<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Sympathische Kriegsgewinnler

<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Sympathische Kriegsgewinnler

Die Kurden profitieren von allem, was im Moment im Nahen Osten schiefläuft. Es ist ihnen zu vergönnen.

Kriegs- und Krisengewinnler gehören üblicherweise nicht zu den Sympathieträgern. Im Ausnahmefall doch. Aktuell die Kurden: Jahrhundertelang wurden sie von Türken, Persern und Arabern verfolgt. Jahrhundertelang leisteten sie mutig Widerstand gegen Unterdrückung und Fremdherrschaft. Und jetzt sind sie dabei, zwischen Irak und Syrien autonom zu werden. Sie profitieren von allem, was im Moment im Nahen Osten schiefläuft.

Während die Ethnien, religiösen Gruppierungen, Regime und Oppositionen in der Region einander zerfleischen und die voll ausgebrochenen mörderischen Konflikte unlösbar erscheinen, blicken die Kurden mit Zuversicht in die Zukunft. Erstmals ist die Perspektive der kurdischen Unabhängigkeit nicht bloß ein Traum, sondern zumindest im Norden des Irak in greifbare Nähe gerückt.

30 bis 40 Millionen Kurden leben in vier Staaten: in der Türkei, im Irak, im Iran und in Syrien. Sie sind weltweit das größte Volk ohne eigenen Staat. Zerbricht der Irak – und es sieht im Moment ganz danach aus – könnte sogar eine unabhängige kurdische Republik das Licht der Welt erblicken. Als die Terrororganisation ISIS (die sich inzwischen in IS – Islamischer Staat – umbenannt hat), die sogar für Al Kaida zu radikal und brutal ist, von Syrien kommend die große nordirakische Metropole Mossul eroberte und begann, gen Bagdad zu marschieren, löste sich die irakische Armee faktisch auf. Die Kämpfer der Kurden, die sogenannten Peschmergas, waren die einzige militärische Formation im Irak, die IS Paroli bieten konnte. Sie schützten das kurdische Gebiet im Norden des Landes und brachten Kirkuk, die bislang zwischen den Kurden und Bagdad heftig umstrittene Stadt, unter ihre Kontrolle. Kurz darauf nahmen sie die nahe gelegenen Ölanlagen in Besitz.

Mit den nordirakischen Kurden geht es freilich bereits seit über zwei Jahrzehnten aufwärts. Noch während des iranisch-irakischen Kriegs der 1980er-Jahre hatte der Diktator Saddam Hussein eine Politik der brutalen Arabisierung verfolgt. Massaker an den Kurden waren an der Tagesordnung. Manche sprachen von Genozid.

Dann besetzte Saddam im Jahre 1991 Kuwait. Die USA und die Koalition der Willigen antworteten mit dem „Ersten Golfkrieg“. Nach ihrem baldigen Abzug verhängten die Westmächte eine Flugverbotszone über den Norden des Irak. So geschützt vor den Schergen Saddam Husseins, konnten sich die Kurden in den 1990er-Jahren relativ unbehelligt selbstständig entwickeln: Die Wirtschaft blühte auf und ihre Politik entwickelte sich – gemessen an den Standards der Region – erstaunlich demokratisch.
Für den Gesamtirak sollte sich dann der „Zweite Golfkrieg“, der Irak-Krieg des George W. Bush, letztlich als Katastrophe erweisen. Die amerikanischen Besatzer zerstörten unmittelbar nach der Invasion 2003 sämtliche staatliche Strukturen des Landes. Die Kurden aber, die einzigen wirklichen US-Verbündeten im Irak, erhielten weitgehende Autonomierechte. Irakisch-Kurdistan zeigte sich in der Folge als einzige stabile Region des immer mehr ins Chaos abdriftenden Landes. Die Kurden gingen daran, einen veritablen Staat im Staat zu bilden.

In der benachbarten Türkei hatten sie angesichts ihrer Unabhängigkeitsambitionen lange Zeit einen erbitterten Feind. Wie würden die eigenen Kurden, denen man traditionell jegliche Minderheitenrechte verwehrte, reagieren, wenn deren Brüder jenseits der Grenze souverän würden oder gar einen eigenen Staat bekämen? Nun sieht es aber so aus, als ob ausgerechnet die Türkei die Geburtshelferin für eine kurdische Unabhängigkeit werden könnte.

Hatte der türkische Premier Recep Tayyib Erdogan den kurdischen Präsidenten Massud Barsani stets als Stammeshäuptling geschmäht, ist dieser nun zu einem der wichtigsten Verbündeten aufgestiegen. 2011 eröffneten Erdogan und Barsani gemeinsam den Flughafen der nordirakisch-kurdischen Hauptstadt Erbil. Die neue Achse Ankara–Erbil ist vor allem wirtschaftlich begründet: Die Türkei hat einen riesigen Energiebedarf, bezieht aber Öl und Gas ausschließlich aus Russland und dem Iran, und will diese Abhängigkeit reduzieren. Und für die Kurden sind die Türken die wichtigsten Abnehmer. Ohne die Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft können sie die Perspektive eines eigenen Staates vergessen.
Gleichzeitig zeigt sich Erdogan auch im Inneren der Türkei immer kurdenfreundlicher – wenngleich mit Hintergedanken: Für die Präsidenschaftswahlen im kommenden August braucht der zunehmend autoritär regierende Erdogan dringend kurdische Stimmen. Er verspricht „seinen“ Kurden Rechte, von denen sie vor wenigen Jahren nicht einmal zu träumen gewagt hätten.

Syrien wiederum mag im Bürgerkrieg versinken. Die Kurden im Land erfreuen sich aber einer Autonomie, die sie bisher nicht kannten. Die Regierungstruppen Baschar al-Assads haben sich aus den Kurdengebieten zurückgezogen. Dort entwickelt sich eine Art Selbstverwaltung. Und Freiwillige der türkischen Kurden kommen immer dann über die Grenze, um mitzukämpfen, wenn die Mordbrigaden des IS ihre syrischen Brüder angreifen.

Und so schließt sich der Kreis. Die bedrohliche Entwicklung im Nahen Osten, der sich anbahnende Zerfall des dortigen Staatensystems, lässt die Kurden hoffen. Sie haben, wie man sportlich formulieren könnte, einen Lauf. Und das ist ihnen zu vergönnen. Ihre lange Leidens- und Widerstandsgeschichte bedenkend, muss man sagen: Diesen Krisen- und Kriegsgewinn haben sie sich verdient.

georg.ostenhof@profil.at