<i><small>Herbert Lackner</small></i>
Fürchtet eucht! Ein bisschen.

Über die Zeit der Beschleunigung und das Risiko, das nächste Jahr vorherzusagen.

Eines der gefürchtetsten Instrumente im Werkzeugkoffer eines Journalisten sind Fragen nach der Zukunft. Zur Anwendung gelangen sie meist zum Jahreswechsel. ­Politiker, die sich dazu hinreißen lassen, darauf zu antworten, haben 365 Tage später ein interessantes Erlebnis, wenn ihnen Fernsehen und Radio zum Gaudium des Publikums die seinerzeitigen Prognosen vorspielen. In Printmedien kommt die Nummer naturgemäß etwas schwächer.

Der Blick in die Zukunft war selbst großen Philosophen zu riskant, weshalb sie sich in der Regel auf das Deuten der Vergangenheit und der Gegenwart beschränkten. Karl Marx etwa hat der Beschreibung des künftigen Idealzustands, also des Kommunismus, in seinem vieltausendseitigen Œuvre wohlweislich nur ein paar Absätze gewidmet. Zeitungen wagen nicht zufällig jede Menge an Jahresrückblicken – auch dieser Artikel wird von einem solchen umschlungen –, aber kaum je eine Vorschau.

Nehmen wir nur 2008. Als das Jahr anbrach, schien es, als habe sich Alfred Gusenbauer aus dem Gröbsten herausgestrampelt. In den Umfragen lag er gut wie seit Regierungsantritt nicht. Heute wissen wir, wie es weiterging. Nicht nur Gusenbauer wurde von den Zeitläuften – recte der eigenen Partei – davongespült. Vier der sieben beliebtesten Politiker in der profil-Dezemberumfrage 2007 – Ursula Plassnik, Martin Bartenstein, Wilhelm Molterer und Maria Berger – haben den Höhepunkt ihrer politischen Karriere zwölf Monate später eindeutig hinter sich. Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky stellte damals gerade ihr Schweinsbratenbuch vor. Kdolsky who? Die ÖVP lag im Dezember 2007 übrigens bei 36 Prozent.

Im gesamten Jahr 2007 war das Wort „Finanzkrise“ in allen österreichischen Tageszeitungen und Wochenmagazinen 766-mal vorgekommen (davon fast 200-mal im Zusammenhang mit den klammen Kassen zweier Grazer Fußballvereine). Wer hätte damals vorhersagen können, dass sich der Begriff im eben anbrechenden Jahr 2008 nicht weniger als 21.000-mal in den heimischen Printmedien finden werde? Im Dezember 2007 fürchtete man sich noch nicht einmal vor der hohen Inflation. Die war inzwischen da und ist auch schon wieder weg. Das Öl ist billig wie seit vielen Jahren nicht mehr. Fachleute warnen vor der Deflation.
So schnell kann’s gehen.

Da tun sich selbst ausgewiesene Experten schwer. Das Wirtschaftsforschungsinstitut sagte im Dezember 2007 in einer riskanten Langfristprognose für 2009 ein Wirtschaftswachstum von zwei Prozent vorher, das Institut für Höhere Studien tippte sogar auf zweieinhalb Prozent. Jetzt haben wir ein Minus vorn. Der Leitzins der US-Notenbank lag damals bei 4,5 Prozent. Inzwischen ist er auf null. Und wer zu Jahresbeginn über die Pleite aller drei großen US-Automobilkonzerne gemutmaßt hätte, wäre als hochgradig meschugge abgetan worden.

In der globalisierten Welt, in dieser neuen Unübersichtlichkeit, sind Prognosen naturgemäß noch schwieriger geworden. Was gestern groß war – Lehman Brothers! –, gibt es heute schon nicht mehr, wo für immer die Sonne zu lachen schien, toben schwere Unwetter, wo die Bäume in den Himmel wuchsen, herrscht Wüstenei. Dem siegreichen und segensbringenden Kapitalismus wohnen – das wissen wir spätestens nach diesem denkwürdigen Jahr – „ungezähmte Kräfte inne, die außer Kontrolle geraten können“ (Angela Merkel), „unterirdische Gewalten, die nicht mehr zu beherrschen sind“ (Karl Marx).

Was soll man da vorhersagen? Man könnte nun meinen, mit pessimistischen Prognosen derzeit auf der sicheren Seite zu sein. Hohe Arbeitslosigkeit, sinkende Kaufkraft, vernichtete Industrien, implodierende Banken, explodierende Schulden. So ähnlich wird’s ja wohl werden. Aber auf einer schiefen Ebene, auf der es immer nur nach unten geht, sind wir auch nicht. Wer hätte vor einem Jahr, als die Grenzkontrollen im östlichen Mitteleuropa fielen, schon darauf getippt, dass die Kriminalität in diesem Teil der Welt zurückgehen wird? Im Irak starben Anfang des Jahres 2008 an einem durchschnittlichen Tag fünfmal so viele Menschen wie heute. Barack Obama lag in Umfragen hinter Hillary Clinton und den republikanischen Herausforderern. Und die große Koalition in Österreich scheint es diesmal tatsächlich ernst zu meinen, auch wenn der Autor dieses Textes noch vor Jahresfrist an derselben Stelle einen Leitartikel mit dem Untertitel „Warum große Koalitionen heute einfach nicht mehr funktionieren können“ schrieb.

Prognosen sind also ein Hund. Aber Wilhelm Buschs berühmte Neujahrswünsche, niedergeschrieben vor genau 130 Jahren, passen immer: „Eins, zwei, drei! Im Sauseschritt/lauft die Zeit – wir laufen mit.“ In der letzten Strophe heißt es: „Froh hüpft der Floh/vermutlich bleibt’s noch lange so.“ Prosit.

herbert.lackner@profil.at