© Alexandra Unger

Meinung
06/20/2020

Martin Staudinger: Beep!

Der Fall Fawlty oder: Wenn der Kampf gegen Rassismus ins Paradoxe kippt.

von Martin Staudinger

Jetzt wurde also auch "Fawlty Towers" des Rassismus überführt - die legendäre Sitcom über ein englisches Hotel und seinen verhaltensoriginellen Besitzer Basil Fawlty, der von Monty-Python-Mitgründer John Cleese verkörpert wird. Vergangene Woche nahm die BBC eine 1975 gedrehte Folge der Serie zwischenzeitlich aus ihrem Streaming-Programm, weil darin mehrfach das Wort "Nigger" fällt.

Dass ein öffentlich-rechtlicher Sender derartige "rassistische Verunglimpfungen" (so die BBC, welche die Episode erst wieder freischalten will, wenn sie mit einem Warnhinweis versehen wurde) im Jahr 2020 und im Lichte der Black-Lives-Matter-Bewegung der Öffentlichkeit nicht mehr zumuten kann, ist doch klar. Oder?

Nein, ist es nicht: Die Umgangsweise mit dem Fall Fawlty zeigt vielmehr, wie das grundsätzlich absolut gebotene Unterfangen, die kolonialistische Vergangenheit des Westens aufzuarbeiten, mit hartnäckigen ethnischen Stereotypen aufzuräumen und die Diskriminierung von Minderheiten zu beenden, ins Paradoxe kippen kann - was inzwischen gar nicht selten geschieht.

Weil das am Beispiel Fawtly Towers so prototypisch zutage tritt, lohnt es sich, die inkriminierte Episode etwas ausführlicher zu schildern: Sie handelt einerseits davon, wie Hotelbesitzer Fawlty erfolglos versucht, einen Elchkopf an der Wand der Rezeption aufzuhängen, und dabei mehrmals von dem herabfallenden Teil niedergestreckt wird. Andererseits geht es um den ebenso erfolglosen Versuch des Hotelbesitzers, den Impuls zu unterdrücken, gegenüber einer deutschen Reisegruppe den Zweiten Weltkrieg zu erwähnen. All das führt zu einem kompletten Desaster und gipfelt in einer völlig durchgeknallten Hitler-Parodie.

Das eigentliche Problem der Episode liegt nach Ansicht der BBC-Verantwortlichen aber anderswo: In einer kurzen Szene, in der Fawltys bereits recht tattriger Dauergast Major Gowen mit dem Gestus der Fassungslosigkeit erzählt, dass eine Bekannte ein indisches Kricket-Team als "Nigger" beschimpft habe. Es stellt sich heraus, dass es keineswegs diese abschätzige Bezeichnung ist, die den Major daran stört - sondern ihre unsaubere Zuschreibung: Wenn schon, empört er sich, seien Inder doch keine "Nigger", sondern "Wogs" (ein nicht minder beleidigender Ausdruck). Man muss das nicht komisch finden. Aber eines ist klar: Sowohl Fawlty als auch Gowen sind Figuren, die von ihrer Überzeichnung leben - Fawlty (unter anderem, der Mann hat nämlich viele Abgründe) als provinzieller Macho-Spießer, der seine Defizite offenlegt, indem er sie zu verstecken versucht; Major Gowen als Fossil aus der Kolonialzeit, das seinen täglichen Sundowner bereits vor Sonnenuntergang zu kippen pflegt und dementsprechend umnachtet ist. Die einzige ernstzunehmende männliche Figur in der Episode ist ein dunkelhäutiger Spitalsarzt, der den nach mehreren Kollisionen mit dem Elchkopf zunehmend verwirrten Hotelbesitzer erfolgreich behandelt.

Was Fawlty und der Major tun und von sich geben, richtet sich vor allem gegen sie selbst. Das war von den Machern der Serie so intendiert, schon bei der Erstausstrahlung vor mehr als 40 Jahren klar und wurde seither auch so verstanden.

Daraus nunmehr genau das Gegenteil, nämlich rassistische Verunglimpfung, zu machen, ist nur der offensichtlichste absurde Aspekt im Fall Fawlty. Ein anderer besteht darin, dass mittlerweile gerade selbst ernannte Fortschrittliche jegliche Kontextualisierung verdammen -also genau das, was Linken und Liberalen bislang oberstes Gebot war. Begriffe wie "Nigger" sind demgemäß absolut tabu; selbst dann, wenn ihr Einsatz dazu dient, Rassismus zu entlarven oder anzuprangern. Das soll angeblich verhindern, "dass Leute, die traumatische Erfahrungen haben, dadurch verletzt und gekränkt werden" - so die Begründung des Intendanten der Berliner Festspiele, der 2017 das Stück "89/90" dementsprechend säubern ließ: Im Text einer Bühnenfigur, die als Neonazi konzipiert war, wurde das Wort "Neger" gestrichen. Der Schauspieler musste stattdessen "Beep" sagen.

Schon klar: Die Bedeutung von Begriffen wandelt sich im Laufe der Zeit; das, was ihre Wahrnehmung auslöst, ebenfalls. Darauf zu beharren, im alltäglichen Gespräch "Neger" zu sagen, weil das früher gang und gäbe war, ist bloß verstockt.

Um zu definieren, was noch geht und was nicht mehr, sind aufs Geratewohl verhängte, auf fragwürdige Annahmen beruhende Sprachregelungen aber nicht das richtige Mittel. Gerade öffentliche Institutionen müssen ihre Maßnahmen debattieren und für die Allgemeinheit nachvollziehbar begründen. Wenn - um konkret beim Fall Fawlty zu bleiben - Rassisten nicht mehr als das dargestellt werden können, was sie sind, bedeutet das eine Teilentmündigung des Publikums. Die Mehrheit der Leute verfügt nämlich sehr wohl über das ausreichende Reflexionsvermögen, um über Fawlty und den Major zu lachen, statt mit ihnen.

Wer das ableugnet, müsste auf ein generelles Darstellungsverbot für Bösewichte hinarbeiten. Das hieße konsequenterweise: Krimis ohne Verbrecher. Oder Sitcoms, deren Handlung darin besteht, dass sich achtsame Menschenfreunde miteinander wertschätzend über nachhaltige Formen des Zusammenlebens austauschen. Der Erkenntnisgewinn dabei dürfte allerdings ebenso groß sein wie der Unterhaltungswert.
 

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