<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>

Dass die „Raffgier“ der Banker Hauptschuld an der aktuellen Krise trägt, ist ein populäres Märchen.

Das Aus für Lehman Brothers am 15. September 2008 war zum Jahrestag vergangene Woche zwangsläufig Anlass, noch einmal kräftig auf „die Banker“ einzuprügeln: Ihre „Raffgier“, so behauptete Nobelpreisträger Joseph Stiglitz, sei der entscheidende Beitrag zur aktuellen Krise gewesen.
Mein Kollege Christian Ortner hat dem schon vor Monaten entgegengehalten, dass Banker (und fast alle Menschen) zu allen Zeiten „raffgierig“ gewesen seien – es gebe keinen vernünftigen Grund zu der Annahme, dass diese Raffgier plötzlich angestiegen sei, um 2007 zu kulminieren. Die Krise müsse andere – systemische – Ursachen haben.

Ich schließe mich dieser Meinung mit all der Arroganz an, die mir Thomas Chorherr kürzlich in der „Presse“ bescheinigt hat, und komprimiere drei Kapitel meines jüngsten Buches1) zu einer eher Stiglitz-fernen Sicht der Krise. Zu meiner Freude ähnelt sie jener des Wiener Nationalökonomen Erich Streissler und hat viel mit der These von John Maynard Keynes gemein, wonach Krisen vorzugsweise auftreten, wenn das beabsichtigte Angebot angesparten Kapitals die Nachfrage nach Kapital übersteigt.
Um 2007 betrug diese Menge weltweit angesparten Kapitals 70.000 Milliarden Dollar und hatte sich damit seit 2000 verdoppelt: in den Ölländern wegen der gigantischen Nachfrage nach Öl, dessen Preis sich verdreifachte. In Asien durch das von der Globalisierung angefachte Wirtschaftswachstum, wobei China seine enormen Exporteinnahmen nur sehr begrenzt an seine Bürger weitergab und auch die Bürger Japans trotz ähnlicher ­Exportüberschüsse nur sehr begrenzt konsumierten. Und schließlich in Europa, weil Unternehmen und Aktionäre dank „Angebotsorientierung“ immer mehr absahnten, während die Löhne stagnierten und so ebenfalls unterdurchschnittlich in den Konsum flossen.
So lag ein Kapital von 70.000 Milliarden auf der hohen Kante und befand sich „auf der ständigen Suche nach lukrativer Veranlagung“.

Die glaubte es in den USA zu finden, weil alle Welt meinte, deren Wirtschaft stelle alle anderen Volkswirtschaften in den Schatten. Das freilich war eine optische Täuschung: Das Wirtschaftswachstum der USA war durch Veränderungen der Messmethode massiv geschönt und bestand aus immer mehr virtuellen Werten: Autos, die auf Halde standen, Computer, deren Preise verfielen, und überhöhte Preise längst nicht bezahlter Häuser.
Das Einzige, was die USA der EU voraushatten, war ein „Boom“ – auf der Basis genau jener Milliarden, die aufgrund der beschriebenen optischen Täuschung in die USA geflossen ­waren. Die privaten Haushalte konnten weit über ihre realen Möglichkeiten hinaus konsumieren, und George W. Bush konnte zwei Kriege finanzieren.

In der Formulierung Streisslers: Die USA waren das „Schwarze Loch“, in dem die Ersparnisse der Welt verschwanden. Sie schufen dort die Blase, die 2007 geplatzt ist. Das leitet zu Alan Greenspan über. Indem die US-Notenbank Fed unter seiner Ägide den Diskontsatz unter ein Prozent senkte und die Menge des Geldes beständig ausweitete, gab er den Amerikanern und ihrem Präsidenten das Geld in die Hand, das dieser in Kriegen verpulverte und jene in Konsumgüter steckten. So hielt Greenspan den „Boom“ am Kochen, der die Welt ständig weiteres Geld in die USA investieren ließ – ein sich selbst verstärkender Regelkreis.

Hatten internationale Investoren früher neben Aktien vor allem US-Staatsanleihen gekauft, so warfen diese bei einem Diskontsatz von nur einem Prozent nichts mehr ab. Also strömte nun fast alles Geld in Aktien beziehungsweise Derivate – anfangs in alle, dann vor allem in solche, die mit dem Häusermarkt verbunden waren. Denn selbst wenn ein paar Schuldner ihre ­darin gebündelten Hypothekarkredite nicht bedienen sollten, gab es die Häuser als Sicherheit, und deren Preise waren seit 1936 immer nur gestiegen.

Es war daher kein Wunder, dass das „hungrige Kapital“ voran in diese Wertpapiere strömte, denn sie schienen hohe Verzinsung mit hoher Sicherheit zu verbinden, freilich nur, solange nur Leute Häuser kauften, die ihre Kredite auch bedienen konnten. Aber Reagan wie Clinton oder Bush hatten den sympathischen Wunsch, jedem Bürger ein Eigenheim zu bescheren. Deshalb wurde den riesigen, quasistaatlichen Finanzierungsinstituten Fannie Mae und Freddie Mac aufgetragen, tunlichst auch sozial Schwachen Kredite zu gewähren. Das fiel nicht nur ihnen, sondern allen Geldgebern dank Greenspans vieler billiger Dollars immer leichter: Sie vergaben immer mehr Kredite an immer ­weniger zahlungsfähige Leute.

Die mit Häusern verbundenen Wertpapiere wurden immer weniger wert und trotzdem bestens verkauft. Das war die Subprime-Blase. Hinterher ist sie sehr durchsichtig. Während sie entstand, war sie es nicht in diesem Ausmaß: Vor allem die Institutionen, die dazu berufen gewesen wären – die großen US-Ratingagenturen –, durchschauten sie nicht. Wie „Fannie“ und „Freddy“ sind sie quasistaatliche Organisationen ohne Konkurrenz und daher ähnlich leichtfertig: Sie prüften Hypothekarkredite aus dem Jahr 2000, stellten fest, dass diese fast ohne Ausfälle bedient wurden, und schlossen, dass das auch für die späteren Verträge gelte. Also gaben sie den zugehörigen Wertpapieren das Sicherheits-Gütesiegel AAA.

Den „Bankern“ aller Welt kann man vorwerfen, dass sie ­diese abgrundfalsche Bewertung nicht durchschauten und die Papiere trotzdem kauften beziehungsweise verkauften. Zu den Hauptschuldigen der Krise macht sie das nicht.

peter.lingens@profil.at