Georg Hoffmann-Ostenhof: Wir Monarchisten

Georg Hoffmann-Ostenhof: Wir Monarchisten

In diesen Tagen wirken nicht die Royals, sondern ihre Kritiker wie aus der Zeit gefallen.

Niemand in der Redaktion der „Arbeiter-Zeitung“ wollte die Vermählung von Prince Charles und Diana Spencer covern: Zu trivial erschien meinen damaligen Kollegen die angekündigte Märchenhochzeit. Man war ja republikanisch, und der sozialistische „Habsburg-Kannibalismus“ so lange auch noch nicht her. Als Jungjournalist erklärte ich mich schließlich bereit, den Job zu übernehmen. Und siehe da: Alle, die zuvor die Nase gerümpft hatten, saßen vor dem Fernsehschirm, um sich das monarchische Spektakel zu geben.

Ich schrieb mit Gusto über das kunstvoll zerknitterte Hochzeitskleid der jungen Braut, über die grotesken bunten Hüte der zur Zeremonie geladenen Aristo-Ladys, die großen Ohren des designierten Queen-Nachfolgers und den ganzen „pomp and circumstance“. Und ich mischte so manche ironische Bemerkung in den Artikel – im festen Fortschrittsglauben, dass es sich bei der britischen Monarchie um ein historisches Relikt handelte, das ohnehin in nicht allzu ferner Zukunft entsorgt werden würde.

Charles ist 37 Jahre später immer noch Thronfolger. Diana ist zwar tot, die Windsors aber wirken lebendiger denn je. Und sie werden geliebt: Die greise Queen verehren ihre Untertanen sowieso, mit dem schrulligen Charles haben sie sich abgefunden. Und jedes Mal, wenn Kate (die Gemahlin von William, der Nummer 2 in der Thronfolge) wieder entbindet, sind sie ganz aus dem Häuschen. So wie
auch jetzt, da der jüngere Charles-Sohn, der fesche Harry, mit dem Sanktus des Buckingham-Palasts eine geschiedene „gemischtrassische“ Amerikanerin, die Schauspielerin Meghan Markle, zum Altar führt. Für die britische Öffentlichkeit wird das als Zeichen gewertet, dass die britischen Royals im 21. Jahrhundert angekommen sind.

In diesen Tagen wirken nicht die Königlichen, sondern ihre Kritiker wie aus der Zeit gefallen. Mehr als ein Fünftel Republikaner hat es in den vergangenen Jahrzehnten in Großbritannien kaum je gegeben. Jetzt sind es sogar nur etwas mehr als 15 Prozent. Auch aus der Popkultur ist der Anti-Royalismus weitgehend verschwunden, dem noch in den 1970er-Jahren die Punkband Sex Pistols mit „God Save the Queen“ seine Hymne sang.

Dabei scheint es kaum vernünftige Gründe zu geben, die Monarchie zu verteidigen. Das Amt des Staatsoberhauptes ausschließlich aufgrund der Erbfolge zu vergeben, widerspricht so ziemlich allen Grundsätzen, die Demokraten lieb und teuer sind – etwa Chancengleichheit, Verdienst und Leistungsprinzip. William wird nicht dereinst die Krone übernehmen, weil er sich Kenntnisse im Staatsrecht angeeignet hätte oder ein mutiger Rettungshubschrauberpilot wäre. Er ist auserwählt, weil möglicherweise noch ein Nanoliter Blut von William dem Eroberer in seinen Adern fließt. Verrückt.


Sind Monarchien tatsächlich resistenter gegen Tyrannei als Republiken?

Also was spricht neben den schwachen Argumenten, dass die royale Soap-Opera das Bedürfnis der Menschen nach Märchen ideal befriedigen und die Windsors obendrein ein Tourismus-Faktor seien, für die Monarchie?

Lassen wir den großen österreichischen Schriftsteller Joseph Roth zu Wort kommen. Er war angesichts der Machtergreifung Hitlers in Deutschland vom radikalen Sozialisten zum begeisterten Habsburg-Anhänger mutiert. 1937 beklagte er in einem Artikel die Blindheit seiner Zeitgenossen. Sehen sie denn nicht, so fragt er, dass in den europäischen Monarchien die Diktatoren keine Chancen haben, in den Republiken aber an der Macht oder auf dem Sprung dorthin sind? Wahlniederlagen von rechtsradikalen Volkstribunen in den Monarchien Holland und Belgien und die Auflösung der britischen Faschistenpartei des Oswald Mosley führten ihn zur Überzeugung, dass „der Monarch allein den Usurpator verhindert“.

Denn „in der Republik muss notgedrungen die Demagogie auf die Dauer stärker werden als die Demokratie“. Vernunft allein schütze den Menschen vor der Verirrung nicht. Da brauche er schon ein Vorbild. Ein gewählter Präsident könne das jedoch nicht sein. Denn „schon durch die im voraus beschränkte Zeit seiner Macht manifestiert sich die Flüchtigkeit seiner Würde“.

Roths Behauptung, die Monarchie sei resistenter gegen Tyrannei, ist auf den ersten Blick bestechend. Haben nicht gerade die ältesten und gefestigtsten Demokratien in Europa, wie eben England, Holland und die skandinavischen Länder, gekrönte Häupter?

Zwischen Demokratie und Monarchie dürfte jedoch eher ein historischer als ein kausaler Zusammenhang bestehen. Die von Roth als Beispiel genannten Länder demokratisierten sich sehr früh, zu einem Zeitpunkt, als ein Leben ohne Monarchen noch unvorstellbar schien. In zähen Kämpfen drängten damals die Parlamente die Monarchen in eher machtlose Repräsentation. In den demokratischen Nachzüglerländern Europas aber, allen voran Deutschland und Österreich, mussten hingegen die Dynastien erst gestürzt werden, um Demokratie zu etablieren.

Wie immer der historische Befund auch sein mag: Roths Überlegungen scheinen gerade jetzt an Aktualität zu gewinnen – wo rechtsradikale Demagogen immer stärkeren Zulauf haben und von Russland und der Türkei über Ungarn bis zu den USA demokratisch gewählte Politiker darangehen, die Macht zu usurpieren, um die Demokratie zu ruinieren oder abzuschaffen. Und da ist nicht deren „Flüchtigkeit der Würde“, sondern die Beständigkeit ihrer Würdelosigkeit zu beklagen.

Wahrscheinlich müssen die britischen Republikaner eine ganze Geschichtsepoche warten, bis ihre so treffenden Argumente gegen die Monarchie Gehör finden können.

georg.ostenhof@profil.at