<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Der eiserne Heinrich

<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Der eiserne Heinrich

Wie man 100 Jahre alt wird, ohne sich zu langweilen.

Seinen eigentlichen Geburtstag, den 31. Juli 1913, feierte er am Kreuzberg in einem Haus, das der jüdische Fabrikant Paul Khuner 1930 durch Adolf Loos errichten ließ – mit Panoramablick in Arthur Schnitzlers weites Land.
Dass Heinrich Treichl von dort so kerzengerade und dennoch sperrig in die Gegenwart ragt, ist vielfach beschrieben worden – am besten durch ihn selbst: „Fast ein Jahrhundert“ war 2003 ein Bestseller1.

Anlässlich des Todes seiner Frau Helga habe ich 1995 versucht, den Unterschied zwischen den Treichls und den „Top 500“ der Gegenwart festzuhalten: „Die Top 500 haben ein Zweithaus in Übersee, die Treichls ein Landhaus im Inland. Die Einrichtung der Top 500 stammt von einem Top-Innenarchitekten, die der Treichls stammt von den Treichls: geerbt, gesammelt, ersteigert. Jene sind stolz auf ein pures Jugendstilzimmer, diese mischen die Möbel verschiedenster Epochen stilsicher zu einem persönlichen Ensemble, in dem sogar ein wenig behaglicher Kitsch seinen Platz hat: Es quält sie nicht diese zutiefst kleinbürgerliche Sorge, dass etwas in ihrer Wohnung für kleinbürgerlich gehalten werden könnte. Jene sind auf allen Golfplätzen der Welt, diese in allen Theatern zu Hause. Jene vermögen ‚Newsweek‘ auf Englisch zu lesen, diese rezitieren Verlaine auf Französisch. Vor allem aber sprechen sie auch die Fremdsprache, an der die neue Wiener Gesellschaft am hörbarsten scheitert: das Deutsch Rilkes, Schnitzlers und Hofmannsthals.“

Heute füge ich hinzu: Niemand käme auf die Idee, Heinrich Treichl einen „Banker“ zu nennen – „Bankier“ beschreibt ihn als Einziges angemessen. Er selbst erläuterte den Unterschied zweifellos an seinem Vater Alfred Treichl: Als der mit seiner Biedermann-Bank in der großen Depression in Finanznot geriet, verwendete er sein gesamtes privates Vermögen, um seine Kunden vor Verlusten zu schützen, und seine Frau kam ihm dabei trotz Gütertrennung mit ihrem großen Vermögen zur ­Hilfe. „Kapitalismus bedarf eines ethischen Ordnungsrahmens“ ist einer der aktuellen Kernsätze aus Heinrich Treichls ­Memoiren.

Sich selbst nennt Treichl darin einen „Liberalen im klassischen angelsächsischen Sinn“ – womit er in Österreich so gut wie alleine war und ist. Schon sein Vater, so schreibt er, sei als Liberaler nicht „zwischen“ Christlichsozialen und Sozialisten, sondern „gegen beide“ gestanden, und die Lehren Friedrich August Hayeks hätten ihn endgültig in dieser Haltung bestärkt.

Treichls zeitlebens ungelöstes Problem bestand darin, dass er in einem sozialistisch dominierten Österreich auf dem Ticket der ÖVP mit der Creditanstalt-Bankverein eine Bank führen musste, für die alle Bedingungen galten, in denen Hayek den „Weg in die Knechtschaft“ sah: Sie gehörte dem Staat; Vorstände wurden ausschließlich politisch bestellt; wenn der Kanzler es verlangte, hatte Treichl weit vor dem Aktiengesetz den politischen Erfordernissen Rechnung zu tragen: etwa die Reifenproduktion von Semperit nicht an Michelin zu verkaufen, sondern auf Wunsch Hannes Androschs beziehungsweise des ÖGB bis zum bitteren Ende im CA-Konzern zu behalten.

Dass er nur gelegentlich die Kraft fand, solche Ansinnen rundum abzulehnen und dabei seinen Job zu riskieren, quält ihn bis heute, auch wenn es mit Sicherheit damit geendet hätte, dass er gegen einen völlig Willfährigen ausgetauscht worden wäre.

Immer wieder in seinen Memoiren wird die tiefe Bewunderung für seinen jüngeren Bruder Wolfgang spürbar, der diese letzte Entschlossenheit aufbrachte: Er desertierte von der Deutschen Wehrmacht, um als Soldat auf Seiten Englands den Tod zu finden. Wolfgang Treichl ist der einzige Mensch, der Heinrich Treichl auch gern gewesen wäre.

Dass er so alt geworden ist, dankt er neben den Genen jenen „drei L“ die auch Altersforschung dafür verantwortlich macht: Laufen, Lesen, Lieben!
Für seine Fitness sorgten „Fünf Tibeter“: Dehn- und Streckübungen, die er an jedem Morgen absolviert und die ihn noch mit 90 Jahren einen Schal meiner Frau rascher aufheben ließen, als ich mich mit 60 danach bücken konnte. Ein Treichl mit Bauch ist nicht denkbar.

Seine Bibliothek füllt nicht nur ein großes Zimmer, sondern er könnte nicht ohne Bücher leben und hat sie als Leiter des Ullstein Verlages (der ein Erbe seiner Frau war) auch durch einige Jahre verlegt.

Auf das Buch, das ihn prägte, stieß er als Kriegsgefangener in den USA: Hayeks „Der Weg in die Knechtschaft“ ist ein grandioses Plädoyer für die individuelle Freiheit und ihre Bedrohung durch etwas, was er „Sozialismus“ nennt, obwohl er darunter viel weniger den Sozialismus von heute als den „Kollektivismus“ der sowjetischen Staatswirtschaft und vor allem des Nationalsozialismus versteht. Auch Treichl neigt zu dieser Verwechslung: Ich werde in seinen Augen beinahe zum Kommunisten, wenn ich die staatliche Sozialversicherung den karitativen Stiftungen von US-Millionären vorziehe. Doch unsre Freundschaft hat das locker überdauert.

Sie entstand vor gut 30 Jahren bei einer Tagung des „Forum Alpbach“: Inmitten eines Gesprächs über die damals aktuellen „Reagonomics“ entdeckte Treichl vor einem der Bauernhäuser Rainer Maria Rilkes „Blaue Hortensien“ und rezitierte die ersten Zeilen des Gedichtes über ihre Dolden, die „ein Blau nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln“; ich setzte es mit den nächsten Zeilen fort, und wir entdeckten, dass wir viele Gedichte Rilkes auf die gleiche Weise miteinander teilen konnten. Dergleichen verbindet mehr als politische Einstellung oder berufliches Interesse.

Anders als ich, kann Treichl fast alle Ding-Gedichte ­Rilkes bis heute. Dazu Gedichte Hofmannsthals, die ich nur aus seinem Mund gern höre. Als seine Familie wegen des Untergangs der Biedermann Bank nach Deutschland übersiedelte, wo Alfred Treichl eine neue Stellung gefunden hatte, war es die Sprache Rilkes und Hofmannsthals, die Heinrich Treichl und seine beiden Geschwister in den Jahren eines immer stärker werdenden Nationalsozialismus untrennbar mit Österreich verband. „Ich fühle nicht deutsch“, schreibt er in seinen Memoiren.

Als er während des Russlandfeldzuges als Soldat der deutschen Wehrmacht im Schützengraben saß, waren es diese Gedichte, die ihn an die Wiedergeburt Österreichs glauben ließen. Und es war ihre Sprache, in der Wolfgang Treichl seinen Entschluss zum Äußersten vorwegnahm:

„Aber laߑ der Jugend Träume fahren,
Wenn der Ruf ertönt zum wahren Werke.
Trotze niemals mit den harten Jahren!
Nein, versuche Deine Stärke
In den wachsenden Gefahren.“

Er fiel 1944 als englischer Fallschirmspringer beim Absprung nahe von Tolmezzo dicht an der österreichischen Grenze. Auch das hat uns zweifellos verbunden: Auch mein Vater hasste die Nazis, während er in Russland im Schützengraben saß – und meine Mutter riskierte wie Wolfgang im Kampf gegen sie ihr Leben.

Treichl hat sich auch in diesem Zusammenhang immer wieder vorgeworfen, dass er zu solcher letzter Konsequenz nicht fähig war – ich halte es für einen seiner Vorzüge: Er liebte das Leben.

Er liebte es in Gestalt seiner zauberhaften Frau Helga und feierte sie in seinen Memoiren mit dem wunderschönen Satz: „Sie war der Mittelpunkt meines bewegten Lebens, die Achse, um die ich mich drehte – wie das Rad an eine Mitte gebunden, die es nie erreichen kann.“ Aber er liebt dieses Leben in der Schönheit von Frauen bis heute.

Als er im Mai Molnárs „Liliom“ an der Burg sah und sich (wie ich) darüber ärgerte, dass man es aus Alfred Polgars Wiener Prater auf einen Rummelplatz in Bielefeld verlegt hatte, wollte er seinen Ärger mit einem Gläschen Rotwein im „Café Landtmann“ hinunterspülen, und der Zufall brachte es mit sich, dass im gleichen Augenblick eine Reihe sehr schöner, weitgehend nackter Frauen vom Life Ball das Café betrat.

Gefragt, ob ihn das störe, soll er geantwortet haben: Das einzige, was mich stört, ist, dass ich sie nur mehr anschauen kann.

Während seines Geburtstages im Looshaus war er in der liebevollen Begleitung einer 40 Jahre jüngeren Frau, und als er meiner Frau lange die Hand küsste, empfand sie es unverändert als großes Kompliment.

*

Eine Woche, ehe Heinrich Treichl 100 wurde, starb in der Wiener Leopoldstadt der Kaufmann Martin Katz im 94. Lebensjahr. Die beiden hatten einiges gemein: die physische Fitness, den „Economist“, den sie jede Woche lasen, die musische Ader – und die ungebrochene Freude an schönen Frauen.

Obwohl ich es vorhatte, ist es mir nicht mehr gelungen, die beiden miteinander bekannt zu machen, denn sie hätten einander imponiert. 1942/43, als Treichls reiche jüdische Großmutter Anna Thorsch für viel Geld zur unehelichen Tochter ­eines Ariers erklärt wurde und damit dem Schicksal ihrer Verwandten entging, die durchwegs entweder ermordet wurden oder der Ermordung durch Selbstmord zuvorkamen, lebte auch der 23-jährige „Volljude“ Martin Katz offen in Wien, obwohl er keineswegs „arisch“ aussah und die Nazis seinen Vater schon totgeprügelt und seine Mutter nach Auschwitz deportiert hatten. Aber Katz hatte sich entschlossen, vor SS-Männern nicht angstvoll den Blick zu senken, sondern tief Luft zu holen und ihnen gerade in die Augen zu schauen. „Ich habe eine Maske von Selbstsicherheit über meine panische Angst gestülpt“, schreibt er in seinen Memoiren2. Mit dem Geld, das er als Schleichhändler verdiente, finanzierte er das Überleben seiner jüdischen Freundin und ihrer Mutter, die er in einer Dachkammer untergebracht hatte, bis er beiden zur Flucht verhelfen konnte.

Wie Heinrich Treichl liebte er Österreich und konnte sich wie dieser über zwei ungemein erfolgreiche Kinder freuen. Vor allem strahlte er bis zuletzt die gleiche ungebrochene Lebensfreude aus, die das eigentliche Geheimnis hohen ­Alters ist.

peter.lingens@profil.at