Peter Michael Lingens

Peter Michael Lingens Ägyptens Misswirtschaft

Ägyptens Misswirtschaft

Drucken

Schriftgröße

Die Ereignisse in Ägypten bieten eine gute Gelegenheit, die Qualität politischer Akteure einzuschätzen: Die wohl dürftigste Stellungnahme kam von der Sprecherin der EU, Catherine Ashton, obwohl die EU in Ägypten nichts riskiert und durch einen politischen Wechsel eine Menge gewinnen kann.

Eine erstaunlich entschiedene Reaktion kam von Barack Obama, obwohl Hosni Mubarak durch Jahrzehnte ein enger Partner der USA gewesen ist – aber Obama nimmt die ­Chance wahr, die Einstellung der Ägypter zu seinem Land auf eine grundsätzlich neue Basis zu stellen.
Am sympathischsten hat sich für mich der Vorsitzende des Konzerns Unilever – von Globalisierungsgegnern abschätzig „Multi“ genannt –, Paul Polman, geäußert: Eine Gesellschaft mit einem extremen Abstand zwischen Armen und Reichen könne auf die Dauer weder stabil sein noch gut funktionieren. Selbstverständlich würden alle Wirtschaftsunternehmen bei breiterem Wohlstand besser verdienen. Der politische Wechsel in Ägypten sei daher gesellschaftlich wie ökonomisch gleichermaßen erstrebenswert, die Sorge vor einer Islamisierung unbegründet. Die Aufregung, dass die ägyptische Wirtschaft durch die aktuellen Unruhen viel Geld verliere, sei kurzsichtig – sie würde diese Verluste durch eine Veränderung der wirtschaftlichen Strukturen unter neuen politischen Bedingungen in Kürze aufholen.

Es lohnt, Ägyptens wirtschaftliche Strukturen näher anzusehen. Die Haupteinnahmen entspringen nicht aktueller wirtschaftlicher Leistung, sondern sozusagen dem Boden des Landes: Erdöl und Erdgas, Suezkanal-Gebühren und Tourismus dank des Meeres und der Pyramiden.
Die Industrialisierung liegt weit unter den Möglichkeiten, die durch die Bodenschätze – es gibt auch reiche Erzvorkommen – gegeben wären.
Das liegt vor allem daran, dass sich die großen Unternehmen im Besitz des Staates befinden und dass dessen extrem korrupter Apparat der Privatisierung hartnäckigen Widerstand entgegensetzt.
Der Staatsbesitz wiederum ist ein Erbe der sozialistischen Staats- und Planwirtschaft der sechziger Jahre unter dem ­nationalistischen General Gamal Abdel Nasser, die das Wirtschaftswachstum bis in die neunziger Jahre minimierte, ­zumal der Friede, den sein Nachfolger Anwar al-Sadat mit Israel schloss, die arabischen Ölstaaten zu einer Rücknahme ihrer Investitionen und Subventionen bewegte.
Die Korruption ist vermutlich ein historisches Erbe, aber für das Funktionieren einer Marktwirtschaft ein extremes Hindernis: Es überleben eben nicht die Unternehmen, die am besten arbeiten, sondern die, die am erfolgreichsten schmieren.

In Summe kombiniert die ägyptische Wirtschaft das Vetternsystem des Feudalismus mit der Unfähigkeit nationaler, sozialistischer Staatswirtschaft und der Korruption beider ­Systeme.
Ab den neunziger Jahren kam es zu einer leichten, aber keineswegs ausreichenden strukturellen Verbesserung, und der – durch die viel geschmähte Globalisierung bewirkte – Zufluss internationalen Geldes hat ab 2000 die passablen, aber keinesfalls ausreichenden Wachstumsraten der letzten Jahre bewirkt.

Ihnen steht das Bevölkerungswachstum gegenüber. Hier setzte der „Sozialist“ Nasser erste, vernünftige Initiativen in Richtung Geburtenkon­trolle, die jedoch angesichts jahrhundertelanger Gewöhnung an Kinderreichtum zur Absicherung des Alters nur bescheidene Erfolge zeitigten. Die unter Sadat folgende Re-Islamisierung machte sie endgültig zunichte, denn Geburtenregelung wurde und wird als Eingriff in die Gesetze Allahs betrachtet.

Das Bevölkerungswachstum von jährlich gigantischen drei Prozent im Jahr 1970 ist zwar bis 2011 auf 1,68 Prozent ­zurückgegangen, aber immer noch viel zu groß. (Österreich wächst durch Zuwanderung um 0,05 Prozent.) Deutlich ­zurückgehen kann es nur durch höhere Bildung – noch immer sind 50 Prozent der Ägypter Analphabeten –, eine verbesserte Sozialversicherung und eine veränderte Stellung der Frau, die nach wie vor akzeptieren muss, dass Männer in der Zahl ­ihrer Kinder auch einen Ausweis ihrer Potenz sehen.

Wer immer Ägypten regiert, wird in erster Linie das ­Bevölkerungswachstum unter Kontrolle bringen müssen. Es ist nicht nur Ursache der gewaltigen Arbeitslosigkeit, sondern auch des sich ständig zuspitzenden Ernährungsproblems: Während sich die Bevölkerung in den letzten 40 Jahren verfünffacht und in den letzten 20 Jahren immer noch verdoppelt hat, ist das ackerbare Land nur um 50 Prozent gewachsen. Die Fruchtbarkeit ist durch die Verfügbarkeit von ­Nil-Wasser begrenzt: Trotz eines hohen Ertrags pro Quadratmeter produziert die einstige Kornkammer des Mittelmeeres viel zu wenig Nahrungsmittel pro Einwohner, was zu teuren Importen zwingt. Außerdem hat es die Abwanderung der Landbevölkerung in die Stadt extrem beschleunigt – wobei die Ausbreitung der Städte ihrerseits die ackerbare Fläche vermindert.
Hat die Landarbeit vergleichsweise viele Menschen ­beschäftigt, so trägt die Landflucht wesentlich zur hohen ­Arbeitslosigkeit bei.
Nur zweistellige Wirtschaftswachstumsraten können dieses Problem lindern und mittelfristig lösen. Sie sind, von den vorhandenen Möglichkeiten her, nicht ausgeschlossen – ­unter der Voraussetzung, dass es zu einem radikalen politischen Wandel kommt.n


[email protected]