<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Triumph in Genf

Das Gottesteilchen wäre beinahe ohne österreichische Beteiligung gefunden worden.

Wäre es nach Johannes „Gio“ Hahn gegangen, wir würden uns dieser Tage grün und blau ärgern. Der damalige Wissenschaftsminister (und jetzige EU-Kommissar) fasste 2009 einen Beschluss: Österreich steigt aus dem Genfer Forschungszentrum CERN aus. Die Investition von zwanzig Millionen Euro im Jahr für diese europäische Institution sei nicht zu rechtfertigen, argumentierte der VP-Politiker, denn das bringe unserer Heimat kein Prestige. Die Sichtbarkeit kleiner Staaten beziehungsweise einzelner Wissenschafter bei den riesigen CERN-Experimenten mit rund 2000 Akteuren sei „eher gering“.

Gott sei Dank hat sich Hahn nicht durchgesetzt. Die Physiker protestierten. Auch so mancher Politiker verstand, dass ein Rückzug des Landes aus einem der wichtigsten Wissenschaftsprojekte unserer Zeit überaus blamabel wäre. Der Ausstieg wurde widerrufen: Österreich stand bei einem Jahrhundertdurchbruch der Wissenschaft nicht im Abseits.

Vergangenen Mittwoch, am 4. Juli, konnten die CERN-Physiker vor die Weltöffentlichkeit treten und verkünden: Wir haben das Higgs-Boson gefunden. Seit vierzig Jahren fahnden Physiker nach diesem Elementarteilchen, das auch Gottesteilchen genannt wird. Es ist das letzte wichtige Puzzlestück des so genannten physikalischen Standardmodells, das uns Entstehung und Existenz des Universums erklärt. Das Higgs-Boson hat im wahrsten Sinne des Wortes massive Bedeutung: Ohne dieses Partikel gäbe es keine Masse, und ohne diese Masse keine Sterne, keine Planeten, keine Menschen – nichts. Es ist das, was die Welt zusammenhält. Für Laien erscheint das alles sehr schwer verständlich. Aber hätten die CERN-Leute trotz ihrer jahrelangen Experimentreihen die Existenz des Gottesteilchens nicht beweisen können, ein großer Teil der bisherigen Erkenntnisse über die Welt wäre über den Haufen geworfen worden.

Es ist faszinierend: 1964 sitzt ein britischer Wissenschafter namens Peter Higgs an seinem Schreibtisch, denkt und denkt und schreibt eine Formel nach der andern. Und kommt drauf: Damit das ganze Werkel funktionieren kann, muss neben den bisher entdeckten Mikroteilchen, wie etwa Protonen, Neutronen, Elektronen, Quarks und anderen, noch ein weiteres Partikel mit ganz bestimmten Eigenschaften existieren. Er hat es sich ausgerechnet.
Diese Theorie, die so ähnlich gleichzeitig auch drei weitere Physiker entwickelt haben, wird nach einiger Zeit von der Wissenschaftsgemeinde akzeptiert. Und nicht nur das: 30 Jahre später beschließen die europäischen Staaten, viel Geld für den Bau einer Riesenmaschine in die Hand zu nehmen, die wie ein riesiger Donut aussieht und auf einer 27 Kilometer langen zirkulären Bahn Elementarteilchen in rasender Geschwindigkeit aufeinanderprallen lässt. Eines der Hauptziele des Milliarden Euro teuren Projekts: das Higgs-Boson aufzuspüren. Jetzt wurde man fündig.

Das Teilchen ist winzig klein. Im Bereich der Quantenphysik verspricht das aber riesige Horizonte. Die Entdeckung wird nun mit der Erkenntnis von Isaac Newton verglichen, der im 17. Jahrhundert das universelle Gesetz der Schwerkraft entdeckte.

Mit Ehrfurcht steht man vor der Kraft menschlichen Geistes. Aber man muss auch mit Begeisterung erkennen, dass nicht nur der Gedanke Wunder zu vollbringen imstande ist, sondern dass auch die Institutionen auf internationaler Ebene – so mangelhaft sie auch funktionieren und so krisengeschüttelt sie jetzt erscheinen mögen – jene Handlungsfähigkeit und finanziellen Ressourcen aufbringen ­können, die derartige ­Erkenntnisprozesse ermöglichen.

Man kann dem Pariser Blatt „Libération“ nur zustimmen, wenn es schreibt: „Auch wenn viele von uns von der Grundlagenphysik nichts verstehen, müssen wir doch ­zugeben, dass diese Wissenschafter auch den Laien zum Träumen bringen.“ Und es ist der Traum der Vernunft und Aufklärung, den wir träumen.

Enthusiasmus über den CERN-Durchbruch herrscht allerdings nicht überall. Mit sichtbarem Missmut melden sich Kirchenfürsten und Theologen zu Wort. So appelliert etwa der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick, den Begriff Gottesteilchen nicht zu verwenden: Er warnt vor der Hybris der Wissenschaft, die glauben machen könnte, das Geheimnis der Schöpfung sei mit dem menschlichen Verstand völlig zu erklären. Und der Münsteraner Geisteswissenschafter Michael Quante sorgt sich, die „alten Weltdeutungen der Theologie und Philosophie“ würden nun entzaubert.

Im gleichen Sinn schreibt Michael Jeannée in der „Kronen Zeitung“. Stolz bekundet er, dass er von Elementarteilchen und Ähnlichem nichts verstehe, um dann launig zu schließen: „Und nun, liebe Gottesteilchen, darf ich Euch sagen: Der liebe Gott lässt sich nicht zerfuzeln, und er hat die Welt in einer Woche erschaffen. Das verstehe ich, und dabei bleib ich. Und Ihr könnt mir gestohlen bleiben.“

Das ist natürlich ironisch gemeint. Aber auch durch diese Ironie weht jener antiaufklärerische und wissenschaftsfeindliche Dumpfgeist, an dem unser Land in so besonderem Maße leidet. Ein Geist, der fast dazu geführt hätte, dass das Gottesteilchen ohne österreichische Beteiligung gefunden worden wäre.

georg.ostenhof@profil.at