<i><small>Herbert Lackner</small></i>
Wahlsieger „Krone“

Wenn sich eine Zeitung als politische Partei zu fühlen beginnt, wird’s bedenklich.

Von hinten gelesen verlief die Geschichte eigentlich ganz logisch. Hans-Peter Martin, der einsame, aber unbeugsame Kämpfer gegen Brüssel & Bonzen; und die „Kronen Zeitung“, die Anwaltschaft des kleinen Mannes, die 2,9 Millionen Leser auf die Waage bringt – dieses Team musste erfolgreich sein, wenngleich die fast 18 Prozent für HPMs Ego-Liste doch etwas verwundern.

70 Prozent der Wähler des Vorarlberger Rappelkopfs lesen laut Wahlanalysten nichts anderes als die „Kronen Zeitung“. In dieser kam Hans-Peter Martin in den letzten fünf Wahlkampfwochen 121 Mal vor (selbst Werner Faymann schaffte das im selben Zeitraum „nur“ 59 Mal). Täglich reservierte ihm das Blatt ein bis zwei Seiten für den Abdruck seines Buches „Die Europafalle“ – nach Inseratentarif wäre das selbst für eine Großpartei unerschwinglich.

„Ich streichle lieber meinen Hund, als Macht auszuüben“, hatte Herausgeber Hans Dichand vor Jahren in seinen Memoiren geschrieben – geglaubt hat ihm das niemand. Denn seine schiere Größe macht das Kleinformat zum Player. Die „Krone“ hat ebenso viele Leser wie „Kleine Zeitung“, „Kurier“, „Österreich“, „Standard“ und „Oberösterreichische Nachrichten“ zusammen. Und überdurchschnittlich viele „Krone“-Leser greifen zu keinem anderen Blatt: Was in „ihrer“ Zeitung steht, ist für sie die Wahrheit.

Die „Krone“ hat in ihrer 50-jährigen Geschichte gegen Kraftwerke kampagnisiert, gegen Gentechnik und gegen Politiker wie Johanna Dohnal, Caspar Einem, Erhard Busek und Ursula Plassnik. Aber nie reichte ihr Einfluss so weit in die Zentren der österreichischen Politik wie heute. Die „Krone“ kann mit Fug und Recht behaupten, einen wichtigen Beitrag zur Kanzlerwerdung Werner Faymanns geleistet zu haben. In der ÖVP hat sie durch die wütende Kampagne gegen den Kreis um Wolfgang Schüssel den Lauf der Dinge ebenfalls nicht unwesentlich beeinflusst. Derzeit mischt sie sogar bei einem SPÖ-internen Konflikt mit: Der mit Kanzler Faymann im Streit liegende steirische Landeshauptmann Franz Voves wird abwechselnd als „Modemarxisterl“, „Schmalspurbolschewist“ und „selbstherrlicher Rächer der Enterbten“ niedergemacht.

Aber Zeitungen sind unsichere Bündnispartner. Die „Krone“ war etwa lange eine glühende EU-Befürworterin, bevor ihr Herausgeber in der EU-Gegnerschaft eine klaffende Marktlücke sah. Im Chor mit den Sozialdemokraten hatte sie sich 1999/2000 gegen die Bildung einer schwarz-blauen Regierung ins Zeug geworfen, um – nach Verhängung der EU-Sanktionen – auf nationalen Masseninstinkt zu bauen und den Schulterschluss mit eben dieser Regierung einzufordern. Jahrelang hatte sie die Rabiat-Politik des aufsteigenden Rechtspopulisten Jörg Haider besungen, um Haider schließlich fallen zu lassen und auf den zukunftsträchtigeren Werner Faymann zu setzen. Wieder nur wenige Monate später fügte sie Faymanns Partei durch die bedingungslose Unterstützung Hans-Peter Martins die schwerste Niederlage ihrer Geschichte zu, indem sie deren Spitzenkandidaten unablässig als „der unsägliche Herr Swoboda“ oder „der glatte Herr Swoboda“ heruntermachte.

Denn wichtigstes Ziel der „Krone“ ist nicht das Wohlergehen der Herren Faymann, Haider, Swoboda oder Martin, sondern das Behaupten der eigenen Machtposition am Markt. Boulevardzeitungen – das haben viele bis heute nicht verstanden – machen auf Dauer Politik ausschließlich in ihrem eigenen ökonomischen Interesse und nicht im Interesse einer Weltanschauung oder gar einer Partei. Allianzen können nur auf Zeit geschmiedet werden, und sie sind teuer, weil viele dieser Blätter ihr Wohlverhalten mit Inseratenaufträgen abgegolten haben wollen.
Wer dies für das Ende der freien, kontrollierenden und informierenden Presse hält, liegt nicht falsch.

Je öfter die „Kronen Zeitung“ ihre Vorstellungen in der Politik durchsetzt, desto mehr neigt diese zu vorauseilendem Gehorsam. Über einen besonders lächerlichen Akt „hündischer“ Unterwerfungslust berichteten vergangenen Freitag die „Salzburger Nachrichten“. Soldaten des Bundesheer-Friedenskontingents hatten vergangenen Herbst zwei streunende Hündchen aus dem Tschad illegal nach Österreich mitgebracht. Als die Sache am Flughafen Linz aufflog, wurden die Tiere zurück in den Tschad expediert. Daraufhin startete die Tierecke der „Kronen Zeitung“ eine Kampagne („Übereilte Abschiebungsaktion“, „Wut und Entsetzen bei Tierschützern“). Erschrocken plante das Verteidigungsministerium allen Ernstes, die Hunde mit einer Militärmaschine aus dem Tschad einzufliegen, und hatte bereits das entsprechende Impfserum nach Afrika schaffen lassen. Dort waren die Hunde inzwischen gut in einem Waisenhaus untergekommen. Der Minister ließ der „Krone“-Tiertante untertänig entsprechende Beweisfotos vorlegen, worauf sich diese großmütig bereiterklärte, die Kampagne einzustellen. Wie die Sache wohl gelaufen wäre, hätte es sich um Menschen und nicht um Hunde gehandelt?

herbert.lackner@profil.at