<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Bleibt Kernenergie eine Alternative?

Gedanken eines verstörten Kernenergie-Anhängers im Angesicht von Fukushima.

In Deutschland wird gerätselt, ob Angela Merkel ihre bisherige Position zur Kernkraft angesichts Fukushimas ehrlich überdenkt oder ob sie das nur angesichts der kommenden Wahlgänge vorspielt. Ich bin, nach allem, was ich von ihr weiß, ziemlich sicher, dass Ersteres zutrifft, denn ich bin in derselben Lage: Ich habe in der Vergangenheit zu jener Minderheit von Österreichern gehört, die wie Merkel der Meinung waren, die Kernkraft sei für den „weichen“ Übergang in ein Zeitalter alternativer Energien unverzichtbar. Die aktuelle Klimaproblematik hat mich in dieser Haltung bestärkt: Kernkraft ist neben Wasser- und Windkraft die einzige erprobte Energietechnologie, die kein CO2 produziert – und sie ist ungleich ergiebiger und wetterunabhängig.

Bezüglich der Sicherheit habe ich mich an denselben Zahlen orientiert, die offenbar auch meinem Kollegen Georg Hoffmann-Ostenhof vorgelegen sind, als er schrieb: „Trotz Three Mile Island, trotz Tschernobyl ist die Sicherheitsbilanz der AKWs hervorragend. Das Schürfen von Kohle, das Fördern von Öl und berstende Staudämme haben bisher unvergleichlich mehr Opfer gefordert als Reaktorunfälle.“

Tschernobyl hat mich schon deshalb nicht veranlasst, meine Position zu überdenken, weil man die Zulässigkeit einer Technologie nicht anhand einer von vornherein umstrittenen sowjetischen Konstruktion im Verein mit einem geistesschwachen Experiment beurteilen kann.

Aber in Fukushima war die Technologie nicht umstritten und der Unfall nicht von Menschen mitverschuldet. Daher ist es mir exakt wie Angela Merkel ergangen: Ich sah und sehe mich gezwungen, meine bisherige Position zur Kernkraft sehr ernsthaft zu überdenken.

Denn dass es in Fukushima wahrscheinlich doch nicht, wie in Tschernobyl, zur Kernschmelze kommen dürfte, ist kein Verdienst funktionierender Sicherheitsmechanismen der aktuellen Konstruktion – sondern ausschließlich jener 50 bis 200 Mann, die trotz Strahlenbelastung reichlich improvisierte Kühlmanöver durchzuführen vermochten. Ich war zwar auch irritiert, dass man auf deutschen Fernsehstationen kaum je zu hören bekam, dass diese Kühlmanöver durchaus Aussicht auf Erfolg hatten, und es ärgerte mich, dass auch der ORF die diesbezüglich sachkundigen Ausführungen von Professor ­Georg Steinhauser vom Institut für Atomphysik der TU Wien kaum anders als die Mega-Tschernobyl-Behauptungen diverser Greenpeace-Aktivisten behandelt hat, aber das ändert nichts an diesem Befund: Wenn die Kernschmelze in Fukushima vermieden wird, war das mehr Glück als Verstand.

Aber dürfte man die Sicherheit von Wasserkraftwerken danach beurteilen, dass ein Staudamm bricht und Abertausende mit seinen Wassermassen gefährdet, weil er auf einer Erdbebenlinie errichtet wurde und man ihn trotz des Wissens um Beben der Stärke 9 nur auf Stärke 8,2 ausgelegt hat? Als der Geologe Alexander Tollmann 1986 im Zuge der Volksabstimmung über Zwentendorf darauf hinwies, dass diese Ortschaft auf einer Erdbebenlinie liegt, habe ich das in meinen Kommentaren selbstverständlich als gravierendes und dringend zu klärendes Argument bezeichnet. Wieso hat man sich in Japan darüber hinweggesetzt?

Vermutlich, weil man die Kosten berechnet hat. Die Richterskala ist eine logarithmische – Beben der Stärke 9 sind zehnmal so stark wie Beben der Stärke 8. Sich technisch dagegen abzusichern ist vermutlich zehnmal so teuer. Unter dieser Kostenbelastung wäre Strom aus Fukushima nicht konkurrenzfähig gewesen. Trotzdem hat Japans Regierung den Bau unter diesen – für jeden Befassten sofort ersichtlichen – Voraussetzungen zugelassen. Wie konnte eine dem Volk verantwortliche Regierung das tun?
Die einfachste Erklärung wäre zweifellos der Einfluss der „Atom-Lobby“, der sicher überall, von Japan über die USA bis Deutschland, ein gewichtiger ist. Trotzdem glaube ich nicht, dass sämtliche Kernkraft nutzende Regierungen sich ihm unterworfen haben, während nur Österreich mannhaft widerstanden hat. Was passiert dann im Rest der Welt?

Ich glaube, verantwortungsbewusst zu regieren hat in Japan auch geheißen, einer Insel ohne Bodenschätze und mit dichtester Besiedlung die notwendige Energie zu erschwinglichen Preisen zur Verfügung zu stellen. Das gilt, ihrer aktuellen Armut wegen, auch für China, Indien und Afrika: Auch sie brauchen aufs Dringendste Energie. Ich habe daher folgende, sicher sehr vereinfachende, aber in Bezug auf ihre Dimensionen dennoch zutreffende Rechnung angestellt: Jeder EU-Bürger verbraucht der­zeit rund 1,48 Tonnen Erdöl pro Jahr. Ich gehe optimistisch davon aus, dass sich dieser Verbrauch durch drastisches Energiesparen um ein Drittel auf eine Tonne pro Bürger senken lässt. Dass bedeutet, dass 6,8 Milliarden Erdenbürger dereinst 6,8 Milliarden Tonnen Erdöl verbrauchen werden, um in etwa auf österreichischem Niveau zu leben.

In diesem Fall sind die geschätzten Welterdölreserven von 170 Milliarden Tonnen in 25 Jahren aufgebraucht.

Natürlich kann man sagen: Diesen Leuten steht Österreichs Wohlstandsniveau einfach nicht zu – aber ich weiß nicht, ob sie sich daran halten werden.

Wenn sie das aber nicht tun, sehe ich weiterhin nicht, wie man ohne die vorläufige Fortnutzung der Kernenergie aus dem Erdölzeitalter in das Zeitalter der Solar-, Wind- und Biomasse-Energie gelangen will.


peter.lingens@profil.at