<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Banken im Stresstest

Spaniens Großbanken zählen zu den stärksten. Österreichs große Banken können ihr Osteuropa-Risiko nicht verbergen. „Gerettete“ Banken stehen oft besser als gut wirtschaftende da.

Österreichs Regierung ist im Einklang mit Österreichs großen Banken dagegen, dass die Ergebnisse des „Stresstests“, dem Europas 25 größte Banken unterzogen wurden, im Detail veröffentlicht werden – Spaniens Regierung ist im Einklang mit Spaniens Großbanken dafür.

Daraus kann man schließen, dass Österreichs größte Banken bei diesem Stresstest eher mäßig abschneiden, während Spaniens große Banken ihn besonders gut bestehen.

Ich hätte das bezüglich Spaniens größter Bank, Banco Santander, jederzeit vorhergesagt: Sie verrechnet, wie alle spanischen Banken, weit höhere Gebühren für ihre Leistungen als Österreichs Banken, sie hat sich nur maßvoll an der Finanzierung der Bau-Blase beteiligt, und sie macht hervorragende Geschäfte in Südamerika. Angeblich ist sie daher die Nummer eins im Stresstest. Aber auch die zweite spanische Großbank, Banco Bilbao Vizcaya, dürfte nicht viel schlechter abschneiden, denn auch sie macht hervorragende Geschäfte in Südamerika. Dass sie mehr als die Banco Santander in der Finanzierung von Bauten in Spanien engagiert ist, beeinträchtigt ihre Performance, aber es schwächt sie nicht entscheidend.

Spaniens Großbanken sind groß und stark, und das ist tatsächlich ein Grund, Spaniens Volkswirtschaft optimistischer zu betrachten. Allerdings sind die kleinen örtlichen Sparkassen Spaniens so schwach, wie die Großbanken stark sind: Sie sind fast durchwegs an der Finanzierung des Baubooms beteiligt und haben dort viele jener Familien als Schuldner, die sich derzeit schwertun, ihre Raten zu bezahlen.

Wenn, wie die EU das plant, sämtliche Geldinstitute in den Stresstest einbezogen werden, dürfte sich für Spanien daher doch ein gemischtes – aber eben kein furchterregendes – Bild ergeben.

Warum aber rangieren Österreichs große Bankengruppen wie Erste Bank und Raiffeisen im EU-Stresstest offenbar eher im unteren Drittel?
Ich glaube, man muss zur Kenntnis nehmen, dass ihr Engagement im ehemaligen Ostblock in einem Stresstest zwangsläufig nach wie vor als gewichtiges Risiko sichtbar wird. Denn beim EU-Stresstest wird eben beurteilt, wie es der Bank erginge, wenn ein Worst-Case-Szenario einträte. Und während das spanische Engagement in Südamerika kaum gefährdet ist, ist es das österreichische in Osteuropa sehr wohl, wenn dort eine katastrophale Wirtschaftsentwicklung einträte.

Deshalb war es für Österreich so wesentlich, dass die EU sich entschloss, zusammen mit dem IWF viel Geld für diese Volkswirtschaften bereitzustellen. Es wäre ganz nützlich, wenn die Österreicher das bedächten, wenn sie sich über die EU-Gelder für Griechenland empören.
Der nationale Stresstest, dem Österreichs sechs größte Banken durch die Nationalbank unterzogen wurden, hat jedenfalls ergeben, dass sie dank des staatlichen Bankenpakets derzeit in der Lage wären, auch mit allfälligen größeren Verlusten im Osten fertig zu werden. (Und bei griechischen Anleihen waren Österreichs Banken im internationalen Vergleich überaus vorsichtig.)

Trotzdem besteht ein gewisses Risiko, dass die Veröffentlichung des EU-Stresstests sich zulasten der Ersten oder von Raiffeisen auswirken könnte – daher beider mäßige Freude mit dieser Idee.

Zumal die nackten Ergebnisse der EU-Erhebung einen zweiten gewaltigen Pferdefuß haben: Neben einer tatsächlich sehr guten Bank, wie der Banco Santander, schneidet dort etwa auch die Royal Bank of Scotland sehr gut ab, was daran liegt, dass sie dank ihres Fast-Konkurses vom Staat mit gewaltigen Mitteln gerettet wurde, sodass sie jetzt besonders gut kapitalisiert ist. Im ganzen EU-Test schneiden die „geretteten“ Banken daher vielfach besser ab als solche, die davor besser gewirtschaftet haben und daher nicht gerettet werden mussten. Berücksichtigt man die unterschiedlichen Staatszuschüsse (rechnet sie aus dem Vergleich heraus), dann liegen Österreichs Banken plötzlich wieder im guten Mittelfeld.

Es herrscht daher beträchtliche Uneinigkeit unter Europas Banken und Regierungen, ob die detaillierte Veröffentlichung des Stresstests tatsächlich eine so gute Idee ist, weil vor allem die Kunden ihn nicht mit der notwendigen Kenntnis seiner Relativität betrachten könnten. Während ich diesen Kommentar schreibe, ist deshalb noch nicht sicher, ob die Veröffentlichung in der geplanten Form stattfindet.
Die Ergebnisse werden freilich mit Sicherheit durch­sickern.

Wenn in Zukunft tatsächlich alle Banken einbezogen und die Ergebnisse veröffentlicht werden, kann das für die, die besonders schlecht abschneiden, letal sein: Kunden könnten in Panik ihr Geld abziehen und dem Institut damit den Todesstoß versetzen.

In den USA hat man den Stresstest daher mit einem zweiten Schritt gekoppelt: Wenn er ergibt, dass eine bestimmte Bank unterkapitalisiert ist, dann ist sie verpflichtet, sich das fehlende Kapital zu borgen, und der Staat stellt es für sie bereit.

In der EU ist dieser zweite Schritt nicht grundsätzlich geplant, weil er einmal mehr verhinderte, dass eine Bank, die schlecht gewirtschaftet hat, auch eingeht.

Meines Erachtens sollte man den zweiten Schritt auch in der EU vorsehen, aber differenziert gestalten. Jeder noch so kaputten, kleinen Bank der EU von Staats wegen Kapital zuzuführen schiene mir von zwei gefährlichen Wegen der gefährlichere: Er konservierte eine schlechte Struktur.

peter.lingens@profil.at