<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Der spanische Mühlstein

Spaniens Auslandsschuld ist größer als die von Griechenland, Portugal, Irland und Italien zusammen.

Gäbe das Lazarett der Eurozone ein wöchentliches Bulletin heraus, so müsste es lauten: „Griechenland liegt unverändert im Koma. Spanien wurde soeben aus der allgemeinen Abteilung auf die Intensivstation verlegt.“

Wenn man, wie ich, in Spanien an Hunderten Tafeln vorbeigefahren ist, auf denen sich Banken der Finanzierung unverkäuflicher Gebäude rühmen, wundert man sich keine Sekunde, dass auch die größten unter ihnen herabgestuft wurden. Wenn man darüber hinaus Spaniens Wirtschaftskraft und die Daten seiner Auslandsverschuldung kennt, nähert man sich unweigerlich der Ansicht des deutschen Wirtschaftsweisen Hans-Werner Sinn: Spanien ist der eigentliche Mühlstein am Hals der Eurozone.

Zwar gibt es gravierende Unterschiede zu Griechenland: Spaniens Großbanken verdienen in Südamerika gutes Geld; es gibt ein paar EU-weit erfolgreiche Unternehmen; der Beamtenapparat ist zumindest nicht „griechisch“; die Menschen sind bestens ausgebildet und fleißig. Aber Spaniens Auslandsschuld ist größer als die von Griechenland, Portugal, Irland und Italien zusammen.

Die Entwicklung, die dazu geführt hat, liegt mittlerweile auf der Hand: Bis zum Euro musste Spanien (wie Italien, Griechenland oder Portugal) etwa dreimal so hohe Zinsen wie Österreich oder Deutschland zahlen, wenn es sich Geld lieh – also lieh es nur überschaubare Beträge und ging sparsam damit um. Mit dem Euro verschwand diese Zinsendifferenz, weil die Banken ihn für ähnlich sicher wie die D-Mark hielten.

Also lieh sich Spanien ungleich mehr Geld als früher aus und ging weit weniger sparsam damit um: Der Staat baute Autobahn um Autobahn, kaufte Europas schnellste Züge und erhöhte vor allem seine Beamtengehälter.

Das zog entsprechend höhere private Löhne nach sich: Seit 1995 stiegen die spanischen Lohnstückkosten um etwa 30 Prozent – und ließen die Konkurrenzfähigkeit der spanischen Wirtschaft in den Keller sinken. Denn Deutschland oder Österreich beschritten – meines Erachtens ohne Sinn und Not – den umgekehrten Weg: Die Reallöhne fielen; die Lohnstückkosten verringerten sich um etwa 20 Prozent.

Macht zusammen 50 Prozent zu Spaniens (Portugals, Italiens, Griechenlands) Lasten. Damit wurde es für Spanien (den Süden) gleich doppelt schwierig, nach Norden zu exportieren: sowohl weil spanische Waren teurer wurden als auch weil die Kaufkraft der Deutschen oder Österreicher sank, statt zu steigen.

Umgekehrt konnte Deutschland seine Waren im Süden doppelt gut verkaufen: Sie waren preislich unschlagbar, und alle Spanier (Portugiesen, Griechen) hatten weit mehr Geld als früher in der Hand. Die Leistungsbilanzen klafften immer weiter auseinander: Spanien wies immer größere Defizite, Deutschland immer größere Überschüsse auf.

Um angesichts schwacher Exporte exorbitante Importe zu bezahlen, gibt es nur einen Weg: Spaniens private Haushalte verschuldeten sich zu 93 Prozent des BIP – und das vor­an im Ausland. Es war durchaus die breite Bevölkerung, die seit Einführung des Euro weit über ihre Verhältnisse gelebt hat: mit beinahe deutschen Gehältern; mit 1,6 Eigentumswohnungen pro Haushalt; mit immer größeren Autos. Und dies alles bei einem BIP pro Kopf von 33.200 Dollar, gegenüber 44.500 in Deutschland oder 50.000 in Österreich.

Mit der US-Finanzkrise wurde Geld auf dem Markt plötzlich sehr viel knapper. Die Banken begannen, strenger zwischen den Schuldnern zu differenzieren, und es brauchte nicht viel Scharfsinn, um zu erkennen, dass Griechen oder Spanier schlechtere Schuldner als Deutsche oder Finnen waren. Die Zinsen in der Eurozone strebten nach Jahren der Konvergenz wieder energisch auseinander: Für Spanier oder gar Griechen schossen sie so nach oben, wie es ihrer ökonomischen Verfassung entsprach.

Der Zinsendienst für die angehäuften Schulden wurde zur schweren Last. Die EZB half, indem sie alle Regeln brach, die die Vergabe von Krediten einbremsen sollten: Sie kaufte spanische Anleihen. Sie lieh Spaniens Banken Geld gegen immer geringere Sicherheiten. (Hinterlegte Wertpapiere mussten längst kein AA+, ja nicht einmal ein BB+ aufweisen. Zuletzt genügten sogar Kaufverträge spanischer Fußballstars.)

Neben der Gelddruckmaschine der EZB stellen ESM und IWF Milliarden bereit, für die zwar alle Länder gemeinsam haften – bloß dass im Ernstfall nur einige sicher zahlen: ­allen voran Deutschland, aber auch Österreich.
In Wirklichkeit entsprechen die Großkredite an südliche Länder längst den geforderten „Eurobonds“.

Die Gretchenfrage lautet: Geht das gut? Meines Erachtens nur dann, wenn sie die Zeit nutzen, ihre Konkurrenzfähigkeit zu erhöhen, das heißt, die Gehälter der Beamten zu reduzieren und die Löhne in der Privatwirtschaft einzufrieren (während sie im Norden – voran in Deutschland und Österreich – angehoben werden). Gleichzeitig müssen dennoch genügend Steuern eingetrieben werden, um den Zinsendienst zu finanzieren und Schulden abzutragen.

Sparen ist unausweichlich – nur übers Tempo kann man streiten. Alles andere wird – für alle – böse enden.

peter.lingens@profil.at