<small><i>Liselotte Palme</i></small>
Die Märkte sind gaga

Ob das, was jetzt stattfindet, der Anfang vom Ende des Euro ist, weiß keiner. Liselotte Palme findet aber, dass vieles an der Debatte schiefläuft.

So schnell kann es gehen. Keine zwölf Monate ist es her, da standen die großen Finanzakrobaten bei den Finanzministern auf der Matte. Ganz klein und brav und mit dem Hut in der Hand baten sie um Geld zum Durchtauchen der Krise.

Jetzt ist alles anders. Jetzt sind sie wieder dick da, besonders die Investmentbanker. Diese beschuldigen jetzt die Politiker, sie hätten unverantwortlich geschludert. Bekanntlich haben besagte Politiker den 750-Milliarden-Euro-Rettungsschirm ja nicht für die Griechen, Spanier, Portugiesen und Italiener aufgespannt (die haben wirklich geschludert!), sondern für exakt diese Finanzleute: Denn wäre etwa der Schuldner Griechenland umgefallen, dann wären es wieder die Banken gewesen, die Staatsknete gebraucht hätten.

Wundert das alles irgendjemanden? Hoffentlich nicht.

IHS-Chef Bernhard Felderer hat erklärt, heutzutage seien die Finanzmärkte die Letztentscheider über das Schicksal eines Schuldners. Wie wahr. „Goldman-Sachs-Geschäfte laufen wie geschmiert“, titelte die „Die Presse“ vor ein paar Tagen. Das Handelsgeschäft der Investmentbank liefe hervorragend wie nie zuvor. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte habe sie im ersten Quartal an jedem einzelnen Geschäftstag (!) viel Geld verdient: An 35 der 63 Arbeitstage über 100 Millionen Dollar, an keinem Tag weniger als 25 Millionen (!). Dies gehe aus einem Bericht hervor, den die Bank selbst bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereicht habe.

Bravo. Dass die Griechen durch ihr Dauerschludern den Grundstein ihrer Misere gelegt haben, bestreitet ja keiner. Aber ebenso wahr ist es, dass das Verhalten der Finanzmärkte (sprich die berühmten „Spekulanten“) ein vorhandenes Problem tatsächlich irrwitzig übersteigern kann. Ihr Verhalten hat mit den langfristigen Aussichten eines Schuldners absolut nichts zu tun: Ihnen ist gänzlich egal, was mit einem Staat passiert, ob sie Menschen in die Arbeitslosigkeit stürzen. Es geht einzig und allein um kurzfristige Ertragsaussichten.

Ganz ungeschoren dürften diese Investoren im Falle Griechenlands freilich nicht davonkommen. Eine Umschuldung der griechischen Forderungen, also ein Beitrag der bisherigen Gläubiger, erscheint so gut wie sicher – wenn auch nicht sofort, sondern erst später. Eine solche Umschuldung würde bedeuten, dass die Athener Schulden reduziert werden – um zwanzig, dreißig oder gar fünfzig Prozent. Für die bisherigen Gläubiger hieße das, dass sie am Ende der Laufzeit ihrer Papiere nur einen Teil des Einsatzes zurückbekämen, und Griechenland wäre einen Teil seiner Schulden los.

Das Problem an einer solchen Lösung, die hierzulande beispielsweise die Grünen so rasch wie möglich einfordern, bestünde jedoch in Folgendem:

Entschlösse man sich jetzt schon zu einem solchen „haircut“ (wie das im Fachjargon heißt), dann passierte dies zu einem Zeitpunkt, da sich etliche Banken in den Geberländern noch in Schieflage befinden. Fallen bei ihnen dadurch entsprechende Abschreibungen an, so wäre der jeweilige Staat einmal mehr gefordert. Staatsgeld würde dann also nicht nur nach Athen fließen, sondern neuerlich den Banken zugutekommen.

Die starken Banken, die jetzt wieder Gewinne schreiben, hätten in einem solchen Fall ebenso wenig Anreiz wie ihre immer noch schwächelnden Kollegen, die griechischen Papiere in ihren Portefeuilles zu behalten, wie sie es – in Österreich – dem Finanzminister kurz nach dem Brüsseler Wochenende versprochen haben. Sie würden sie vielmehr abstoßen, sobald sie sehen, dass ein „haircut“ unvermeidlich wird.

Wenn sie aber ihre Papiere jetzt schon hinschmeißen, dann hilft auch die ganze schöne Anleihen-Ankaufsgarantie der Europäischen Zentralbank nicht mehr. Dann schwappte eine Verkaufswoge über den Markt. Und dann scheiterte das ganze wackelige Hilfskonstrukt.

Deshalb darf der „haircut“ nicht jetzt, sondern erst in ein oder zwei Jahren passieren.

Komisch an der ganzen Angelegenheit ist freilich so manches. Zum Beispiel die Tatsache, dass die Finanzmärkte so kurz nach ihrem evidenten Scheitern (während der Krise) jetzt schon wieder ein so hohes Maß an Glaubwürdigkeit erlangt haben. Thomas Fricke, Chefökonom der – nicht gerade linksradikalen – „Financial Times Deutschland“, ist darüber bass erstaunt. In einer Kolumne („Crash mit Selbstauslöser“) bezeichnet er die Finanz-Globalisierung mit ihren alles beherrschenden Spekulationswellen als „zunehmend desaströsen Krisenbeschleuniger“. Selbst bei so exorbitant hohen Zinsen, wie Athen sie den Geldgebern zuletzt zahlen musste, schien sich ja in der Öffentlichkeit immer noch die „kuriose Idee“ zu halten, dass dies eine „irgendwie gerechte Strafe fürs (griechische Budget-)Schludern“ sei.

Effiziente Finanzmärkte, die ja über jede Menge Information verfügen, hätten die Probleme in Griechenland, Portugal oder Spanien schon längst „einpreisen“ können. Sie haben es aber nicht getan, sich vielmehr – heuchlerisch? – an den jeweils offiziellen Zahlen orientiert. Komisch, nicht wahr?

Auf so effizienten Märkten hätte es außerdem – natürlich – Gegenspekulation geben müssen, die ihrerseits dafür gesorgt hätte, dass die Bäume der Skepsis nicht in den Himmel wachsen. Der Theorie nach führt auf solchen Märkten ja jeder Kursausreißer dazu, dass andere Marktteilnehmer auf dessen Korrektur spekulieren und diese Korrektur dann via Kauf oder Verkauf selber auslösen.

Nichts dergleichen ist passiert. Fricke: „Im Gegenteil.“ Begründung: „Solange alle in eine Richtung rennen, ist es ja für jeden rational, mitzumachen und die Übertreibung so zu verstärken.“ Was auf solchen Märkten total fehle, sei besagte Stopptaste. Fricke: „Dieser Mix aus Herdentrieb und Spekulation wirkt zunehmend desaströs.“

Kurz davor hatte Thomas Fricke dasselbe Thema in einer Kolumne mit dem Titel „Vom Kasino in die Anstalt“ aufgegriffen. Darin hatte er anhand konkreter Beispiele vorgeführt, wie „gaga“ die globalen Finanzmärkte inzwischen geworden sind. Außer den kurzfristigen Interessen der Investoren, die nichts, aber schon gar nichts mit dem langfristigen Schicksal des Schuldners zu tun haben, interessiere sie gar nichts mehr.

Wie können die Märkte da die Situation eines Staates noch halbwegs angemessen beurteilen?

Hat es in dieser Situation noch irgendwelchen Sinn darzustellen, wie unterschiedlich sich die Probleme der einzelnen europäischen Schuldnerländer in Wahrheit darstellen? (Hat jemand „nur“ hohe Schulden, jedoch kaum strukturelle Budgetdefizite? Oder sind die Pensions- und Gesundheitssysteme ebenso wie die Arbeitsmärkte total aus dem Ruder gelaufen?) Dass aus solcher Sicht etwa die USA, England oder Italien nicht so viel anders zu beurteilen wären als Griechenland und Portugal, ist ebenfalls ein Thema, das unter anderen Umständen nicht uninteressant wäre. Aber die genannten Staaten sind viel zu groß, um zu scheitern, an ihnen würden sich die Finanzmenschen die Zähne ausbeißen („too big to fail“). Daher ist die Frage irrelevant.

Was der – ebenfalls nicht gerade linksradikale – Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo), Karl Aiginger, in den vergangenen Wochen immer wieder betont hat, ist die Notwendigkeit von Wirtschaftswachstum. Die Geschichte hat gezeigt, dass Staaten immer nur dann imstande waren, sich aus Schuldenbergen herauszubuddeln, wenn ihre Wirtschaft kräftig gewachsen ist (und auch, wenn sie dabei ein bisschen Inflation zu Hilfe nehmen konnten).

Nun ist Wirtschaftswachstum heutzutage nicht gerade ein Public-Relations-Renner, allgemein verbindet man es mit Zubetonieren und ähnlichem Unsinn. Aber Aigingers Argument ist trotzdem richtig: Wenn jene Verhältniszahl, die im Zähler Schulden oder Budgetdefizite und im Nenner das Bruttoinlandsprodukt zeigt, sinken soll, dann muss entweder der Zähler schrumpfen und/oder der Nenner wachsen. Wenn beides passiert, ist es natürlich am besten – aber nur der Zähler allein reicht erfahrungsgemäß nicht. Folge: Wenn alle europäischen Staaten gleichzeitig heftig sparen und so auf Wirtschaftswachstum verzichten, dann reiten sie den Kontinent unweigerlich in die nächste Rezession. Das ist nicht gut und bringt überdies Regierungen ins Wanken. Aiginger liegt also mit seiner Forderung nach einem – differenzierten, also exakt auf jeden einzelnen Ausgabenposten abgestellten – „Wachstums-Impulspaket“ genau richtig.

Als die Deutschen vor Gründung der Währungsunion darauf bestanden, eben keinen zwischenstaatlichen Finanzausgleich im Euroland vorzusehen und stattdessen jedes einzelne Land mit seiner Finanzpolitik allein dahinwerkeln zu lassen, da schrien viele Ökonomen laut auf. „Das ist Quatsch!“, meinte etwa der damalige Wifo-Chef Helmut Kramer. Begründung: Wenn einer ohnehin schon Finanzprobleme hat, dann wirke ein einzelstaatlicher Sanktionsmechanismus genau kontraproduktiv. In einem solchen Fall werde ihn die Aussicht auf Strafzahlungen sicher nicht auf den „rechten Weg“ zurückzubringen vermögen.

Jetzt ist von diesem Argument nichts mehr zu hören. Jetzt scheinen – abgesehen von den Wifo-Leuten – alle zu glauben, dass die Länder ihre Budgets bloß irgendwie, und zwar möglichst rigoros, zusammenstreichen müssten, dann würde alles wieder gut.

Mitnichten. Wenn man so vorgeht, provoziert man bloß eine Rezession.

Richtig, die Griechen haben Mist gebaut. Aber wenn nun alle Euroländer wie die Irren zu sparen beginnen, einfach irgendwie, dann verliert Europa das bisschen Chance, das es in der ökonomischen Welt von morgen hoffentlich noch hat. Dann wächst der Kontinent gar nicht mehr, er kann dann auch nicht in den hoch spezialisierten (und teuren) Bereichen der globalen Märkte reüssieren. Und schließlich säuft er vollends ab.

Wollen wir das?


Liselotte Palme, langjährige profil-Wirtschaftsredakteurin, arbeitet heute als freie Autorin für Medien im In- und Ausland.