<i><small>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Universal Soccer

Die Amerikaner sind traditionell fußballresistent. Warum sich das jetzt ändern wird.

Wenn Sie diese Zeilen lesen, ist das Match der USA gegen England schon gespielt. Wie immer es ausgegangen sein mag, eins stand von vornherein fest: Große Emotionen hat es jenseits des Atlantiks nicht geweckt. Denn Fußball ist in den USA, wo er Soccer genannt wird, das, was er immer war: ein Nischensport. Amerikaner begeistern sich für Football, Baseball und Basketball. Aber Soccer? Nein, das ist Frauen- und Kinderkram. Richtiger Männersport sieht anders aus.

Immer wieder wurde in den letzten Jahren vorausgesagt, dass das Kicken des kugelrunden Balls mit dem Fuß nun auch in den USA eine Zukunft habe. Einige begnadete und charismatische Spieler – wie Pelé, Beckenbauer und Beckham – haben es als Legionäre in der amerikanischen Soccer-Liga auch schon in der US-Öffentlichkeit zu veritablen Helden gebracht. Immer mehr High-School-Kids versuchen, auf dem grünen Rasen das Leder im Tor zu versenken. Und die US-Nationalmannschaft, die jetzt in Südafrika antritt, ist inzwischen ein durchaus respektables Team, das um den Sieg mitspielen kann. Aber wirklich populär will Soccer in den Vereinigten Staaten nicht und nicht werden.

Jetzt, zu Beginn der WM – eines Spektakels, das von Milliarden Menschen auf der ganzen Welt mit Begeisterung verfolgt wird –, sind amerikanische Fußballfunktionäre, Unternehmen, die in diesen Sport investiert haben, und Medien, die nun massiv aus Südafrika berichten und senden, voll des Optimismus: Diesmal hebt Fußball wirklich ab. „Ja, Soccer ist ein amerikanischer Sport“, titelt trotzig das US-Magazin „Time“ und zitiert einen Manager der Major League Soccer: „Im Guten wie im Schlechten, Amerika war immer das Zentrum des Universums “, sagt er. „Es wäre doch sinnvoll, dass Amerika jetzt auf den Zug aufspringt, wo Soccer geradezu explodiert und zu einem wirklich globalen Sport geworden ist.“

Bleibt die Frage: Warum haben sich die USA bisher so resistent gezeigt? Warum steht gerade jene Nation, die als Champion der Globalisierung gilt und deren Populärkultur von Musik über Film bis Fast Food die Welt erobert hat, gerade beim Fußball, bei dem weitaus populärsten Sport der Welt, so im Abseits? Was ist dafür verantwortlich und wer ist daran schuld?

Zunächst die Engländer. Als sich Ende des 19. Jahrhunderts auch in der Neuen Welt die Ballsportarten etablierten, betonten die Kicker ihre exklusive Verbindung zum Mutterland. Da wimmelte es nur so von Anglo-Saxon Football-Clubs, aber es gab keine „amerikanischen“ Teams für alle Einwanderer. Als sich zur gleichen Zeit Rugby, Football und Fußball im Reglement sortierten, war schließlich Harvard entscheidend: Die meisten noblen Ostküsten-Colleges waren sich bereits weitgehend einig, dass ein Goal mit dem Fuß geschossen werden müsse. Nur Harvard legte sich quer und beharrte darauf, dass der Ball über die Torlinie getragen werden müsse. So gewann Football gegen Fußball.

Kontinentaleuropa war empfänglicher für das britische Ballspiel, das als Gentleman-Vergnügen – vielfach auf dem Umweg über die feinen Schweizer Internate – Verbreitung fand. Auch Südamerika, das Anfang des vergangenen Jahrhunderts engste wirtschaftliche Verbindungen zu England unterhielt, fand bald am Kicken großen Gefallen.

Im Ersten Weltkrieg und in den zwanziger Jahren erlebte der Fußball dann einen fruchtbaren „sozialen Abstieg“. Die einstige Freizeitbeschäftigung der Oberschicht wurde zum Massensport, ja, geradezu ein integraler Bestandteil der Arbeiterkultur. Der zunehmend proletarische Charakter, den der Fußball schließlich für Jahrzehnte in Europa annahm, mag als weiterer Grund für die Marginalität von Soccer in den USA gelten. Eine Arbeiterbewegung im europäischen Sinn hat es dort ja nie gegeben. Und so mag eine legendäre Rede von Jack Kemp als symptomatisch gelten, in welcher der Kongressabgeordnete noch 1986 den „europäischen sozialistischen“ Soccer dem „American Football“ gegenüberstellte, der so recht den „demokratischen“ und „kapitalistischen“ Geist der US-Nation atme.

Spätestens jetzt hat sich der Fußball aber von seiner Geschichte emanzipiert. Er ist ein weltweites kapitalistisches Unternehmen geworden. Gleichzeitig ist wohl keine andere soziale Aktivität demokratischer als das Kicken. Das kann man überall – auf Gras, auf Asphalt, auf steinigem oder staubigem Boden. Und es ist für jedermann zugänglich. Es braucht nicht einmal einen Ball – zur Not genügt ein „Fetzenlaberl“. Die Regeln sind denkbar einfach und für alle verständlich. Und es spielt keine Rolle, ob einer groß oder klein ist – der Weltfußballer des Jahres ist der Argentinier Lionel Messi, der keine 170 Zentimeter misst –, ob einer aus dem Slum einer Dritt-Welt-Megacity kommt oder an einer Universität in einer reichen Industrienation studiert. Ob einer schwarz, weiß, braun oder gelb getönte Haut hat, ist ebenso egal wie seine nationale und soziale Herkunft. Man sehe sich nur die Reihe der bewunderten großen Spieler der jetzigen WM an.

Fußball hat nicht zuletzt dank seiner Kommerzialisierung alle sozialen, ethnischen und nationalen Trennlinien transzendiert. Ein Stückchen Utopie einer befriedeten klassenlosen Multi-Kulti-Welt steckt jedenfalls im runden Leder drin.

Möglicherweise haben die US-Optimisten Recht, die meinen, es sei die Zeit gekommen, dass Fußball auch in den Vereinigten Staaten heimisch wird. Dafür spricht: Die USA werden unter Barack Obama ein wenig europäischer. Mit Soccer ist inzwischen auch in den USA Geld zu machen. Schließlich wächst der Anteil jener US-Bürger, die aus Zent­ralamerika kommen, dramatisch an: Und dort ist man so fußballnarrisch wie überall sonst auch.

Ein gutes Abschneiden der US-Kicker in Südafrika könnte nachhelfen. Also, halten wir ihnen die Daumen!

georg.ostenhof@profil.at