<i><small>Herbert Lackner</small></i>
Der schwierige Freund

Sonderfall Israel – wie kritisiert man seine Politik richtig?

Israel, behaupten die Palästinenser, betreibe mit den Angriffen auf den Gazastreifen gezielt Völkermord. Die Bombardements seien nur die Reaktion auf die Raketenangriffe der Hamas, kontert Israel. Warum greife Israel dann Schulen und Moscheen an und töte damit auch Zivilisten, fragen die Palästinenser. Weil die Hamas just dort ihre Waffen verstecke, um Israel danach vor der Weltöffentlichkeit desavouieren zu können, kontert man in Jerusalem. Und überhaupt sei die Hamas ursprünglich keine Partei, sondern eine radikale islamistische Organisation gewesen, das große Hindernis für einen dauerhaften Frieden in Nahost. Aber die Hamas habe bei den demokratischen Wahlen vom Jänner 2006 die absolute Mehrheit errungen, entgegnen nun wieder deren Führer.

So ähnlich verlaufen die Argumentationslinien seit 60 Jahren – also seit jenem Mai 1948, in dem die Juden ihren Staat gründeten und dieser sofort von den arabischen Nachbarn überfallen wurde, worauf 750.000 Palästinenser vertrieben wurden (so die Palästinenser) beziehungsweise freiwillig gingen (so Israel). Viele Europäer sind dieser Argumente und dieses Konflikts müde. Nach Condoleezza Rice wird nun eben die neue US-Außenministerin Hillary Clinton unermüdlich Shuttle-Missionen absolvieren, es wird wieder kleine Gefechte mit Hisbollah-Einheiten im Südlibanon geben, die Hamas wird nicht in Grund und Boden zu bombardieren sein, bald werden wir wieder von einem Selbstmordattentäter an einer Bushaltestelle in Jerusalem lesen. Und die EU-Außenminister werden an alle Beteiligten appellieren.

Und wer hat Recht? Der Selbstmordattentäter ganz sicher nicht. Aber ist deshalb der israelische Verteidigungsminister im Recht (übrigens ein Sozialdemokrat), der als Reaktion auf Hamas-Raketen, die zwei Menschen töteten, Luftangriffe fliegen lässt, bei denen 200-mal so viele Palästinenser sterben? Und ist der sich aufdrängende Begriff „unverhältnismäßig“ tatsächlich schon antisemitisch angehaucht, wie manche Verteidiger Israels meinen? Auch darauf lautet die Antwort: ganz sicher nicht. So vertrackt das Nahostproblem ist – der Umgang mit ihm ist es nicht weniger. Die europäische Linke hatte den jungen Judenstaat nach dessen Gründung grenzenlos bewundert, noch dazu, wo es in seinem Parlament stabile linke Mehrheiten gab. Noch nach dem Sechstagekrieg von 1967, in dem 20.000 Ägypter, Syrer und Jordanier sowie 679 Israeli gefallen waren, kam es bei Veranstaltungen der SPÖ-Jugend zu „stürmischen Kundgebungen für das demokratische Israel“, wie die „Arbeiter Zeitung“ berichtete.

Selbst ehemaligen Nazis imponierte in den Jahren nach dem 67er-Krieg die militärische Kühnheit der Juden. Die „Deutsche Nationalzeitung“ verglich gar General Mosche Dayan mit dem Wehrmachts-Feldherrn Erwin Rommel.
Da begann sich die Linke schon neu zu orientieren: Erst jetzt, nach den ersten Flugzeugentführungen, hatte sie verblüfft Notiz von der Existenz eines palästinensischen Volkes genommen. Überkompensierend sahen Teile der Linken Israel nun als frevlerisches Produkt des US-Imperialismus und verfielen in antisemitischen Jargon, der in vielen arabischen Ländern und im Iran bis heute gängig ist. Travestie der Geschichte: Alte Antisemiten schwärmen vom schneidigen Israel, entschlossene Antifaschisten verteufeln es.

Bedingungslose Verteidiger Israels reagierten darauf mit der Keule: Wer den Judenstaat kritisierte, galt ihnen fortan taxfrei als Antisemit. Legendär ist die Auseinandersetzung zwischen André Heller und dem deutschen Journalisten Henryk Broder 1982 in profil. Nachdem christliche Milizen unter den Augen ihrer israelischen Verbündeten in den libanesischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila 3000 Palästinenser niedergemetzelt hatten, hatte Heller den israelischen Ministerpräsidenten Menachem Begin als „Räuber und Mörder“ bezeichnet. Broder nannte Heller daraufhin in einem Gegenkommentar implizit einen Antisemiten. Eine verrückte Reaktion in einem an tragischen Verrücktheiten überreichen Konflikt.

Nun wird die Sache noch um eine Drehung verrückter. In Israel steht seit Monaten ein Buch des an der Universität Tel Aviv lehrenden Historikers Shlomo Sand auf den Bestsellerlisten. Sand behauptet darin, die Diaspora – also das jahrtausendelange, erst durch die Gründung des Staates Israel beendete Exil der Juden – sei ein Mythos. Nur relativ wenige Juden seien von den Römern vertrieben worden und hätten sich in Nordafrika, Europa und Russland niedergelassen, wo sie Teile der dort lebenden Bevölkerung zum Judentum bekehrten. Die Mehrheit der „Ur-Juden“ habe das Land zwischen Mittelmeer und Jordan nie verlassen. Die meisten von ihnen seien später zum Islam übergetreten. „Die Palästinenser sind also die Nachkommen der ursprünglichen Juden dieses Gebiets“, schreibt Sand. Und heute sind sie vielleicht bei der Hamas. Vielleicht sollten alle Beteiligten das einmal durchdenken.

herbert.lackner@profil.at