Martin Staudinger: Mutmaßungen über Mustafa

Einem wie ihm traut man alles zu – nur nicht, dass er es schafft.

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Das ist die Geschichte von einem Mann, vor dem sich alle fürchten. Mustafa, 23 Jahre alt, alleinreisend, Asylwerber: Muss man noch mehr sagen? Wenn junge Männer per se (und mit einiger Berechtigung) als gefährlichste Spezies der Welt angesehen werden, dann gilt das in besonderem Maß für diejenigen, die aus den Kriegs- und Krisengebieten der islamischen Welt stammen und ohne familiären Anhang, ausreichende Sprachkenntnisse und brauchbare Ausbildung in Europa unterwegs sind.

Ihnen traut man alles zu, und das nicht ganz zu Unrecht. Tatsächlich fallen Angehörige dieser Bevölkerungsgruppe immer wieder im Zusammenhang mit schweren Straftaten auf.

31. Jänner, Messerstecherei in Eisenstadt. Der mutmaßliche Täter: ein 24-jähriger Iraner.

7. Februar, Festnahme von Drogendealern in Vorarlberg. Die Mitglieder der Bande: Asylwerber aus Syrien, Irak und Tschetschenien im Alter zwischen 24 und 34 Jahren.

14. Februar, versuchte Vergewaltigung auf der Wiener Donauinsel. Der Verdächtige: ein 17-jähriger Afghane.

Die Medien sind voll von Berichten über Verdächtige und Täter, die sehr oft dem Klischee entsprechen – erst recht, wenn es um Terrorismus geht.

Mustafa A., 23, also. Ich kann seine Geschichte aus erster Hand erzählen, weil ich ihn schon 2007 kennengelernt habe, als damals 13-jährigen Sohn unseres Dolmetschers in der syrischen Handelsmetropole Aleppo.

Es ist eine Geschichte wie Zehn- oder gar Hunderttausende andere in Syrien, die ähnlich verliefen – also weitaus komplizierter, als jemandem bewusst sein mag, dem Ähnliches erspart geblieben ist.

Weder er noch sein Vater (mit dem wir in Verbindung blieben) noch wir selbst hatten damals die geringste Ahnung davon, was einige Jahre später über Syrien hereinbrechen würde: ein vernichtender Krieg, der auch große Teile von Aleppo zerstören und entvölkern sollte. Es war beileibe nicht so, dass seine Familie – gläubige Muslime, die sich uns gegenüber nie zu politischen Fragen äußerten – sofort geflohen wäre, als 2012 die ersten Schüsse fielen. Eine Zeit lang versuchten die A.s, die Kämpfe auszusitzen, doch dann erreichte die Front ihren Wohnbezirk. Es folgte eine Flucht aufs Land, eine Rückkehr in die Stadt und abermals eine Flucht, diesmal in die Türkei. Als sich dort keine Chance auf Arbeit bot und das Geld zur Neige ging, wagte sich der Vater zurück nach Syrien, um von seinem Besitz zu retten, was noch zu retten war: vergeblich.

Es ist eine Geschichte wie Zehn- oder gar Hunderttausende andere in Syrien, die ähnlich verliefen – also weitaus komplizierter, als jemandem bewusst sein mag, dem Ähnliches erspart geblieben ist. Anfang 2013 saß Mustafa als 19-Jähriger alleine und praktisch mittellos in der Türkei fest. Was noch an Geld vorhanden war, verwendete die Familie, um für Mustafa einen Universitätslehrgang zu finanzieren. In dieser Zeit scheiterten alle Versuche, ihn oder seinen Vater zu kontaktieren.

Im März 2015 erreichte mich eine Freundschaftsanfrage auf Facebook. Sie kam von Mustafa, der an einem Ort gelandet war, an dem ich ihn damals absolut nicht vermutet hätte: einer kleinen Stadt in Dänemark.

Männlich, damals 21 Jahre alt, unbegleitet. Keine Familienangehörigen, keine Bekannten weit und breit. Kein Wort Dänisch. Kein Job. Kein Geld.

Mustafa erwies sich aber als einer, der ganz und gar nicht dem bedrohlichen Bild des jungen Flüchtlings entsprach.

Damit war Mustafa einer von jenen, denen man alles zutraut – jedenfalls nach der Eskalation der Flüchtlingskrise im Sommer 2015, nach den Ereignissen der Kölner Neujahrsnacht 2016, nach den Terroranschlägen von Paris, Nizza, Berlin und anderswo.

Mustafa erwies sich aber als einer, der ganz und gar nicht dem bedrohlichen Bild des jungen Flüchtlings entsprach. Er lernte Dänisch. Er fand einen Job. Er baute sich einen Bekanntenkreis auf. Er fand eine Freundin (aus einem europäischen Land). Er begann für das internationale Bakkalaureat zu studieren.

„2018 mache ich den Abschluss, und danach gehe ich auf die Universität“, schrieb er mir vergangene Woche auf Englisch, und ich habe wenig Zweifel: Der schafft das. Möglich war das alles nicht zuletzt durch die Asylpolitik Dänemarks. Sie macht es Flüchtlingen zunächst zwar extrem schwer, Aufnahme zu finden. Wer akzeptiert wird, bekommt allerdings sehr konkrete Unterstützung, unter anderem bei der Suche nach Arbeit und beim Spracherwerb.

Man sollte ihnen alles zutrauen – auch, dass sie es schaffen.

Die Geschichte von Mustafa ist vielleicht nicht repräsentativ. Sie soll auch keine Probleme verharmlosen, die bereits existieren oder noch auf uns alle zukommen (etwa durch die hohe Zahl von arbeitslos gemeldeten Flüchtlingen und subsidiär Schutzberechtigten).

Die Frage, was repräsentativ ist, stellt sich aber auch im Hinblick auf die verständlicherweise aufsehenerregenden Geschichten von Vergewaltigung, Raub und Drogendelikten. Über Letztere erfahren wir sehr viel, über die unspektakulären kleinen Erfolge hingegen kaum etwas.

Anders gesagt: Wir wissen recht genau, wie viele Straffällige es gibt – aber nicht einmal ansatzweise, wie viele Mustafas. Ein paar wie ihn habe ich inzwischen auch in Österreich getroffen. Somalier, Afghanen, Syrer und andere, die (vor allem dank der Hilfe von Freiwilligen) vorankommen, wenn auch mit vielen Schwierigkeiten, Krisen und Rückschlägen.

Man sollte ihnen alles zutrauen – auch, dass sie es schaffen.