<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Der Gen-Tech-Glaubenskrieg

<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Der Gen-Tech-Glaubenskrieg

Niemand konnte negative Folgen von Genmais-Anbau aufzeigen.

Bezüglich der Besteuerung Vermögender mögen Österreichs Parteien gespalten sein – bezüglich der Gentechnik sind sie einig: Sie ist des Teufels. Jüngster Anlass zum Exorzismus aufzurufen war die völlige Freigabe von Genmais 1507 des US-Unternehmens Pioneer durch die EU-Kommission (1). Obwohl nur Großbritannien, Spanien, Schweden, Finnland und Estland dafür eintraten, war die Abwehrfront aufgrund der Zurückhaltung Deutschlands, Portugals, Belgiens und Tschechiens nicht mehr stark genug, um zu verhindern, dass die EU 16 Jahre nach MON 810 von Monsanto die Aussaat einer zweiten genmanipulierten Maispflanze erlaubt (2).

Denn einmal mehr konnte niemand Stichhaltiges dagegen vorbringen: In den USA hat die Food and Drug Administration (FDA) „transgenen Mais“ (3) schon 1996 für unbedenklich erklärt, und seit damals essen ihn dort Mensch und Tier ohne aktenkundigen Schaden (4). In Europa wird MON 810 nur in Spanien ernsthaft (zu 30 Prozent) angebaut, und auch dort wurden keine negativen Folgen registriert.

Die Bevölkerung – und mit ihr die Politik – lehnt Gennahrung jedoch mit großer Mehrheit ab: EU-weit mit 60, in Deutschland und Österreich mit 80 Prozent (5).

Die EU-Behörde für Ernährungssicherheit EFSA prüft daher unter politisch völlig anderen Voraussetzungen als die FDA. Dennoch kam auch sie schon 2005 zu dem Schluss, dass Genmais 1507 so sicher wie „natürlicher“ Mais sei und beim Anbau Vorteile bringt: Er ist immun gegen Unkrautvertilgungsmittel und er sondert ein Beta-Protein ab, das die Mottenlarve „Maiszünsler“ killt, die sonst zirka vier Prozent der Ernte frisst (6). Bis 2014 wurde die Anbauzulassung dennoch verzögert. Der Vorwurf, die EFSA habe bei ihrem Urteil dem Lobbyismus der Konzerne nachgegeben, ist insofern nicht sehr schlüssig, als Europas Nahrungsmittel-
industrie und Handel an den grünen Hysterien blendend verdienen und finanzstärker als jene Konzerne sind, die in der EU noch auf Gentechnik setzen.

Im Internet ist die EFSA Prüfung einsehbar (7). Sie konzentrierte sich auf die Frage, ob Genmais neben dem Maiszünsler womöglich auch Schmetterlinge, Bienen, Regenwürmer oder Käfer dezimiert. So widmete sich die Aachener Biologin Mechthild Schuppener durch drei Jahre in Labor- und Feldversuchen der möglichen Schädigung von Schmetterlingen. Als Probanden wählte sie „Kleinen Fuchs“ und „Tagpfauenauge“, weil deren Larven sich von Brennesseln ernähren, die am Rand von Maisfeldern häufig vorkommen, sodass der Wind Genmais-Pollen auf sie überträgt. Wurden solche Pollen im Labor auf Blättern an Schmetterlingslarven verfüttert, so nahm ab einer Dichte von 250 Pollen pro Quadratzentimeter ihr Appetit ab, ab 1000 Pollen stieg erwartungsgemäß ihre Sterblichkeit. In den Feldversuchen an Brennesseln am Rande von Maisfeldern wurde aber eine maximale Pollendichte von nur gerade 50 Pollen gemessen.

So sah die Studie aus, die Genmais 1507 Unbedenklichkeit gegenüber Schmetterlingen bescheinigte. Ähnlich eingehend sind alle anderen Studien. Dennoch wissen Eva ­Glawischnig, Werner Faymann, ­Michael Spindelegger oder Heinz-Christian Strache präzise, dass der Anbau von Genmais unglaublich riskant ist. Ich weiß zumindest ein Risiko: Europas Gentechnik-Feindlichkeit schafft US-Konzernen ein Monopol, das allen Verbrauchern zum Nachteil gereicht.

Woher die Vorstellung einer ausschließlich „guten“ Natur und deren ausschließlich böser Veränderung durch den Menschen kommt, weiß ich nicht: Schlangen, Insekten oder Pilze produzieren die stärksten Gifte, Bakterien oder Viren können die Menschheit ausrotten. Aber das alles tragen wir gelassen, weil es „natürlich“ ist. Doch wenn Biochemiker auf der Basis präziser Kenntnisse des Genoms unter strengsten Auflagen eine Veränderung vornehmen, schürt das in der Alten Welt Angst. Dabei essen wir ständig Nahrung, deren genetische Struktur nicht mehr die ursprüngliche ist und die Gift enthält. Denn natürlich verändert auch „natürliche Züchtung“ auf der Basis zufälliger Mutationen das Genom; und die meisten Pflanzen produzieren von sich aus Substanzen, die eindringende Insekten oder Würmer abwehren und daher zwangsläufig auch menschliche Zellen angreifen.

So sondern etwa Erdäpfel oder Tomaten krebsfördernde Pestizide ab. Und Weizen oder Roggen produzieren Allergene, die bei einem von 110 Deutschen (für Österreich liegen keine Zahlen vor) eine Entzündung der Dünndarmschleimhaut auslösen, die als Zöliakie eine schwere Verdauungsstörung darstellt, chronisch werden kann und die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkanken, erheblich erhöht. Aber natürlich essen wir „natürlichen“ Weizen. Was „natürlich“ ist, hat gesund zu sein – was „künstlich“ von Menschen gefertigt „in die Natur eingreift“, hat „krankmachend“ und „riskant“ zu sein. Bayerns Horst Seehofer brachte es auf den Punkt, als er auf Bayerns christlichen Respekt vor der Schöpfung verwies.

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1) Sie konnte diesen Beschluss nicht länger hinausschieben, weil Pioneer sie vor dem Europäischen Gerichtshof erfolgreich wegen Säumigkeit geklagt hatte.
2) Formal wurde nicht abgestimmt. Man ermittelte informell, dass die notwendige qualifizierte Mehrheit der Zulassungsgegner nicht zustande gekommen wäre.
3) Als „transgen“ wird eine Pflanze bezeichnet, wenn ein artfremdes Gen – etwa eines Bakteriums – in ihr Genom eingeschleust wurde.
4) Es gibt – anders als von der EU vorgesehen – in den USA keine diesbezügliche Nachuntersuchung. Und der häufige Wechsel von Monsanto-Managern in die Politik und umgekehrt schürt Zweifel an der Unbefangenheit der FDA.
5) Das spiegelt sich auch im Votum des Europaparlaments, das die Zulassung von Mais 1507 mit massiver Mehrheit ablehnte.
6) Das gleiche Beta-Protein wird auch zur konventionellen Schädlingsbekämpfung verwendet. Es ist selbst im biologischen Anbau zugelassen.
7) http://www.transgen.de/zulassung/gvo/65.doku.html

peter.lingens@profil.at