<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>Akademische Ausbildung ohne vernünftige Steuerung sichert in einem technologisch rückständigen Land die hohe Jugendarbeitslosigkeit.

Akademische Ausbildung ohne vernünftige Steuerung sichert in einem technologisch rückständigen Land die hohe Jugendarbeitslosigkeit.

Mit 23,4 Prozent verbuchte Spanien soeben die höchste Arbeitslosigkeit der EU – Österreich mit 3,9 Prozent die niedrigste. Wenn man, wie ich, zwischen diesen Ländern pendelt, erfüllen sich solche Zahlen mit Leben: Fast alle unsere jüngeren spanischen Bekannten sind arbeitslos.
Marina, studierte Geografin, jobbte neun Jahre als Verkäuferin in Boutiquen, ehe ein kartografisches Büro sie anstellte. Seit es im Vorjahr Konkurs anmelden musste, ist sie so arbeitslos wie ihre drei Kolleginnen und ihr Chef. Nur dass es auch die Boutique, in der sie zuletzt gejobbt hat, nicht mehr gibt. Mit 37 ist sie wieder zu ihren Eltern gezogen und lebt vom Einkommen ihres Vaters. Dabei wollte der längst in Pension gehen und hat seine kleine Firma nur deshalb nicht zugesperrt, weil er die Abfertigung für seinen einzigen Angestellten zuletzt nicht mehr aufzubringen vermochte. Also wurstelt er mit 70 weiter und erhält seine Frau, seine Tochter und ihr Kind.

Bei einer Jugendarbeitslosigkeit von 55 Prozent ermöglicht nur der Familienzusammenhalt den Jüngeren das Überleben. Die These, dass qualifizierte Ausbildung sie vor Arbeitslosigkeit schützte, wird rundum falsifiziert.

Carmen etwa ist Biologin. Ihr Vater, ein Baumeister, hat sie (wie eine ganze Generation erfolgreicher Handwerker und Nutznießer eines boomenden Tourismus) an die Universität, anstatt in eine Lehre als Hotelkraft, geschickt. Mit 35 Prozent hat Spanien Europas höchste Akademikerquote. Mit dem Erfolg, dass Carmen seit ihrem Studienabschluss Modeschmuck in einer Boutique verkaufte, die ihr bestürzter Vater ihr einrichten konnte.
Doch jetzt, nach dem Platzen der Immo-Blase, gehen auch seine Geschäfte miserabel. Derzeit versucht er vergeblich, einige von der örtlichen Sparkasse mitfinanzierte Reihenhäuser im Hinterland an „Ausländer“ zu verkaufen. Er hat sie errichtet, nachdem eine „Studie“ Andalusien eine Zukunft als „Florida Europas“ prophezeite – zwölf Millionen Menschen würden hier demnächst die Sonne suchen.

Tatsächlich hat die Region das beste Klima Europas, man kann derzeit mittags nackt in der Sonne liegen. Aber an der Küste – und auch die ist längt mit unverkäuflichen Wohn-Silos vollgerammelt. Nach menschlichem Ermessen werden weder Carmens Vater noch die örtliche Sparkasse ihr Projekt wirtschaftlich überleben.

Auf nationaler Ebene ist dergleichen Spaniens Sparkassen-Problem. Carmens Boutique ist ihm jedenfalls zum Opfer gefallen: Für eine Umgestaltung zum Verkauf stärker nachgefragter Waren erhielt sie nirgends mehr Kredit.

Derzeit ist sie froh, als Kellnerin in der Bar ihres Freundes Narciso auszuhelfen. Nur dass der im März ebenfalls zusperren will: Seine Kunden geben pro Besuch zwei Euro für ein Bier aus. Zugleich hat die Stadtverwaltung alle Preise – Strom, Wasser, Müllabfuhr – ordentlich erhöht und verlangt eine zusätzliche Zahlung für die Lautstärkeregelung der Musikanlage. Dabei hat ihm ein Bediensteter der Stadt erst kürzlich einen solchen Regler eingebaut – aber natürlich ohne Rechnung, sodass er jetzt keine vorweisen kann.

Der Filz der kommunalen Verwaltungen ist eines von Spaniens vielen ökonomischen Problemen. Aber während unsere Wirtschaft diverse Lobbyisten oder „Skylinks“ gerade noch aushält, ist die spanische dafür zu schwach.

Ihr zentrales Problem hat José Ásiain, Professor für Wirtschaftswissenschaften und Präsident der größten Bank BBVA, in einen viel zitierten Vergleich gefasst: Die aktuelle Finanzkrise ist eine Grippe, die vorübergehen wird – Spaniens Krebs ist seine mangelnde Produktivität. Sie liegt um 20 Prozent unter der der EU-15 und ist ungleich langsamer als die Löhne gewachsen.

Nicht, weil die Südeuropäer so wenig arbeiten – wie Angela Merkel kürzlich fantasierte (die wenigsten Arbeitsstunden pro Jahr leisten die Deutschen) –, sondern weil ihre Produktionsanlagen so viel altmodischer sind. 90 Prozent der spanischen Unternehmen sind Klein- und Mittelbetriebe, die kaum in Forschung und Entwicklung investieren. Diese Investitionen, fordert etwa „El País“, gehörten dringend vom Staat gefördert. Aber der bezahlt den Unternehmen derzeit nicht einmal ihre offenen Rechnungen.
War die Wirtschaft nach zwei Jahren Rezession im ersten Halbjahr 2011 endlich wieder gewachsen, so ist sie im vergangenen Quartal schon wieder geschrumpft, und für 2012 rechnet die Notenbank mit minus 1,5 Prozent. Denn der noch einmal verschärfte Sparkurs von Ministerpräsident Mariano Rajoy drückt die Binnennachfrage. Vielleicht ist das notwendig, um Spaniens seit fünf Jahren negative Handelsbilanz zu sanieren – vielleicht erstickt es sein restliches Wirtschaftsleben.

Letztlich läuft alles auf den alten wirtschaftswissenschaftlichen Zwiespalt hinaus: Soll die EU Geld bereitstellen, das in Form von Eurobonds auch für Spanien erschwinglich ist, um die Härte des Sparkurses zu lindern und Investitionen zu fördern? Oder erhöht eine solche Politik nur das Risiko der Inflation und geht zulasten von Merkels einzig „fleißigen“ und jedenfalls perfekten Deutschen?

peter.lingens@profil.at