<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Das Versagen des Mossad

An die Stelle israelischer Politik trat ein „Massaker“, das Israel nicht wollte und das seinen Gegnern in die Hände spielt.

Über die Folgen des Zwischenfalls auf der „Mavi Marmara“ herrscht unter Israels wenigen Freunden und zahlreichen Kritikern erstaunliche Einigkeit: Israel, das die Hamas durch seine Blockade isolieren wollte, ist politisch so isoliert wie nie zuvor.

In fast allen Ländern der EU haben Protestkundgebungen stattgefunden. Die Türkei, bisher ein rarer Verbündeter ­Israels im islamischen Lager, ist es nicht mehr: Der Zwischenfall kam ihr gelegen, denn sie will sich seit Längerem als islamische Führungsmacht etablieren, und mit einer proisraelischen ­Linie konnte sie das nicht.

Vor allem aber haben sich in den USA erstmals größere jüdische Gruppierungen öffentlich von Israels Politik dis­tanziert. Die US-Administration steht zwar nach wie vor eindeutig hinter ihrem Verbündeten im Nahen Osten – Obama hat den Vorfall „tragisch“, nicht aber „rechtswidrig“ genannt –, aber es gibt Risse im gegenseitigen Verständnis und Haarrisse in der öffentlichen Meinung. Das Wesen von Haarrissen ist die Möglichkeit eines plötzlichen Ermüdungsbruchs. Auch in der proisraelischen öffentlichen Meinung der meisten EU-Länder hat es einst nur Haarrisse gegeben – aber in Schweden und Irland sind sie mittlerweile zu Gräben und überall sonst zu tiefen Sprüngen geworden. Setzte eine ähnliche Entwicklung auch in den USA ein, so wäre Israels ­Sicherheit ernsthaft gefährdet.

Wenn ich Benjamin Netanjahus Behauptung übernehme, dass es für Israels Sicherheit notwendig war, die „Mavi ­Marmara“ zu entern, so komme ich nicht um die Feststellung herum, dass eben diese Sicherheit durch sein Vorgehen gelitten hat.

Er ist nicht so dumm, das gewollt zu haben. Aus der Korrespondenz zwischen irischer und israelischer Regierung geht klar hervor, dass Israel den Zusammenstoß mit den „Friedensaktivisten“ vermeiden wollte: Irland riet ihnen, Israels Vorschlag anzunehmen, wonach das Schiff in Aschdod landen und seine Ladung unter UN-Aufsicht auf dem Landweg in den Gaza-Streifen transportiert werden sollte, nachdem sie auf Waffen untersucht worden sei.

Aber die „Friedensaktivisten“ wollten nicht so sehr Güter an Bedürftige liefern, als die Blockade brechen. Israel versuchte weiterhin, die damit unvermeidliche Konfrontation so friedlich wie möglich zu gestalten: Statt scharfer Munition hatten die Fallschirmspringer, die auf der „Mavi Marmara“ landeten, bekanntlich „Paintballs“ in ihren Waffen. Die türkischen „Friedensaktivisten“ empfingen sie mit Eisenstangen und Messern, und es gibt über die folgenden Vorgänge nicht nur ein aufschlussreiches Video, sondern insbesondere die unverdächtige Aussage des Libanesen Andre Abu Khalil, der als Kameramann des arabischen Senders Al Jazeera an Bord war: Die Türken hätten den Soldaten mit ihren Eisenstangen offene Knochenbrüche zugefügt und sie als Geiseln unter Deck verbracht. Jetzt erst landete ein zweiter israelischer Trupp und eröffnete das Feuer.

Ob er neun Tote produzieren musste, um die Geiseln freizubekommen, könnte nur eine eingehende Untersuchung klären. Sicher ist, dass ein Teil der türkischen Aktivisten aus eindeutig radikalen Gruppierungen kam und wenig mit der großen Zahl der sonstigen Friedensaktivisten aus aller Herren Länder gemein hatte.

Primär wurden jedenfalls „Wehrlose“, auch wenn es Soldaten waren, von „Bewaffneten“, auch wenn es Zivilisten ­waren, lebensgefährlich attackiert. Erst als Reaktion darauf haben bewaffnete Soldaten – möglicherweise überschießend – eine Befreiungsaktion für ihre Kollegen gesetzt.

Mit „Tragödie“ scheint mir Obama das richtige Wort ­gefunden zu haben. Wäre ich Netanjahu, entließe ich jetzt zwei Führungskräfte: den Regierungsverantwortlichen für PR, der das Video nicht sofort präsentierte, um der These vom „Massaker“ entgegenzutreten. Vor allem aber den Leiter des Mossad: Ein funktionierender Geheimdienst hätte – spätestens durch ­einen eigenen Mann an Bord – wissen müssen, dass sich zu allem entschlossene Fanatiker unter die „Friedensaktivisten“ gemengt hatten, denen man unmöglich mit „Paintballs“ entgegentreten konnte. Vielmehr hätten die Fallschirmspringer über scharf geladene Maschinenpistolen und dazu über Waffen verfügen müssen, mit denen man Menschen „starr-schocken“ kann, ohne sie zu verletzen. Ein funktionierender Mossad hätte die Toten vermieden.

Man könnte Israels Politik dann sachlicher diskutieren: Ist die Blockade überhaupt zulässig? Ich meine ja: Die Hamas feuert aus dem Gaza-Streifen permanent Raketen auf Israel ab – das ist eine kriegerische Handlung, gegen die es sich wehren können muss. Statt wieder einzumarschieren, versucht man es mit einem Embargo, das keineswegs humanitäre Hilfe, wohl aber die Lieferung größerer Raketen, aber wohl auch wichtiger Wirtschaftsgüter verhindern sollte.

Über Letzteres kann man streiten, über die Raketen nicht. Ich halte es daher für einen nicht sehr weisen Beitrag zum Frieden, das Embargo sprengen zu wollen.

Nur dass ich gleichzeitig mit Amos Oz von „Peace Now“ der Meinung bin, dass Israel die Hamas auch durch ein ­erfolgreiches Embargo nicht zu überwinden vermag.

Nur erfolgreiche Friedensverhandlungen mit dem ge­mäßigten Teil der Palästinenser, die endlich zu einem funktionsfähigen Palästinenserstaat führen, könnten erreichen, dass die Hamas isoliert wird und ihren Einfluss im Gaza­-Streifen verliert.

peter.lingens@profil.at