof@profil.at