<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Das Elend klassischer Musik

In Venezuela hören die Jungen und die Massen Schubert, Mozart und Beethoven – im „Musikland Österreich“ ein paar Senioren.

Vor Monaten habe ich an dieser Stelle am Beispiel des italienischen Pianisten Vincenzo Maltempo über das „Elend der jungen Musiker“ geschrieben, die das Pech haben, Klassik zu lieben. Das Leserecho war so intensiv, dass es mir berechtigt scheint, über den Fortgang der Karriere des 23-Jährigen zu berichten: Der Venedig-Preisträger und Viertelfinalist einiger der bedeutendsten Klavierwettbewerbe der Welt musste soeben seinen Flügel verkaufen, um essen und wohnen zu können.
Im (hervorragenden) Liszt-Zentrum Raiding habe ich mir die Siegerin des Liszt-Wettbewerbs in Weimar und den Sieger jenes größten Liszt-Wettbewerbs in Utrecht angehört, bei dem Maltempo im Viertelfinale wegen entzündeter Sehnen w. o. geben musste: Beide musizierten sagenhaft – beide antworteten auf die Frage, ob sie von ihrer Musik leben können: „Manchmal, wenn wir Konzerte haben.“
Musikhochschulen speien jährlich tausende begnadeter junger Musiker aus – aber eine unendlich reiche Gesellschaft, die immer mehr Freizeit sinnvoll zu füllen hätte, will sie nicht brauchen. Das scheint mir beschämend, und ich lasse mich von diesem Urteil auch nicht durch die Argumente abbringen, die mir nach meinem ersten Text entgegengeschlagen sind: „Viele junge talentierte Leute verenden nach langjährigem Studium in fremden Gewerben … es gibt Familienväter, die ihre Hausraten nicht begleichen können, und Alleinerzieherinnen, die trotz akademischer Ausbildung in Wohnheimen leben.“
Es ist richtig – und beschämend –, dass alle Jungen es schwer haben, aber ich bin so „elitär“ (eine weitere Leserkritik), es für besonders beschämend zu halten, wenn weit überdurchschnittlich begabte junge Musiker ihre Instrumente verkaufen müssen, um leben zu können.

Weiter am konkreten Beispiel: Weil er es sich nicht leisten konnte, haben meine Frau und ich Maltempo eine Liszt-CD finanziert, die die Gramola in ihr elitäres Programm aufgenommen hat. Nachdem der wichtigste Musikkritiker des Landes, Karl Löbl, ihr „hervorragendes Niveau“ bescheinigt hatte und die Musikzeitschrift „Pizzicato“ ihr mit fünf Sternen die höchste Benotung gab, verkaufte Gramola davon 65 Stück.
„Es wird wohl so sein, dass klassische Musik vom Normalkonsumenten nicht unbedingt gewollt wird“, schrieb mir dazu schon seinerzeit ein Leser.
In Venezuela, das nicht von sich behauptet, Musikland Nummer eins der Welt zu sein, gibt es – neben 30 großen – 150 Jugendorchester, und derzeit besuchen 200.000 Jugendliche aus den Slums Limas Musikschulen, nachdem der Komponist und Nationalökonom José Antonio Abreu die Idee hatte, ihnen Musikinstrumente in die Hand zu drücken, statt sie Revolver ergreifen zu lassen. Bei den übervollen Konzerten dieser Musikschulen lauschen Venezuelas „Normalkonsumenten“ in Baracken begeistert Schubert, Mozart oder Beethoven, während wir den Musikunterricht verkürzt und klassische Musik zum Senioren-Hobby degradiert haben.
Förderungen und rares Mäzenatentum konzentrieren sich auf große Häuser beziehungsweise große Namen: Anna Netrebko cashte zuletzt 250.000 Dollar pro Abend. Nach den Top-Kritiken der Vincenzo-Maltempo-CD wagte ich, bei Erste-Chef Andreas Treichl anzufragen, ob die Bank ein paar seiner CDs als Weihnachtsgeschenk erwerben und dafür als Sponsor am Cover genannt werden wollte.
Der Brief passierte sein Vorzimmer nicht. Ich schickte ihm die CD noch einmal an seine private Adresse, und er fand sogar Zeit, sie zu hören und tatsächlich „toll“ zu finden. Euphorisch schrieb ich zurück, die Erste könnte vielleicht doch hundert Stück zum Vorzugspreis von 15 Euro als Geschenk erwerben, denn damit würde Maltempo abseits seiner Prozente zumindest einer guten Klientel bekannt. Doch vermutlich ist mein Brief wieder verschollen.
Mir ist klar: Die Erste bekommt hunderte solche Ersuchen, und ihr Generaldirektor hat andere Sorgen – trotzdem ist auch dieses Erlebnis symptomatisch: Das Mäzenatentum großer Unternehmen und reicher Leute ist, an ihren Gewinnen und Einkommen gemessen, bescheiden. (Karlheinz Essl und Herbert Liaunig sind Ausnahmen, die die Regel bestätigen.)

Es gibt, wenn man die klassische Musik nicht Alters sterben lassen will, nach wie vor nur eine ökonomisch funktionierende Lösung: eine Renaissance der Hausmusik, die der Staat, so hatte ich seinerzeit fantasiert, dadurch fördern sollte, dass er jedem Bürger gestattet, einen Promillesatz seines Einkommens für Hauskonzerte oder den Ankauf von Bildern von der Steuer abzusetzen. Um den Betrag, der dem Staat dabei an Steuern entgeht, könnte er notfalls die Kulturförderung kürzen, denn das auf diese Weise aktivierte private Kapital machte ein Vielfaches aus. Wiens Ex-Kulturstadtrat Peter Marboe erzählte mir, ähnliche Ideen seien schon mehrfach vorgetragen worden, aber am Widerstand der Gewerkschaften gescheitert. Die „Reichen“ sollten nicht schon wieder Absetzmöglichkeiten erhalten – auch wenn das armen werktätigen Malern und Musikern zugutekäme.
Ich habe also im Finanzministerium nachgefragt, ob dergleichen heute denkbar wäre, und bin auf erbitterte Ablehnung gestoßen: Wie sollte man denn definieren, was eine kulturelle Ausgabe sei?
Dabei definiert das Finanzministerium das ununterbrochen, indem es „Förderungen“ finanziert – nur dass die dann von Ministern und Beamten statt von ahnungslosen Bürgern wie meiner Frau und mir an Künstler vergeben werden.

peter.lingens@profil.at