<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Am Rande des Euro-GAU

<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Am Rande des Euro-GAU

Lehren aus Zypern: Wenn es brennt, darf man weder „rein wirtschaftlich“ noch gar „moralisch“ handeln.

Wie immer die neue Zypern-Lösung aussieht – sie ist ungleich gefahrloser als die gekippte. Denn die Rettung der zypriotischen Banken an eine Zwangsabgabe auch kleiner Kontoinhaber zu binden, war ein Spiel mit dem Feuer: Entgegen den Beruhigungspillen von Notenbank-Gouverneur Ewald Nowotny ist Südeuropa nur ganz knapp einem „Bankenrun“ entkommen, der auch den Norden mitgerissen hätte.

Und selbst jetzt, da die „Sparer“ ausgespart bleiben, wird aus dem Süden so lange gefährlich viel Kapital abfließen, als die „Bankenunion“ nicht steht. Die aber wäre ein „Haftungsverbund“ und stößt in Deutschland auf unveränderten Widerstand. Damit ist die Lage des Euro heute ähnlich prekär, wie sie es vor dem Verteidigungsschwur der EZB ­gewesen ist. Dabei hatte das gekippte Paket rein wirtschaftlich und moralisch nur Meriten. Dass Konto­in­haber etwas von ihren Guthaben abgeben sollen, um zur Sanierung des Landes beizutragen, entsprach sinnvollen Vermögensteuern: Selbst dem „kleinen Sparer“ fiele diese Abgabe immer noch leichter als dem „kleinen Steuerzahler“, der gar kein Bankkonto hat und von Portugal bis Spanien die Hauptlast von „Rettungen“ trägt. Dass in Zypern noch dazu vor allem Steuerhinterzieher besteuert worden wären, wäre quasi des braven Steuerzahlers „Bonus“ gewesen. Aber man kann in Krisen weder rein wirtschaftlich noch gar moralisch handeln, sondern muss die Reaktion von Millionen Zusehern in Rechnung stellen: Der Bankenrun im Süden wäre ein GAU gewesen. Der Ex-Chef der Eurogruppe, Jean-Claude Juncker, hat seinen Nachfolger zu Recht kritisiert: „Ich hätte das anders gemacht.“ Der „kleine Sparer“, so fügte er an, sei ja nicht schuld an der großen Misere. Das mag für den „kleinen Sparer“ stimmen – nicht aber für den „kleinen Mann“, mit dem man ihn leicht verwechselt: Der hat auch in Zypern (wie in Portugal, in Spanien) jahrelang über seine Verhältnisse gelebt.

Die meisten „Südländer“ – so müsste man ihre Geschichte erzählen – waren beim Beitritt zur Eurozone „arm“. Doch nicht nur sie, sondern auch wir gaben uns der Illusion hin, dass der Zusammenschluss ihrer armen mit unseren reichen Ländern diese Armut demnächst beseitigen würde.
Dabei hätte ein Blick auf Deutschlands Wiedervereinigung genügt, es besser zu wissen: Nicht einmal nach 23 Jahren, in denen „Wessis“ Abermilliarden in den Osten pumpten, hat dieser ökonomisch gleichgezogen. In Südeuropa, das nur die Gelder des EU-Strukturfonds erhielt, konnte es unmöglich schneller gehen. Dennoch hat der „kleine Mann“ in Spanien vor meinen Augen sofort ein großes Auto und sehr bald auch eine Wohnung gekauft. Weder Österreichs noch Deutschlands Haushalte besitzen wie die spanischen 1,6 Wohnungen im Schnitt. Zwar ist das voran die Schuld fahrlässiger Banker und absurd niedriger Eurozinsen, aber auch der Kreditnehmer hatte zu bedenken, dass sie steigen können. Was jetzt passiert, ist der Rückfall der „Südländer“ auf ein Wohlstandsniveau, das ihrer Wirtschaftskraft ­entspricht.

Leider geht das mit einer Arbeitslosigkeit einher, die doppelt so hoch wie zur Zeit der Euro-Einführung ist. Daran sind nicht zuletzt Gewerkschaften schuld, die bei zehn Jahren Betriebszugehörigkeit zwei Jahresgehälter Abfindung „erkämpften“, sodass kein Unternehmer mehr als das nötigste Personal einstellt. (Dagegen, dass Premier Mariano Rajoy diese Abfindung reduzierte, riefen sie prompt zu Demos auf.)

Aber einmal mehr kann man auch den „kleinen Mann“ nicht völlig aus der Verantwortung entlassen. In den Worten eines portugiesischen Kollegen: „Bis 2000 haben die meisten Leute hier in der Landwirtschaft gearbeitet. Als der Euro eingeführt wurde, haben sie sich ein Auto gekauft und die Landarbeit Ausländern überlassen.“ In Portugal vor allem Südamerikanern; in Spanien wurden dazu noch zwei Millionen Marokkaner eingebürgert. Das ist jetzt Teil der großen Arbeitslosigkeit. Man kann sich aus einer agrarisch strukturierten Wirtschaft – sei es in Zypern, Portugal oder Spanien – nicht einfach der schweren Arbeit wegen zurückziehen, solange es nicht genug Industrie gibt.

Solche Feststellungen fordern leider den Applaus derer heraus, die seit jeher allein „Verantwortungslosigkeit und Faulheit“ der „Südländer“ für deren Probleme verantwortlich machen. Dabei leisten sie jedes Jahr deutlich mehr Arbeitsstunden als Österreicher oder Deutsche, weil man mehr menschliche Arbeit braucht, wenn man weniger Maschinen hat. Und ich zweifle auch stark, dass Österreicher in ihrer Lage sehr viel eher auf noch nicht verdienten Wohlstand verzichtet hätten – sonst wäre es nicht so schwer, ihnen beizubringen, dass man später in Pension gehen muss, wenn man viel länger lebt.

Wirtschaftliche Wahrheit ist überall unerwünscht. Ich bin unverändert dafür, dass der „Norden“ den „Süden“ stützt (zumal dessen Schulden Teil des deutschen Exportbooms sind). Aber ich will, dass wir aus bewusster Hilfsbereitschaft handeln und uns keinen Illusionen hingeben. Weder in Hinblick auf unsere Kosten noch in Hinblick auf raschen Erfolg.

peter.lingens@profil.at