<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Chinas Erfolgsgeheimnis

Schafft der Verzicht auf Wahlen wirtschaftliche Vorteile? Lassen sich die Erfolge des letzten Jahrzehnts hochrechnen?

Dass China vor den USA die neue Supermacht des Jahrhunderts sein wird, zählt mittlerweile zu den unverzichtbaren Slogans aller Futurologen. Wenn Sie Argumente für diese Prophezeiung suchen, empfehle ich „Chinas Mega­trends“ von John & Doris Naisbitt, das dieser Tage bei Hanser herauskommt. Mit bisher 18 Millionen verkaufter ­Bücher zählt John Naisbitt zu den erfolgreichsten Sachbuchautoren der Welt: Vor zwanzig Jahren machte sein Bestseller ­„Megatrends“ mit Voraussagen über die Entwicklung Europas und der USA Furore – „bei keiner einzigen“, so attestiert ihm die „Financial Times“, „ist er falschgelegen“. Ich bin dessen, was „Chinas Megatrends“ betrifft, nicht ganz so sicher, aber Naisbitts Argumente haben einiges für sich.

Das stärkste lässt sich in einem Satz komprimieren: Das autoritär regierte China erwirtschaftete 2008 mit einer Bevölkerung von 1,3 Milliarden ein BIP von rund 3300 Dollar pro Kopf – im demokratisch regierten Indien waren es bei einer Bevölkerung von 1,15 Milliarden nur knapp über 1000 Dollar.
Naisbitt sieht in dem Umstand, dass Chinas Führung wirtschaftliche Reformen ohne Rücksicht auf Wahltermine durchziehen kann, einen Vorteil, der sich auch gegenüber westlichen Demokratien als immer gewichtiger erweisen könnte. Er negiert das damit verbundene Demokratiedefizit zwar nicht, hält es aber für weniger gewichtig, als wir es aufgrund unserer Wertskala ansehen: Die Chinesen besäßen die meisten unserer persönlichen Freiheiten, und das Recht, alle vier Jahre über ihre Regierung abzustimmen, ginge ihnen nicht sonderlich ab, zumal sie diese Regierung sowieso für gut hielten. Er nennt China daher nie eine „Diktatur“, sondern euphemistisch eine „vertikale Demokratie“: In ihrem unmittelbaren Lebensbereich könnten die Chinesen zunehmend mitentscheiden; gleichzeitig sei die „Führung“ kein monolithischer Block, sondern auch dort würden Meinungen ausgetauscht und Mehrheiten gesucht.

Ziel dieser Führung sei nicht die Errichtung einer „klassenlosen“, sondern einer wirtschaftlich erfolgreichen und deshalb zufriedenen Gesellschaft. Auf dem Weg dorthin bediene man sich jeder Methode, die Erfolg verspricht, also weit mehr der Marktwirtschaft als der Planung. Wieder vermeidet es Naisbitt – sicher zum Vorteil seiner chinesischen Auflage – zu behaupten, China sei zum „Kapitalismus“ übergegangen, sondern spricht, wie Chinas Führung, vom „chinesischen Weg“. Die kommunistische Vergangenheit der Wirtschaft schaffe in Verbindung mit Chinas philosophischer Tradition die ideale emotionale Basis dafür: Der einzelne Chinese sehe sich nie, wie im Westen, in erster Linie als Individuum, sondern immer als Teil eines größeren Ganzen, dessen Vorteil auch ihm zum Nutzen gereicht.

Ich sehe vieles ähnlich wie Naisbitt: Ein autoritäres ­Regime, das nicht, wie etwa das NS-Regime, die Welt ­erobern oder eine Rasse ausrotten will, kann wirtschaftlich durchaus besser funktionieren als eine so unvollkommene Demokratie wie die indische, mit ihrem Kasten-Unwesen. Pinochets Chile belegt diese These zur Rechten. Vor allem in unterentwickelten Ländern bringt ein Peter der Große oder ein Saddam Hussein wahrscheinlich mehr weiter als ein gewählter Bundeskanzler.

Ich bin so reaktionär zu meinen, dass der „Westen“ das als sinnvolle Entwicklungsstufe anerkennen sollte: Aufgeklärte Diktatoren können eine Zeit lang nützlich für ihr Land sein. Ihre Gesamtbilanz sollte vom Ausmaß ihrer Verstöße gegen die Menschenrechte abhängig gemacht werden: Ich fürchte, dass die ­Bilanz Pinochets (anders als die Saddam Husseins) trotz ­tausender Morde eine letztlich positive ist.

Sie hängt natürlich entscheidend davon ab, wie hoch man wirtschaftlichen Fortschritt einschätzt, und wie Naisbitt schätze ich es höher ein, dass in China niemand mehr hungert, als dass es, wie in Indien, Demokratie und Presse­freiheit gibt, aber nach wie vor Verhungerte auf den Straßen liegen. Zuerst kommt mit Bert Brecht das Fressen und dann erst die Moral. Die Leistung der chinesischen Führung, die Menschen wirtschaftlich zunehmend zufrieden zu stellen, lässt mich vorerst über das Demokratiedefizit hinwegsehen.

Vorerst. Meine Zweifel an Naisbitts Sicht beginnen dort, wo er eine grundsätzliche wirtschaftliche Überlegenheit eines solchen, nicht von Wahlzyklen gestörten Gesellschaftssystems andeutet. Seine wirtschaftlichen Vergleiche werden dann zunehmend manipulativ – wenn er etwa wiederholt betont, dass China selbst „Exportweltmeister“ Deutschland überholt hat: Es ist nicht so atemberaubend, dass 1,3 Milliarden Chinesen mehr exportieren als 82 Millionen Deutsche, die außerdem weit mehr Güter selber ­konsumieren.

Ähnlich problematisch scheint mir, dass Naisbitt Chinas wirtschaftliche Erfolge linear in die Zukunft zu extrapolieren scheint. Es war relativ leicht, das angesichts der Größe des Landes lächerliche BIP von 1980 oder 1990 zu verdreifachen, aber mit dem BIP von 2009 wird das schon viel schwerer sein, und es wird dann immer noch weit unter dem der EU oder der USA liegen.

China hat (wie Naisbitt freilich nicht unterschlägt) die größten Probleme entwickelter Industrienationen noch vor sich: voran Umweltbelastung, Korruption und extreme Über­alterung durch die Ein-Kind-Politik. Auch ich sehe China auf einem guten Weg. Ob es wirklich dort ankommt, wo die EU oder die USA schon sind, scheint mir unverändert in den Sternen zu stehen.

peter.lingens@profil.at