<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Warum so viele Ziviltote?

<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Warum so viele Ziviltote?

Mit seinen massiven Bombenangriffen gegen Gaza hält Israel an einer Kriegstaktik fest, die erwiesenermaßen keinen Erfolg bringt.

Gaza sieht wie eine Mondlandschaft aus. Zerstörung, Verwüstung, Elend. Und das Töten geht dennoch weiter. Die Hoffnung auf ein Kriegsende, die mit der vergangene Woche ausgerufenen dreitägigen Waffenruhe aufkeimte, hat sich nicht erfüllt. Seit Freitag früh fliegen wieder Hamas-Raketen gen Israel, und die Bombardierung von Gaza wurde nach kurzer Pause wieder aufgenommen. Das Sterben nimmt kein Ende. Zu Redaktionsschluss waren es rund 1900 Palästinenserinnen, die den Tod fanden. Die überwältigende Mehrheit sind Zivilistinnen und darunter an die 300 Kinder. Jetzt werden sich die Opferzahlen weiter erhöhen.

Warum aber bombt das militärisch gewaltig überlegene Israel immer wieder Zivilistinnen? Bereits in den von Jerusalem geführten Kriegen seit 1982 – im Libanon und in Gaza – kümmerten sich die israelischen Strateginnen offenbar wenig um die Weltöffentlichkeit, die sich über das israelische Vorgehen immer stärker empörte. Israel gewann – um die jüngste Schlagzeile des britischen „Economist“ „Winning the battle, losing the war“ zu paraphrasieren – immer wieder die Schlachten, verlor aber die Kriege und ist heute international isolierter denn je.

Warum hält es die israelische Regierung trotz der gemachten Erfahrungen für notwendig, Schulen, Kraftwerke, Moscheen und ganze Wohnviertel dem Erdboden gleichzumachen? Der renommierte holländische Denker Ian Buruma versucht in einem interessanten Artikel mit dem Titel „Why Bomb Civilians?“ diese Frage zu beantworten.

Da mag, konzediert er, einiges an der offiziellen Version der Israelinnen dran sein, wonach sie nicht anders könnten, weil die Abschussrampen und Raketen in Gaza inmitten von Wohngebieten und in der Nähe von zivilen Einrichtungen aufgestellt seien. Man muss freilich bedenken, dass militärische Anlagen in einem so dicht besiedelten Gebiet wie dem Gazastreifen (der flächenmäßig nicht größer als Wien ist), auch wenn man wollte, nur schwerlich auf von Zivilistinnen entfernten Gebieten installiert werden können. Jedenfalls nimmt Israel offenbar ganz bewusst den Tod von unzähligen Nicht-Kämpfenden in Kauf.

Es scheint, meint Buruma, dass die israelische Führung auch glaubt, mit der Zerstörung Gazas und dem Bomben-Terror gegen die Bevölkerung die Palästinenserinnen so tiefgreifend demoralisieren zu können, dass diese ab einem bestimmten Punkt genug haben, aufgeben und sich vielleicht sogar gegen ihre Regierenden stellen. In diesem Fall gegen die Hamas.
Buruma weist darauf hin, dass Bombardieren von Zivilistinnen seit Beginn des 20. Jahrhunderts eine durchaus übliche Kriegstaktik ist, die „strategic bombing“ oder „terror bombing“ genannt wird. Er wirft einen Blick zurück: Erstmals angewandt wurde die Taktik von den Britinnen in Mesopotamien Mitte der 1920er-Jahre. Aus der Luft versuchten sie mit der Devastierung von Dörfern und ganzen Landstrichen, den Kampfwillen irakischer und kurdischer Rebellinnen zu brechen. Das war aber bloß der kleine Anfang von noch kommenden gewaltigen Verheerungen, die der gleichen Kriegslogik folgten: „The Blitz“, der deutsche Bombenregen auf London, Coventry und Birmingham; die alles vernichtenden alliierten Flächenbombardements von Dresden, Hamburg und anderen deutschen Großstädten; schließlich, als Höhepunkt, der Abwurf der Atombombe über Hiroshima. Aber auch im Vietnamkrieg wollten die USA den widerständigen Vietkong mit breit angelegten Luftangriffen zum Aufgeben zwingen.

Wie man weiß, standen die Deutschen bis zum Ende treu zu ihrem Führer. Die Engländerinnen standen bis zum Sieg über Hitler immer fester hinter King George und Premier Winston Churchill. Und die Vietnamesinnen haben nie kapituliert. Wie überhaupt das Kalkül, das hinter dem „strategischen Bomben“ steht, kaum je aufzugehen scheint. Die Zivilistinnen scharen sich angesichts der alle gemeinsam betreffenden tödlichen Gefahr hinter ihren Führungen, selbst wenn diese unbeliebt sind. Diese bieten doch die einzige Hoffnung auf Schutz.

Warum wird aber trotz so offensichtlicher Erfolglosigkeit weiter an dieser Kriegstaktik festgehalten? Wahrscheinlich geht es weniger um die Moral des Feindes, die es zu brechen gilt, sondern vielmehr um jene der eigenen Leute. Die soll gehoben werden. Die Kriegsherrinnen wollen der Bevölkerung zu Hause die eigene Stärke demonstrieren. Vor allem aber erzielt man mit den Bomben aus der Luft maximale Wirkung bei minimalen eigenen Verlusten.

Und Buruma zitiert Churchill, der angesichts der antikolonialen irakischen Aufstände vor neun Jahrzehnten zynisch anmerkte, das Bomben sei „die billige Art, das Empire zu verwalten und zu führen“. Rebellionen könnten, war der Brite überzeugt, aus der Luft gestoppt werden.

Das ist wohl auch die Hoffnung Jerusalems. Die dürfte jedoch vergeblich sein. Die Islamistinnen der Hezbollah im Libanon und der Hamas in Gaza sind trotz empfindlicher militärischer Schwächung politisch immer noch gestärkt aus den Kriegen hervorgegangen, die Israel nicht zuletzt auch mit groß angelegten Bombenangriffen geführt hat. So wird es wohl auch diesmal sein.

PS: Ich twitterte den Link zum Artikel von Ian Buruma. Ein Follower konterte: „Warum feuert die Hamas auf israelische Städte? Kannst Du das mal erklären.“ Das werde ich in einer der nächsten profil-Ausgaben versuchen. Die Frage ist nur allzu berechtigt.

georg.ostenhof@profil.at