Martin Staudinger: Die R-Waffe

Martin Staudinger: Die R-Waffe

Der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine lädt sich sakral auf. Das ist in höchstem Maße alarmierend.

Ein Konflikt, bei dem zwei konkurrierende Fraktionen der gleichen Konfession mitmischen, beide mit dem Alleinvertretungsanspruch für Millionen Gläubige, beide mit gefährlicher Nähe zur Macht und deren Interessen: Nein, die Rede ist nicht vom Nahen Osten, sondern vom noch näheren – von Russland und der Ukraine.

Dort geht neuerdings ein schreckenerregendes Wort um. Es lautet „Religionskrieg“, und dahinter steht ein tiefes Zerwürfnis innerhalb der orthodoxen Kirche, das von den Spannungen zwischen beiden Ländern nicht zu trennen ist. Jetzt herrscht Furcht, dass es tatsächlich eskalieren und zu gewaltsamen Auseinandersetzungen führen könnte.

Um das zu verstehen, muss man drei Jahrzehnte in der Geschichte zurückgehen. Anfang der 1990er-Jahre hatte sich die Ukraine nicht nur in staatlicher, sondern auch in religiöser Hinsicht für unabhängig erklärt. Zu Sowjet-Zeiten waren die dortigen Christen dem Moskauer Patriarchat der orthodoxen Kirche unterstanden. Im Zuge des Zerfalls der UdSSR gründete der Metropolit (Oberbischof) von Kiew eine eigene Teilkirche, der sich vor allem im Westen des Landes Millionen von Gläubigen anschlossen.

Die Moskauer Popen konnten sich lediglich damit trösten, dass ihnen in der Ostukraine viele Anhänger treu blieben – und der oberste Kirchenfürst der Orthodoxie, der „Ökumenische Patriarch“ Bartholomaios in Istanbul, die Abspaltung vorerst nicht offiziell absegnete. Doch damit ist es jetzt vorbei. Ukrainische Kleriker und Politiker bis hinauf zu Präsident Petro Poroschenko sind Bartholomaios erfolgreich so lange in den Ohren gelegen, bis er dem Kiewer Patriarchat kürzlich die sogenannte Autokephalie, also komplette Eigenständigkeit, zugestand.

Seither ist Feuer am Kirchendach. Denn die Frage, wer die ukrainische Christenheit offiziell vertritt, ist im Konflikt um die von russlandtreuen Sezessionisten kontrollierte Ostukraine hochbrisant. Staatsnah, wie die orthodoxe Kirche traditionell agiert, betätigt sich der Klerus je nach Zugehörigkeit zum Kiewer oder Moskauer Patriarchat dabei als spiritueller Arm der jeweiligen Kriegsparteien. Manche russlandtreuen Geistlichen weigerten sich etwa, im Kampf gegen die Sezessionisten gefallene Soldaten kirchlich zu bestatten, andere riefen zum Kampf gegen die „faschistische Junta“ in der ukrainischen Hauptstadt auf. Umgekehrt stellte sich das Oberhaupt des Kiewer Patriarchats bereits während des Euromaidan-Aufstands dezidiert auf die Seite der Umstürzler und nannte Russlands Präsidenten Wladimir Putin öffentlich einen „Lügner und Mörder“.

Jetzt verschärft sich die Rhetorik noch einmal. Immerhin geht es nunmehr auch darum, was mit dem Besitz jener Gemeinden geschieht, die bislang dem Moskauer Patriarchat gefolgt sind. „Oft wird der örtliche Pope entscheiden: Wenn er seine Kirche nicht hergibt, gibt er sie nicht her. Was soll Kiew dann machen – Panzer schicken?“, zitiert die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ einen Ukraine-Experten.


Über nichts lassen sich so schwer Verhandlungen führen und Kompromisse erzielen wie über Glaubenswahrheiten.

Währenddessen schürt das russische Staatsfernsehen die feindselige Stimmung und beschwört „echte Kämpfe um Kirchen“ herauf. „Wir können erwarten, dass die Spalter große Klöster an sich reißen“, prophezeite dort jüngst ein hochrangiger Vertreter der russischen Orthodoxie: „Gläubige würden diese heiligen Orte natürlich schützen, und das Blutvergießen kann beginnen.“

Kalmierende Worte aus Moskau und Kiew? Darauf wartet man bislang vergebens. Sollte das Kalkül sein, dann ist es mehr als fahrlässig.

Was die Sakralisierung von Konflikten auslösen kann, zeigt sich im Nahen Osten, wo der Glaube seit jeher ungeniert instrumentalisiert und als Kriegsmittel missbraucht wird, mit apokalyptischer Deutlichkeit. Der Iran spielt die schiitische, Saudi-Arabien die sunnitische Karte, wenn es den jeweiligen Machtinteressen dient. Fundamentalistische Bewegungen und Strömungen werden gefördert oder zurückgedrängt, wie es gerade opportun erscheint.

Die Assad-Diktatur etwa forcierte ganz bewusst die islamistische Unterwanderung der anfangs nicht religiös definierten syrischen Protestbewegung – in der Hoffnung, sie als terroristisch zu diskreditieren und sich so den Rückhalt der internationalen Gemeinschaft für ihre Niederschlagung zu sichern. Zu diesem Zweck ließ das Regime Tausende inhaftierte Muslim-Extremisten laufen. Viele von ihnen schlossen sich bald dem „Islamischen Staat“ an und trugen dazu bei, dass dieser seine Schreckensherrschaft in großen Teilen des Landes begründen konnte.

Muss man einen ähnlichen Teufel auch in der Ukraine an die Wand malen? Noch nicht. Aber die Beteiligten wissen, dass die Chance, Konflikte zu lösen, im gleichen Maße sinkt, in dem der Anteil der Religion steigt. Über nichts lassen sich so schwer Verhandlungen führen und Kompromisse erzielen wie über Glaubenswahrheiten. Und kaum etwas hat potenziell derart unberechenbare Folgen wie konfessionell aufgeladene Auseinandersetzungen. Der Fall-out, der beim Einsatz von Religion als Waffe entsteht, kann weit über das eigentliche Krisengebiet langfristige Kontaminierungen verursachen.

Kampfmittel, die besonders heimtückisch sind, unnötiges Leid verursachen und unberechenbare Folgen haben, sind inzwischen weltweit geächtet – B- und C-Waffen beispielsweise.

Auf die R-Waffe hat man dabei leider vergessen.

martin.staudinger@profil.at