Martin Staudinger: Gottes neue Rechte

Martin Staudinger: Gottes neue Rechte

Der Vatikan lehnt verheiratete Priester im Amazonas weiterhin ab. Das ist auch für Nichtgläubige beklagenswert.

Als Agnostiker hat man es gar nicht so leicht, von Papst Franziskus enttäuscht zu sein. Vergangene Woche jedoch veröffentlichte der Pontifex eine Stellungnahme zur Amazonien-Synode – einer Sonderversammlung von Bischöfen und Ordensleuten aus Lateinamerika, die im vergangenen Oktober in Rom stattfand –, die auch Nichtgläubigen beklagenswert erscheinen dürfte.

Von diesem „nachsynodalen Schreiben“ war ein Startschuss für die Lockerung der Zulassungsbedingungen zum Priesteramt in der Amazonas-Region erwartet worden. Grund: Vor allem dort findet sich kaum noch jemand, der für die katholische Kirche Seelsorge betreiben will. Abhilfe könnte darin bestehen, verheiratete Männer als Pfarrer und Frauen als Diakoninnen zuzulassen, wie es auf der Synode angedacht worden war.

Das Papier, das nunmehr publiziert wurde, ist mit feinster vatikanischer Finesse so formuliert, dass niemand so richtig sagen kann, ob der Papst den Forderungen der Reformer eine klare Absage erteilt oder – wie es der Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn ausdrückt – eine zuvor geöffnete Tür „offensichtlich nicht wieder geschlossen“ hat.

Man kann natürlich fragen, warum derlei Interna außer klerikophilen Feinspitzen irgendjemanden interessieren sollten. Die Antwort ergibt sich aus der Tatsache, dass der Katholizismus in Lateinamerika nach jahrhundertelanger Dominanz unter bedrohlichem Verdrängungsdruck steht. Der Herausforderer ist das evangelikale Christentum.

In Brasilien, dem größten Amazonasland, bekennt sich bereits mehr als ein Viertel der Bevölkerung zu diversen Freikirchen, meist aus dem Bereich der charismatischen Pfingstbewegung; in ganz Lateinamerika sind es über 20 Prozent, Tendenz steigend. Und die Ausbreitung des Evangelikalismus geht häufig mit aggressiven politischen Tendenzen einher.

Das beste Beispiel ist Brasilien: Jair Bolsonaro, der extrem rechte Präsident des größten Amazonaslandes, war ursprünglich Katholik, ließ sich 2016 aber von einem Priester der US-amerikanischen Pfingstkirche Assemblies of God im Jordan taufen. Seinen ersten Auftritt als designierter Staatschef absolvierte Bolsonaro in der Show des Predigers Silas Malafaia, der bereits im Wahlkampf für ihn kampagnisiert hatte. „Brasilien gehört Jesus, dem Herrn. Gott segnet den Präsidenten von Brasilien – Jair Messias Bolsonaro!“, jubelte Malafaia bei dieser Gelegenheit.


Der Katholizismus wird durch ein aggressives politisches Christentum attackiert.

In Guatemala bekleidet der Evangelikale Jimmy Morales, ein früherer Komiker, seit 2016 das Präsidentenamt. In Mexiko ließ sich Andrés Manuel López Obrador 2018 von einer Freikirchlerpartei ins Amt hieven.

Dass sich die Politik der Evangelikalen bedient, hat nachvollziehbare Gründe. Nach einer Studie der deutschen Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) genießen in Lateinamerika Kirchen, egal welcher Konfession, mit 63 Prozent die höchsten Vertrauenswerte bei der Bevölkerung, die Parteien hingegen die geringsten (13 Prozent). Für Politiker ist es also mehr als hilfreich, spirituell unterstützt zu werden – was gerade evangelikale Prediger oft bereitwillig tun.

Immerhin hat sich gerade bei den Anhängern von Freikirchen die Überzeugung durchgesetzt, durch politisches Engagement aktiv an der Errichtung von Gottes Königreich auf Erden mitwirken zu können. Entsprechend vehement fordern sie von den Politikern, die sie unterstützen, Unterstützung für ihre eigenen Anliegen ein.

Man sollte sich keine Illusionen machen: Nicht nur die Evangelikalen haben solche Anwandlungen. In Bolivien, wo kürzlich der linke Präsident Evo Morales entmachtet wurde, sind inzwischen katholische Fundis am Ruder. Übergangspräsidentin Jeanine Áñez erklärte nach dem Abgang von Morales, dass mit ihr „die Bibel in den Regierungspalast zurückgekehrt“ sei. Luis Fernando Camacho, aussichtsreichster Kandidat bei den für Anfang Mai angesetzten Neuwahlen, würde gerne die Trennung zwischen Kirche und Staat aufheben.

Aber Bolivien ist eher ein Einzelfall. Vor allem machen Camacho und andere Katholiken nicht gemeinsame Sache mit dubiosen Freikirchen wie Capitol Ministries. Die 1997 gegründete Missionsbewegung unterhält eine Bibelgruppe im Weißen Haus, fertigt spirituelle Unterweisungen für Donald Trump an und lobbyiert unter anderem für hochpolitische Anliegen – etwa die Verlegung der US-Botschaft in Israel von Tel Aviv nach Jerusalem. Bei Guatemalas evangelikalem Präsidenten Jimmy Morales hatte Capitol Ministries damit Erfolg: Das Land unterstützte offiziell die umstrittene US-Entscheidung.

Währenddessen hat in Brasilien Präsident Bolsonaro ausgerechnet einen früheren evangelikalen Missionar als Beauftragten für den Kontakt mit indigenen Ureinwohnern im Amazonas ernannt – also gerade mit jenen, für die der Vatikan inzwischen nicht mehr genügend Geistliche hat, aber auch keine Betreuung durch verheiratete Priester oder weibliche Diakoninnen ermöglichen will.

Sich auf diese Art und Weise selbst zu schwächen, mag theologisch konsequent sein. Es öffnet aber Kräften Tür und Tor, gegen die man selbst aus säkularer Perspektive den Katholizismus in seiner derzeitigen Form bevorzugen würde.

martin.staudinger@profil.at