<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Alle gegen den Kalifen

Islamischer Staat - <small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Alle gegen den Kalifen

Mit der Türkei hat die Anti-IS-Allianz ein neues, wichtiges Mitglied bekommen. Nun muss der Iran ins Boot geholt werden.

Dass er einmal als Kriegspräsident in die Geschichte eingehen könnte, hätte er sich noch vor Kurzem nicht träumen lassen. Aber es ist möglich. Die längste Zeit wurde Barack Obama als Weichling gescholten, der den Weltpolizisten Amerika einfach in Pension schicken will. Angesichts des Vormarsches der IS-Dschihadisten in Syrien und dem Irak hat er diesen Ruhestand, den auch viele seiner Landsleute ersehnten, abgeblasen.

So erschreckend rasant die Kolonnen des „Islamischen Staates“ vorrückten und ihre Terror-Herrschaft errichteten, so schnell vollführte schließlich Obama, nach einer Schrecksekunde, seine Wende: Er, der bislang hauptsächlich Truppenabzüge organisiert hatte, zimmerte in nur wenigen Tagen eine beeindruckend breite Koalition aus westlichen und arabischen Staaten, die gegen die Steinzeit-Islamisten in den Krieg ziehen.

Es gibt freilich ein Problem. „Boots on the ground“ will niemand. Aus Kampfjets Stellungen und Panzer bombardieren – das ja. Auch tödliche Drohnen aufsteigen lassen. Aber den Kalifat-Terroristen mit ihren schwarzen Fahnen Bodentruppen entgegenzustellen – davor scheuen sich bislang die Teilnehmer an der Anti-IS-Koalition. Allen voran die USA selbst. Und das ist nur zu verständlich. Bloß: Die Militärstrategen sind sich einig, dass man aus der Luft allein zwar den Vormarsch des Feindes bremsen, vielleicht auch stoppen könne; um diesem eine wirkliche Niederlage zuzufügen, benötige man aber Truppen vor Ort.

Jene Kräfte, die bisher am Boden in den Kampf gegen den IS geschickt werden, sind diesem aber auf allen Ebenen unterlegen. Die irakische Armee hat sich, sobald sie des Dschihadisten-Vormarsches ansichtig wurde, verflüchtigt. Und die Kurden – die Peschmerga-Soldaten des Nord-iraks und jene in Syrien – zeigen zwar eine hohe Kampfmoral, gegen die wohlorganisierte IS-Armee sind sie jedoch chancenlos.

Also werden sich Obamas Versicherungen, man werde die Terrortruppe des selbst ernannten Kalifen Baghdadi vernichtend schlagen, als illusorisch erweisen?

Seit vergangener Woche kann die westlich-arabische Kriegskoalition ein wenig zuversichtlicher in die Zukunft blicken. Sie hat nämlich einen Neuzugang zu verzeichnen: die Türkei. Bisher hat sich Ankara stets geweigert, der Anti-IS-Allianz beizutreten. Am Donnerstagabend gab das Parlament der Regierung des Recep Erdogan nun freie Hand, in den beiden Nachbarländern Syrien und Irak mit militärischen Mitteln „gegen Terrororganisationen“ vorzugehen. Auch mit Bodentruppen.

Gewiss ist diese neue Situation nicht unproblematisch: Die syrischen Kurden befürchten, im Zug der Kampfhandlungen unter die türkischen Räder zu kommen. Und Erdogan will dezidiert, dass die Koalition einen Zweifronten-Krieg führt – gleichzeitig gegen den IS wie gegen den syrischen Diktator Baschar al-Assad. Sehr schwierig.

Dennoch: Der Beitritt der Türkei zur Kriegsallianz ändert die strategische Lage grundlegend. Dieses große Land hat eine ernsthafte, hochgerüstete und starke Armee (die größte von allen europäischen NATO-Staaten). Ankara ist bereit, Bodentruppen zum Einsatz zu bringen, die es wirklich mit dem „Islamischen Staat“ aufnehmen können. Und bietet so die notwendige Ergänzung zu den alliierten Luftangriffen. Ein Sieg gegen den IS ist erstmals absehbar.

Wenn aber Obama wirklich, wie versprochen, dem Kalifen und seinen Kumpanen den Garaus machen will, wie er verspricht, wird er wohl nicht umhin können, mit dem Iran zusammenzuarbeiten.

„Das zentrale Problem bleiben die Sunniten, die sich in der Bagdader Regierung nicht repräsentiert fühlen“, analysiert Fareed Zakaria, der Star der politischen US-Publizistik. Die sunnitischen Stämme sehen keine Veranlassung, mit den Amerikanern und Bagdad gemeinsam gegen den IS Front zu machen. Nun drängen die USA, eine inklusive, nicht-sektiererische irakische Regierung zu bilden. Aber am Ufer des Tigris hält sich der politische Einfluss Amerikas dann doch in Grenzen. Teherans Einfluss ist größer. Die schiitischen Parteien, die jetzt in Bagdad am Ruder sind, wurden im Iran gegründet, und die meisten Führer waren während der Saddam-Ära Jahre dort im Exil. „Wenn das Ziel der Amerikaner ist, dass die irakische Regierung die Macht in stärkerem Maße mit den Sunniten teilt, dann wäre eine Hilfe des Iran sehr wertvoll, wenn nicht sogar entscheidend“, schreibt Zakaria in der „Washington Post“.

Es gilt also, die Atom-Verhandlungen mit den Iranern so schnell wie möglich zum Abschluss zu bringen, um dann Teheran ins gemeinsame Anti-IS-Boot zu holen – oder zumindest in dessen Beiboot. Nach Äußerungen des Präsidenten Hassan Rohani wäre der Iran zur Kooperation durchaus bereit.

PS: In der Geschichte des Morgenlandes haben drei Völker immer wieder um die Vorherrschaft gekämpft: die Perser, die Araber und die Türken. Reiche sind entstanden und untergegangen. Konstant blieb dieser Wettstreit. Wie es aussieht, ziehen Saudi-Arabien, der Iran und die Türkei, Staaten, die einander normalerweise spinnefeind sind, nun plötzlich an einem Strang. Eine kleine, brutale Gangster-Bande namens IS hat die ewigen Konkurrenten zusammengebracht. Klar: Morgen kann das wieder ganz anders aussehen. Wir haben es mit einer Momentaufnahme zu tun. Aber es ist wert, sich diese genau anzusehen.

georg.ostenhof@profil.at