Peter Michael Lingens

Peter Michael Lingens Absurder Drogenkrieg der USA

Absurder Drogenkrieg der USA

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Ich halte die Strategie, mit Strafen gegen den Drogenhandel zu kämpfen, seit jeher für unsinnig, aber seit ich von den 70 Toten an einem einzigen Tag des mexikanischen Drogenkriegs gelesen habe, nenne ich sie geistesgestört: Am „entschlossenen Kampf gegen illegale Drogen“ sterben mehr Menschen als an diesen Drogen selbst.

Führend im „entschlossenen Kampf“ sind bekanntlich die USA. Zuletzt haben sie Mexikos Präsidenten Felipe ­Calderón in seinem Feldzug gegen die Kokainmafia mit 1,4 Milliarden Dollar unterstützt, und er hat zusätzliche 4500 Soldaten eingesetzt.

Mit dem Erfolg, dass 2009 mindestens 9635 Mexikaner im Kokainkrieg umgekommen sind. Gegenüber geschätzten 6500 an illegalen Drogen – kaum freilich Kokain – verstorbenen Amerikanern. (Unbestrittene Zahlen aus den USA gibt es nicht – die Zahl 6500 entstammt der seriösen Schätzung eines Fachjournalisten und passt zu den seriös ermittelten 1331 Toten pro Jahr in Deutschland und etwa 200 Toten in Österreich.)
Damit sind allein in Mexiko mehr Menschen durch den „Kampf gegen illegale Drogen“ umgekommen als in den USA, Deutschland und Österreich zusammen durch ihren Konsum.

Wobei kaum jemand an Kokain gestorben ist, dem der Kampf in Mexiko vor allem gilt. Die USA kämpfen aber nicht nur in Mexiko „entschlossen“ gegen den Drogenhandel – selbst das kleine Jamaika hat die Auslieferung eines Drogenbosses erst neulich mit 50 Toten bezahlt.

Der Beitrag der USA zum Kampf gegen Kolumbiens Drogenmafia ist nicht mehr geistesgestört, sondern geisteskrank: Dort nämlich kommen zu den Toten, die die von der Regierung folgsam exekutierten Polizeiaktionen gefordert haben, auch noch die Toten im Krieg gegen die FARC. Denn nur indem der Kokainkrieg die FARC erfolgreich zum Kokainhandel animiert hat, konnte sie weiterhin die Waffen kaufen, mit denen sie den Regierungstruppen bis heute Widerstand leistet.

Was den USA in Kolumbien gelungen ist, gelingt ihnen aber auch in Afghanistan: Dort können sich die Taliban ­moderne Waffen vor allem leisten, weil sie den Heroinhandel kontrollieren.

Dass die USA den Misserfolg ihrer Drogenpolitik so wenig sehen, ist so verblüffend, weil sie die Erfahrung der Prohibition hinter sich haben: Alkohol mit Strafen zu bekämpfen, hat dort bekanntlich ausschließlich dazu geführt, die Mafia zu stärken – sie mit jeder Menge Geld zu versorgen und hochzurüsten.

Die Zahl der Alkoholsüchtigen ist heute nicht größer als damals, denn Sucht ist ein psychisches Phänomen: Ein ­gewisser, von den sozialen Umständen eines Landes abhängiger Prozentsatz der Bevölkerung hat ein krankhaftes Bedürfnis, den eigenen Bewusstseinszustand zu verändern und tut das in erster Linie mit Alkohol und im Zuge der Globalisierung auch mit fremden, „illegalen“ Drogen, die freilich die viel geringere Rolle spielen. (Österreichs 200 Heroin­toten stehen 7500 Alkoholtote gegenüber.)

Legale „Genussmittel“, die sich zur Sucht eignen, haben eine Handelsspanne von vielleicht 100 Prozent – Kokain und Heroin haben eine von 1000 Prozent. Und zwar nicht, weil ihre Herstellung so teuer wäre, sondern weil ihre Produktion und ihr Handel mit so hohen Strafen belegt sind: Dieses hohe Risiko lassen sich Produzenten und Händler von den Konsumenten bezahlen. (Nicht anders als Minensucher oder Formel-1-Piloten sich ihr ­hohes Risiko durch hohe Gagen abgelten lassen.) Die hohen Strafen und Polizeiaktionen bedingen jene hohen Einnahmen, mit denen die Mafia die Strafjustiz besticht und bessere Waffen als die Polizei erwirbt.

Die Vorstellung, dass man den Vertrieb von Produkten mit einer Handelsspanne von 1000 Prozent per Strafgesetz bekämpfen kann, ist daher doppelt absurd: Erstens halten die Strafen die Handelsspanne hoch; zweitens lässt die hohe Handelsspanne das Risiko der Bestrafung ungleich kleiner als die Chance auf Gewinn erscheinen.

Es ist absurd anzunehmen, dass sich peruanische oder afghanische Bauern davon abhalten lassen, Koka, Mohn oder Hasch anzubauen, wenn sie dafür das Zehnfache anderer Pflanzen erlösen. Es ist absurd zu erwarten, dass sich unter Millionen Armen der Dritten Welt keine neuen Drogen­kuriere finden, wenn ein solcher 1000-Dollar-Job durch eine Verhaftung frei geworden ist. (Von armen Immigranten, die – wie in Mexiko – über die Grenze wollten, ganz zu schweigen.) Es ist absurd zu glauben, dass sich arbeitslose schwarze Jugendliche durch Strafen vom Dealen abhalten lassen – ihre Hoffnung, es auf diese Weise bis zum Cadillac zu bringen, ist die für sie realste Version des American Dream.

Es gibt nur eine Lösung, und immer mehr Leute, die wirklich mit dem Drogenproblem zu tun haben – Staatsanwälte, Polizisten, Sozialarbeiter, Ärzte –, kennen sie: Man muss Kokain und Heroin zu mäßigen, realen Preisen in jeder Apotheke kaufen können. Nicht weil sie „harmlos“ sind, sondern weil nur das die Handelsspanne aus dem Drogengeschäft nimmt. Die Zahl der Süchtigen bliebe die alte, aber die ­begleitende Kriminalität bräche in sich zusammen. Die Mafia schrumpfte allenthalben wieder auf das Maß, das sie vor dem „entschlossenen Kampf gegen den Drogenhandel“ hatte. Und die Milliarden, die er kostet, könnten einer sinnvollen Drogenprävention durch Sozialpolitik zugeführt werden.

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