<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Arm trotz Arbeit

<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Arm trotz Arbeit

„Working poor“: Ein unerträgliches Phänomen, das sich von den USA über Deutschland nach Österreich ausgebreitet hat.

Der ÖGB hat sich soeben groß gefeiert. Ich möchte ihn, wie vor zwei Wochen die ÖVP, mit der Existenz von Doris konfrontieren: Sie ist 51, Pflegerin, und fährt mit ­einer Jahreskarte der Wiener Linien kreuz und quer durch die Stadt, um Alte aus Betten zu heben, auf Leibschüsseln zu setzen und von Kot zu reinigen. Dafür verdient sie monatlich zwischen 700 und 900 Euro netto. Ihr Einkommen grenzt damit, trotz schwerster Arbeit, an das, was die EU als „Armutsgefährdung“ definiert, denn es liegt bei nur 60 Prozent des österreichischen Median-Einkommens. Weil manche Leute mit dieser Definition nichts anfangen können, oder meinen, dass sie Menschen zu „Armen“ stempelt, die es nicht wirklich sind, formuliere ich es hautnäher: Gegen Ende ihrer „schwachen Monate“ isst Doris nur mehr Reis.

Noch vor zehn Jahren hat man solche „working poor“ als US-amerikanisches Phänomen abgetan, von dem wir in Österreich verschont sind. Heute liegt ihre Zahl bei 200.000, und „armutsgefährdet“ sind nicht weniger als 1,051 Millionen Österreicher. Das sind 12,6 Prozent der Bevölkerung. Obwohl Österreichs Bruttosozialprodukt im gleichen Zeitraum (von 2000 bis 2011) kaufkraftbereinigt von 229 auf 359 Milliarden Euro gestiegen ist.

Noch drastischer sind die Verhältnisse in Deutschland. Dort sind, bei ähnlicher Steigerung des Sozialproduktes, 15,8 Prozent der Bevölkerung „armutsgefährdet“. Wobei gleich ein Drittel dieser Menschen „working poor“ sind: Vier Millionen Deutsche verdienen weniger als sieben Euro, 1,2 Millionen weniger als fünf Euro die Stunde. Wer angesichts dieser Zahlen nicht begreift, dass in der Wirtschaft etwas grundlegend schiefläuft, wird es nie begreifen.

Ausgegangen ist diese Entwicklung (wie die gesamte „Krise“) von den USA, seit deren lautstärkste Wirtschaftswissenschafter den Vorrang des „Angebots“ vor der „Nachfrage“ propagierten: Wenn die Unternehmer nur optimale Bedingungen vorfänden – billige Kredite, niedrige Steuern und zurückhaltende Lohnforderungen –, würden auch die Arbeitnehmer automatisch am besten fahren.

Tatsächlich machte Alan Greenspan Geld billiger denn je, und George W. Bush kastrierte Unternehmens- wie Unternehmersteuern. Zwangsläufig stiegen Erträge und Gewinne kräftig – doch die Löhne zogen kaum mit.
Die Bevölkerung konsumierte dennoch – indem sie sich immer stärker verschuldete. (Ähnlich agierte der Staat, der trotz niedriger Steuern große Kriege führte.) Das funktionierte anfangs, weil das Ausland in den USA investierte und weil das billige Geld Aktienkurse und Hauspreise vorerst kräftig steigen ließ, denn in den USA besitzen auch viele Lohnabhängige Aktien und Realitäten.

Wie es 2007 endete, ist bekannt. Die volkswirtschaftlichen Spätfolgen sollten es auch sein: Nie zuvor sind den Superreichen der USA so viele Arme gegenübergestanden und nie zuvor war der Staat so hoch verschuldet und seine Infrastruktur so desolat.

In Deutschland hat sich die „Angebotsorientierung“ – wenn auch europäisch gemäßigt – 1998/99 durchgesetzt: Der eben gekürte Finanzminister der SPD, Oskar Lafontaine, wollte die Arbeitnehmer 1998 angesichts deutlich gestiegener Produktivität zu Lohnforderungen ermuntern, aber die US-gläubige Wirtschaftspresse schrie auf, und nach nur fünf Monaten warf der schwierige Saarländer das Handtuch. Das Feld beherrschte fortan Bundeskanzler Gerhard Schröder, der die niedrigen Löhne akzeptierte und notfalls „aufstockte“. Die Brutto-Lohnquote am Volkseinkommen sank (bei anhaltender, wenn auch mäßiger Inflation) von 71,1 auf 66,9 Prozent. Die Gewinne stiegen im selben Ausmaß. Dafür feiert die Wirtschaft Schröder heute als Vater des Deutschen Exportbooms.

Doch obwohl manche seiner Reformen sinnvoll waren, ist die Gesamtbilanz „durchwachsen“: Der Exportboom war nur via Verschuldung des europäischen „Südens“ möglich, und dessen Rezession lässt die deutschen Exporte mittlerweile empfindlich schrumpfen. Und auch in Deutschland waren die Superreichen nie zuvor mit derart vielen Armen konfrontiert.

Österreich ist der deutschen Entwicklung gefolgt: Zwischen 1991 und 2011 ist der Anteil der Bruttolöhne und -gehälter am Volkseinkommen von 73,7 auf 58,2 Prozent gesunken. Netto, nach Abzug von Steuern und Sozialversicherung, ist den Österreichern noch weniger in der Tasche geblieben: nur mehr 58,5 Prozent im Jahr 2011 nach 69 Prozent im Jahr 1991. Unter Berücksichtigung der Inflation sind die Reallöhne kräftig gefallen.

Dass die höchsten Gehälter dennoch kräftig gestiegen sind, während die niedrigen dramatisch zurückfielen, passt ins Schema.

Auch bei uns stehen den „Reichen“ mehr „working poor“ denn je gegenüber.
In Deutschland muss der bei Gott nicht linke Kanzlerkandidat der SPD, Peer Steinbrück, sich derzeit in Talkshows mit dem spöttischen Vorwurf der Moderatoren auseinandersetzen, dass sein Programm in Wirklichkeit die Rücknahme der Agenda 2010 von Gerhard Schröder darstelle; und dass Skandinavien trotz hoher Lohnquoten wirtschaftlich erfolgreich ist. ÖGB-Funktionäre sollten diese Talkshows mitverfolgen.

peter.lingens@profil.at