<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Alle meine Fehleinschätzungen

Es kommt in der Wirtschaft erstens immer anders und zweitens schon gar, als man denkt.

Vor ziemlich genau einem Jahr habe ich an dieser Stelle (und in etlichen Kapiteln meiner „Ansichten eines ­Außenseiters“) meine Vorstellung vom Fortgang der „Weltwirtschaftskrise“ deponiert: Sie würde in die schlimmste ­Arbeitslosigkeit seit Ende des Krieges münden, weil in der traditionellen Industrie, voran der Autoindustrie, Überkapazitäten bestünden, die nie mehr auszulasten wären.

Was die Arbeitslosigkeit betrifft, so stimmt das vielleicht gerade noch für Spanien, Griechenland oder Portugal, ist grober Unsinn in Bezug auf Deutschland oder Österreich und falsch bezüglich der EU als Ganzes.
Die von mir totgesagte Autoindustrie weist schon wieder Rekordergebnisse aus. In Summe: eine völlig falsche Prophezeiung. Gott sei Dank. Wahrscheinlich war ich ein Gefangener der eigenen ­Eitelkeit: Dass ich zu den wenigen gehörte, die mit Professor Erich Streissler schon im Jahr 2002 überzeugt waren, dass es in den USA zu einer dramatischen Schuldenkrise mit weltweiten Auswirkungen käme, hat mich glauben lassen, ich könnte auch die nähere Zukunft besser als andere einschätzen.

Ich hätte mich an meine eigenen Worte zu Eingang der Kapitel über die aktuelle Wirtschaftskrise halten sollen: Wirtschaft ist keine Wissenschaft – da sie von Menschen ­gemacht wird, lässt sie keine Vorhersagen zu.
Wo bin ich am sichtbarsten falschgelegen?

E Ich habe angenommen, dass der Boom in Indien oder China und der Aufschwung in fast allen Ländern der Dritten Welt den Einbruch der US-Wirtschaft nicht wett­machen können. Das war ein Irrtum: Die „Globalisierung“, gegen die ein paar Unbelehrbare nach wie vor demonstrieren, hat sich als Segen erwiesen, indem sie uns global an fremdem Wachstum partizipieren lässt.

E Das macht eine zweite meiner Einschätzungen zur Fehleinschätzung: Unsere „Überkapazitäten“ lassen sich – selbst in der Autoindustrie, die ich als besonders dramatisches ­Beispiel angeführt habe – vorerst weiter auslasten. Es gibt zwar in den USA und in Europa schon mehr als genug Autos, aber es gibt in zahllosen riesigen Ländern noch immer zu wenige davon. Dort werden voran deutsche Autos als ­Luxus begeistert gekauft, denn der lokale Wirtschaftsaufschwung gibt einer wachsenden Ober- und Mittelschicht ­genug Geld in die Hand (und die eigene Produktion ist noch nicht auf diesem technischen Niveau und auch nicht im ­befürchteten Ausmaß billiger, denn es kommt weit weniger auf die Lohnkosten als auf die maschinelle Ausstattung der Fabriken an).

E Ich dürfte – auch wenn ich dessen nicht so sicher bin – das Risiko einer hohen Staatsverschuldung zu hoch eingeschätzt haben: Der Dollar ist trotz der gigantischen US-Verschuldung nicht für einen halben Euro zu haben, wie etwa Professor Streissler das annahm – sondern für einen ganzen Euro bekommt man nur gerade 1,3 Dollar (das hat noch vor Kurzem Schrecken verbreitet, während es in Wirklichkeit ein Segen ist, denn es lässt die EU auf den so wichtigen Weltmärkten gegenüber den USA konkurrenzfähig sein). Vielleicht liegt der mangelnde Verfall des Dollars daran, dass eben auch die EU-Staaten ihren Schuldenstand mittlerweile gewaltig erhöht haben, denn warum sollte die Währung einer hoch verschuldeten Volkswirtschaft gegenüber der Währung einer anderen hoch verschuldeten Volkswirtschaft in den Keller fallen?

Einen Teil ihrer Schulden haben die Staaten im Übrigen bei ihren Bürgen, die mithin entsprechend wohlhabend sind, solange die Staaten nicht zahlungsunfähig werden. Wenn sie einander das gegenseitig versprechen, werden sie es wahrscheinlich nie, und es kommt lediglich zu einer laufenden schleichenden Geldentwertung.

Alle zusammen haben wir freilich Schulden bei den Chinesen. Aber vielleicht ist auch das halb so tragisch: Sie können und wollen diese Schulden nicht mit Waffengewalt eintreiben, sondern allenfalls Unternehmen aufkaufen. Und was ist so schlimm, wenn chinesische Aktionäre anstelle amerikanischer oder europäischer Aktionäre Unternehmen besitzen und betreiben?

Manchmal habe ich eine surreale Vision: Geld könnte etwas sein, das man drucken und den Leuten in die Hand drücken muss, damit die Räder der Wirtschaft auf vollen Touren laufen. Ich glaube das nicht ganz – aber die umgekehrte Vorstellung, dass uns dann sofort die Inflation umbringt, stimmt offenkundig auch nicht.

Jedenfalls könnte, was diese Wirtschaftskrise betrifft, einmal mehr mein von der gesamten Branche verlachter, verstorbener Kollege Franz G. Hanke zu Recht behauptet ­haben: Der Staat kann jeder Krise durch Schuldenmachen begegnen. Er muss sich nur trauen, die eingesetzten Beträge entsprechend zu erhöhen. Hanke hat das zwar ökologisch für unvernünftig, aber im Wege von Keynes für unbegrenzt wirksam gehalten.
Dass Keynes in Bezug auf den unmittelbaren Umgang mit der Krise Recht gehabt hat, scheint ja mittlerweile niemand mehr zu bezweifeln – aber auch mit den Aufräum­arbeiten nach einer Krise kann man sich offenbar erstaunlich viel Zeit lassen.

Österreich zum Beispiel hat sogar Wahlen in diesem Oktober für wichtig genug gehalten, erst danach mit der Budgetsanierung zu beginnen.
Und nichts wird passieren.

peter.lingens@profil.at