Martin Staudinger: Kontinent der Angst

Martin Staudinger: Kontinent der Angst

Der Schock über den Brexit gibt Anlass, sich endlich einmal bewusst zu machen, wovor wir uns wirklich fürchten sollten.

Wenn man der europäischen Psyche derzeit eine Diagnose ausstellen müsste, dann würde sie wohl auf „Angststörung“ lauten: Angst ist das prägende Gefühl, welches das kollektive Bewusstsein bestimmt.

Angst vor Terrorismus. Vor Flüchtlingen. Vor Russland, den Chinesen, Erdogan. Vor dem Bevölkerungswachstum in Afrika. Dem Bevölkerungsrückgang in Europa. Dem sozialen Abstieg. Dem klimabedingten Temperaturanstieg. Überalterung. Überfremdung. Überregulierung. Uber-Taxis.

Manche dieser Ängste sind weniger verrückt als andere. Die Gefahr von Terroranschlägen ist real (wenngleich für den Einzelnen statistisch vernachlässigbar); die Spannungen zwischen der NATO und Russland schaukeln sich durch militärische Drohgebärden beider Seiten gegenwärtig in beunruhigender Weise hoch; der Klimawandel lässt sich nicht mehr leugnen. Die Zeiten sind unsicher.
Die derzeit gängige Reaktion großer Teile der europäischen Bevölkerung darauf hat gerade Großbritannien vorgeführt: Sie besteht im reflexhaften Rückzug auf die vermeintliche Sicherheit der Nationalstaatlichkeit – isolationistisches Cocooning, sozusagen.

Das ist es, was die Internationale der Nationalisten – Marine Le Pen (Front National) in Frankreich, Heinz-Christian Strache (FPÖ) in Österreich, Frauke Petry (AfD) in Deutschland, Viktor Orban (Fidesz) in Ungarn und all die anderen – als Lösung für die Zumutungen des 21. Jahrhunderts verkauft: Sie insinuiert, jene guten alten Zeiten herbeizwingen zu können, in denen die Welt scheinbar weniger kompliziert war, jedes europäische Land für sich selbst entscheiden durfte und ein strenges Grenzregime alle Bedrohungen von außen abzuwehren vermochte.

Dieses Versprechen ist klarerweise nie und nimmer einzulösen. Aber es entfaltet eine immense Verführungskraft auf eine Gesellschaft, deren Ängste sich nicht zuletzt aus dem bitteren Gefühl speisen, nur noch damit beschäftigt zu sein, den eigenen Niedergang abzuwenden oder zumindest zu verzögern. Das mag im Einzelnen für unzählige europäische Bürgerinnen und Bürger durchaus zutreffend sein.

Auf der Makro-Ebene ist aber genau das Gegenteil der Fall: Die EU hat bei all ihren Problemen und Unzulänglichkeiten in den vergangenen Jahrzehnten eine beispiellose Erfolgsgeschichte geschrieben.

Sie ist zur weltweit stärksten Volkswirtschaft herangewachsen, generiert ein Viertel des globalen Bruttoinlands-
produkts und stellt die Hälfte der 25 ökonomisch erfolgreichsten Länder der Erde. Nirgendwo herrscht weniger Armut als im Europa der 28, nirgendwo existieren vergleichbare soziale Netze, nirgendwo gibt es eine ähnliche Rechtssicherheit (außer in Neuseeland und Kanada).

Die EU hat einen von Krieg zerrissenen Kontinent geeint und dabei zu Umgangsformen zwischen einer Vielzahl von Staaten mit durchaus unterschiedlichen Interessen gefunden, der zivilisierter und kultivierter nicht sein könnte. Insofern ist der Satz von UKIP-Chef Nigel Farage, dass man den Austritt aus der EU vollzogen habe „ohne eine einzige Kugel abzufeuern“ (eine Formulierung, die nach dem Mord an der Brexit-Gegnerin Jo Cox besonders geschmacklos daherkommt) durchaus zutreffend. In Europa werden Konflikte nicht durch bewaffnete Auseinandersetzungen gelöst, sondern durch mitunter qualvoll zähe bürokratische Verhandlungen und demokratische Entscheidungen. Und auch wenn die Antwort Brüssels auf den Brexit-Beschluss hart ausfallen dürfte, um anderen potenziellen Exit-Kandidaten die Schneid abzukaufen – sie wird letztlich sehr pragmatisch sein: Die EU ist eben gerade nicht „die Sorte von Club, wo sie einem die Kniescheiben brechen, wenn man austritt“, von dem der konservative Abgeordnete Jacob Rees-Mogg in der Nacht des Referendums delirierte.

Niemand kann mit Sicherheit sagen, wie sich Europa und seine Einzelstaaten in den vergangenen Jahrzehnten ohne die europäische Union entwickelt hätten. Aber alle Logik spricht dafür, dass sich das 21. Jahrhundert leichter in einem Staatenverbund bewältigen lässt als im Alleingang – egal ob es sich um die Herausforderung durch den Klimawandel, die Migrations- und Flüchtlingsproblematik, die Finanzkrise, das aggressive Auftreten Russlands oder ein anderes Problem von internationalen oder gar globalen Dimensionen handelt, vor dem die europäischen Länder stehen, ob sie nun nur EU gehören oder nicht.

Und das gilt natürlich nicht nur für Großbritannien (das möglicherweise bald nur mehr aus England und Wales bestehen wird, weil dem Vereinigten Königreich nun seine europafreundlichen Landesteile Schottland und Nordirland abhandenzukommen drohen).
Möglicherweise wird die Vorbildwirkung der Briten dazu führen, dass in naher Zukunft auch andere Länder über einen Austritt aus der EU und damit über ihren weiteren Zerfall entscheiden – und dabei mehrheitlich der Verlockung einer Rückkehr zu den angeblich guten alten Zeiten der Kleinstaaterei erliegen.

Im Hinblick darauf müssten wir in erster Linie eigentlich Angst vor uns selbst haben.