Martin Staudinger: Zum Fürchten

Martin Staudinger: Zum Fürchten

Wie knapp die Welt in der Korea-Krise vor einem Atomkrieg steht, werden wir erst im Nachhinein erfahren – oder dann, wenn es so weit ist.

Angst vor einem Atomkrieg? Echt jetzt? Es gibt Bedrohungen, die wir als viel zu theoretisch (oder auch als viel zu erschreckend) abgespeichert haben, um uns ernsthaft davor zu sorgen. Seit dem Abwurf von „Little Boy“ und „Fat Man“ auf Hiroshima und Nagasaki ist keine Regierung und kein Regime mehr so weit gegangen, Gegner mit Nuklearwaffen zu bekämpfen. Selbst dahingehende Erwägungen fallen in die absolute Tabuzone der Kriegsführung. Einschlägige Szenarien taugten spätestens nach dem Ende der Sowjetunion nur noch als Staubfänger in den hintersten Hängeordnern von Militärstrategen und Folklore für Endzeitfilme.

Das mag dazu beitragen, dass sich der Verstand tendenziell weigert, als reale Gefahr zu betrachten, was seit vergangener Woche zwischen Nordkorea und den USA abläuft – weil undenkbar erscheint, dass sich aus einem verbalen Schlagabtausch tatsächlich ein atomar geführter Konflikt entwickelt.

Wer so denkt, wiegt sich möglicherweise zu sehr in Sicherheit.


Dass ein US-Präsident als Reaktion dem Regime in Nordkorea mit „Feuer und Wut, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat“ droht und sein Verteidigungsminister mit der „Vernichtung ihres Volkes“, ist noch nie dagewesen.

Dass Nordkorea seine Nachbarn und die internationale Gemeinschaft mit immer neuen Atom- und Raketentests und martialischer Rhetorik provoziert, ist besorgniserregend und verdammenswert, aber nicht wirklich neu. Noch nie dagewesen ist jedoch, dass ein US-Präsident als Reaktion darauf dem Regime in Pjöngjang mit „Feuer und Wut, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat“ droht und sein Verteidigungsminister mit der „Vernichtung ihres Volkes“.

Es ist unvermeidlich, in dieser Situation an die Kuba-Krise des Jahres 1962 zu erinnern, die ausgebrochen war, nachdem erst die USA und im Gegenzug die UdSSR Raketen vor der Haustür des jeweils anderen stationiert hatten. Damals standen die beiden Atommächte knapp davor, einen Dritten Weltkrieg zu beginnen, der einen großen Teil der Menschheit ausgelöscht hätte.


Von Donald Trump wissen wir, wie gaga er ist – von Kim Jong-un nicht.

Das konnte durch viel Geheimdiplomatie und das vergleichsweise rationale, zurückhaltende Handeln beider Seiten abgewendet werden. Als in der heißen Phase des Konflikts ein amerikanisches Aufklärungsflugzeug abgeschossen wurde, untersagte John F. Kennedy als Oberbefehlshaber im Weißen Haus ausdrücklich einen Vergeltungsschlag. Sein Visavis im Kreml, Nikita Chruschtschow, ließ Revolutionsführer Fidel Castro mit der Forderung abblitzen, bei einer US-Invasion in Kuba einen
Atomangriff zu starten. Und dann gab es noch Wassili Alexandrowitsch Archipow, einen Sowjetoffizier, dessen U-Boot von einem US-Kriegsschiff mit Wasserbomben zum Auftauchen gezwungen wurde – und der sich gegen den Rest der Kommandocrew stellte, als diese daraufhin ein Atomtorpedo abfeuern wollte. (Hans Rauscher hat am Freitag im „Standard“ auf die fast vergessene Heldentat von Archipow hingewiesen; eine ähnliche vollbrachte übrigens 1983 der russische Raketenoffizier Stanislaw Petrow:
Nachdem ein Satellit fälschlicherweise den Start amerikanischer Marschflugkörper gemeldet hatte, verhinderte er einen Gegenschlag.)

Bei Donald Trump und Kim Jong-un kann man nicht darauf bauen, dass sie so bedachtsam handeln wie Kennedy und Chruschtschow. Im Fall des 45. US-Präsidenten wissen wir, wie gaga er ist. Trump hat mehrmals unter Beweis gestellt, dass er erst nach dem Reden denkt – gerade auch bei seiner Drohung mit „Feuer und Wut“, die offenkundig spontan erfolgte.
Gleichzeitig ist mittlerweile bekannt, dass seinen wüsten Worten nicht zwangsläufig immer Taten folgen.

Wie es um den Geisteszustand des Machthabers von Pjöngjang bestellt ist und ob er gegebenenfalls bereit wäre, um den Preis der Vernichtung bis zum Äußersten zu gehen (immerhin gelten die Führer des Regimes nach nordkoreanischer Glaubensbekenntnis als gottähnlich und unsterblich), lässt sich hingegen nicht seriös abschätzen.


Streitkräfte der USA, Südkoreas und Japans bewegen sich in unmittelbarer Nähe nordkoreanischer Verbände.

Außerhalb Nordkoreas weiß zudem niemand, wie Kims Generäle tatsächlich ticken. Bekannt ist nur, dass sich sein Militärapparat seit Jahrzehnten für eine finale Auseinandersetzung mit den USA rüstet. Die vernunftbegabteren Vertreter in der US-Administration wiederum sind offenkundig nicht an einer weiteren Eskalation interessiert. Allerdings ist das Außenministerium in seiner Handlungs- und Analysefähigkeit stark eingeschränkt, weil nach dem Amtsantritt von Trump Tausende Diplomaten und Fachleute aus dem Dienst ausgeschieden sind und bislang nicht nachbesetzt wurden. Zudem ist das Verhältnis zwischen dem Weißen Haus und den Geheimdiensten zerrüttet. Und der Präsident konterkarierte allfällige Kalmierungsbestrebungen am Freitag mit der Aussage, die amerikanischen Waffensysteme seien ab nun „geladen und entsichert“.

Seit Monaten finden im Bereich der koreanischen Halbinsel umfangreiche Militärmanöver zu See und Luft statt. Streitkräfte der USA, Südkoreas und Japans bewegen sich in unmittelbarer Nähe nordkoreanischer Verbände.

Da sind, gerade in einer aufgeheizten Situation mit unberechenbaren Akteuren, durchaus Missverständnisse möglich. Darauf, dass im Fall des Falles jemand wie Wassili Alexandrowitsch Archipow oder Stanislaw Petrow zur Stelle ist, sollte man sich besser nicht verlassen.

Wie nahe die Welt 1962 einem Atomkrieg gewesen war, erfuhr sie erst nach dem Ende der Kuba-Krise. Ob sie im Moment unmittelbar davor steht, werden wir ebenfalls nur im Nachhinein wissen. Oder dann, wenn es so weit ist.