<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Mogulendämmerung

Was die Berlusconi-Affären und der Murdoch-Skandal gemeinsam haben.

Innerhalb von nur wenigen Monaten geht es sowohl Silvio Berlusconi als auch Rupert Murdoch an den Kragen. Zwei Medienzaren mit gewaltigem politischem Einfluss kommen in ernsthafte Schwierigkeiten. Ist das Zufall, oder erleben wir gerade den Anfang eines Mogulensterbens?

Zunächst muss man vorsichtig sein. Berlusconi mag – wie es aussieht – politisch erledigt sein. Sein Medienimperium ist aber nach wie vor intakt. Auch weiß man noch nicht, was der Skandal um Murdoch noch bringen wird. Schlecht geht es den beiden Alten aber allemal. Und es wäre nicht verwunderlich, wenn nicht nur schlimme Zeiten für sie als Person, sondern auch für ihre Zeitungs- und Fernsehimperien angebrochen wären. Die Parallele ist nur zu offensichtlich: Beide haben in genialer Weise eine politische Medienmacht aufgebaut, wie man sie zuvor noch nicht gesehen hatte.

Bei Berlusconi ging es direkt. Seit den frühen achtziger Jahren überzieht er mittels seines Konglomerats „MediaSet“ Italien mit einer Mischung von geschmacklosen TV-Shows und rechter Propaganda. Dann gründete er seine eigene Partei, setzte die Medien für seine politischen Ambitionen und als Regierungschef dann seine politische Macht dazu ein, Gesetze und Institutionen nach Belieben zu beeinflussen, um seine persönlichen und geschäftlichen – oft auch kriminellen – Interessen durchzusetzen.

Bei Murdoch funktioniert der unsägliche Schulterschluss von Medien und Politik anders. Zwar macht sein Multi vor allem als Unterhaltungsfirma seine Hauptumsätze. Aber Anstoß erregen Murdochs Gazetten und Fernsehkanäle – vor allem als medialer Flügel des Rechtspopulismus. In den USA ist sein Sender „Fox News“ eine Propagandamaschine für konservative Themen und Politiker. Er war das Sprachrohr der Regierung des George W. Bush und ist heute das Zentralorgan der Tea Party, jener durchgeknallten, aber mächtigen rechtsradikalen Bewegung, die sich zum Ziel gesetzt hat, mit allen – wirklich allen – Mitteln Barack Obama aus dem Weißen Haus zu jagen. „Fox“ hat faktisch die Tea Party ins Leben gerufen.

In Großbritannien wiederum hat Murdochs „News Corporation“ mit mehreren auflagenstarken Boulevardmedien und Fernsehstationen (aber auch mit konservativen Qualitätszeitungen wie „Time“) „durch Korrumpierung der Polizei und Überwachung und Erpressung von Politikern eine Art Staat im Staat aufgebaut“, schreibt der Yale-Politologe Jonathan Schell. Auch hier fahren die Massenblätter Murdochs – obwohl sie einst den Labour-Chef Tony Blair unterstützt hatten – seit Langem einen wüsten rechtspopulistischen Kurs.

Es waren Bunga-Bunga und die allzu junge Ruby, die schließlich den in Rom regierenden Lustgreis in Bedrängnis brachten – nicht die unerträgliche und demokratiegefährdende enge Symbiose seiner Medien mit der italienischen Politik.

Murdochs Imperium kam gleichfalls durch eine „Nebensächlichkeit“ ins Rutschen: Seine „News of the World“ hat den Anrufbeantworter der vermissten 13-jährigen Milly Dowler abgehört – offensichtlich in der Hoffnung, an private Äußerungen der Verzweiflung von Familienmitgliedern zu kommen. Zu diesem Zweck löschten die Murdoch-Hacker die volle Mailbox des bereits toten Mädchens: Die Eltern und die Polizei glaubten tagelang, dass Milly noch am Leben sei.

Das war den Briten zu viel. Sie sind empört. Die – zum Teil verbrecherische – Komplizenschaft der britischen Politik mit den Murdoch-Medien, von der man längst wusste, kommt nun in all ihrer Unappetitlichkeit ans Licht der breiten Öffentlichkeit. Murdoch-Vertraute wurden verhaftet. Hohe Polizeibeamte haben bereits abgedankt. Selbst Tory-Premier David Cameron gerät nun in die Bredouille. Auch Murdochs US-Filialen dürften nicht ungeschoren davonkommen.

Ein italienischer Sozialwissenschafter stellte folgende ­Hypothese auf: Berlusconi hat es verabsäumt, in das Internet und die sozialen Digitalmedien zu investieren. Er ­konzentrierte sich auf das Fernsehen. Das sei aber ein altes Medium, das für Junge nur mehr wenig politische Bindungskräfte besitzt. Nicht zuletzt deswegen sei Berlusconi in der Gunst der Italiener abgestürzt.

Das klingt plausibel. Murdoch wiederum hat sehr wohl die Bedeutung der neuen Medien erkannt. Er kaufte vor einigen Jahren „Myspace“. Das Portal ist aber von „Facebook“ niederkonkurriert worden. Diese Fehlinvestition kostete Murdoch Hunderte Millionen Dollar.

Es sieht tatsächlich so aus, als ob wir den Anfang vom Niedergang des Journalismus-Modells der mächtigen und politisierenden medialen Feudalherren vor uns haben. Wenn das stimmt, wäre das jedenfalls erfreulich.

Boulevardmedien wird es aber noch lange geben. Die Leute wollen leicht und spannend unterhalten werden und sich in ihren Ängsten und Ressentiments bestätigt sehen. Das ist Menschenrecht. Und unkonventioneller Investigationsjournalismus ist als Kontrolle der Mächtigen absolut notwendig – auch wenn er wie im Fall der Murdoch-Medien ins Skrupellos-Kriminelle abglitt. Ernst Strasser, dessen Machenschaften von der „Sunday Times“, einem Blatt der „News Corporation“, aufgedeckt wurden, soll sich nicht als armes Opfer von üblen Journalistenmethoden fühlen können.

georg.ostenhof@profil.at