Leitartikel von Sven Gächter: Faustdick

Leitartikel von Sven Gächter: Faustdick

Die Politik der ruhigen Hand hat ausgedient. Gefragt sind starke Hände – auch wenn sie nicht viel mehr können, als zuzuschlagen.

Vielleicht wissen wir einfach noch nicht genug über Donald Trump. Vielleicht ist er im richtigen Leben ein aufrechter Mann des Feinsinns: charmant, geistreich, belesen und selbst Widersachern gegenüber von ausgesuchter Diskretion. Wenn es sich paradoxerweise so verhalten sollte, wäre er allerdings nicht der aussichtsreichste Aspirant auf die republikanische US-Präsidentschaftskandidatur. Donald Trump mischt die etablierte Politszene mit einer maximal aggressiven Antithese zu Charme, Esprit und anderen humanistischen Primärtugenden auf. Seine Anhänger lieben ihn dafür, dass er offenbar genau so ist wie sie: „plump, ungebildet, ordnungsbesessen, nationalistisch, fremdenfeindlich, wutgetrieben, kompromisslos, strafend“ (© „Spiegel online“).

Vielleicht wissen wir auch viel zu wenig über Wladimir Putin, seine heimliche Leidenschaft für Puschkin, das Bolschoi-Ballett und Schostakowitsch; über Viktor Orbáns intime Kenntnis von Franz Liszts oder Béla Bartóks Spätwerk; über Recep Tayyip Erdoğans Hang zu moderner Molekularküche und existenzphilosophischen Fragestellungen in der Tradition von Kierkegaard und Jaspers. Ganz zu schweigen womöglich von Heinz-Christian Strache und seinem unstillbaren Faible für Wagner, Rilke und Hatha-Yoga!

Wir können nicht ausschließen, dass die genannten Politiker tatsächlich einschlägige feinkulturelle Vorlieben pflegen. Mit Sicherheit ausschließen können wir jedoch, dass sie damit bei ihrer Fangemeinde irgendwelche Sympathiepunkte sammeln würden. Der Zeitgeist, dem Trump, Putin, Orbán, Erdoğan & Co. ihre Popularität verdanken, tickt autokratisch. Hardliner sind gefragt, die der chaosschwangeren realpolitischen Gemengelage (Wohlstandsgefälle, Arbeitslosigkeit, Flüchtlinge, Terrorismus) markige Parolen entgegensetzen – und im Ernstfall auch entsprechend drastische Maßnahmen. Der Ernstfall ist nach Ansicht sehr vieler Menschen längst eingetreten.


Die Politik der ruhigen Hand, für die zehn Jahre lang exemplarisch wie niemand sonst die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel stand, hat augenscheinlich ausgedient.

„Wir sind das Volk!“, skandierten die Pegida-Demonstranten in Ostdeutschland trotzig. Und das Volk bestimmt in einer Demokratie bekanntlich, wo es langgeht. Doch in Wahrheit sehnen sich immer größere Teile des Volkes (und keinesfalls nur in demokratisch unterentwickelten Gesellschaften, wie das Beispiel USA zeigt) nach Führerpersönlichkeiten, die unmissverständlich und ohne Rücksicht auf Niveauverluste vorgeben, wo es langzugehen hat, auf dass die verloren gegangene Ordnung wiederhergestellt werde – auch wenn diese Ordnung nur eine realitätsfremde, verbissene Illusion sein sollte.

Die Politik der ruhigen Hand, für die zehn Jahre lang exemplarisch wie niemand sonst die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel stand, hat augenscheinlich ausgedient. Starke Hände sind en vogue, vorzugsweise zu schlagkräftigen Fäusten geballt. Putin, Orbán und Erdoğan ­haben auf diese Weise ihre Länder buchstäblich in den Griff bekommen – allerdings um den Preis kompromisslos ­repressiver, zutiefst pluralismusfeindlicher Regimes. Jarosław Kaczyński scheint für ­Polen Ähnliches vorzuschweben (selbst ohne offizielles politisches Mandat). Donald Trump führt zwar einen erbitterten Feldzug gegen das sogenannte Establishment, will sich de facto wohl aber nur für die Verachtung rächen, die dieses ihm seit jeher entgegenbringt – und hofft, durch die Präsidentschaft seine kruden, ganz auf die eigene Person zugeschnittenen Establishment-Fantasien verwirklichen zu können. „Er will einfach nur herrschen“, sagte Trump-Biograf Michael D’Antonio vergangene Woche im profil-Interview. An welchem Machttypus der monomanische Politberserker Maß nimmt, wenn er ausnahmsweise einmal von sich selbst abstrahiert, stellte er in aller nicht weiter interpretationsbedürftigen Deutlichkeit vor Kurzem klar: „Er ist wenigstens ein Anführer, einer, wie wir ihn in diesem Land nicht haben.“ Das Kompliment galt ­Wladimir Putin.

Der imperatorische Regierungsstil dürfte das Erfolgsmodell der Zukunft werden – nicht weil es keine Alternativen dazu gäbe, sondern weil immer mehr Menschen zu der Ansicht neigen, dass die bekannten Alternativen versagt haben oder denkbare Alternativen ohnehin nicht erstrebenswert, weil warmduscherverdächtig sind. Man kann die Schuld an dieser besorgniserregenden Entwicklung der etablierten Politik zuschieben, die ihren Legitimitätsnachweis nicht überzeugend erbracht hat. Man kann aber auch die staatsbürgerliche Zurechnungsfähigkeit all jener hinterfragen, die allen Ernstes glauben, ihr Schicksal sei bei Rambo-Wiedergängern unterschiedlichen Zuschnitts in den besten Händen. Vielleicht hat am Ende jedes Land den Trump, Putin, Orbán, Erdoğan (oder Strache), den es verdient.