<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Der verhasste Regenschirm

Kleine Geschichte der spanischen Wirtschaftskrise und ihrer voraussichtlichen Bekämpfung.

In meiner zweiten Heimat, Spanien, hat der Sozialist José Zapatero das Handtuch geworfen: Er will bei den nächsten Wahlen nicht mehr antreten. Seine Popularitätswerte sind ebenso im Keller wie die seiner Partei. In Madrid demons­trierten so viele Leute gegen die Regierung wie in Damaskus. Es geht dem Land tatsächlich dreckig. An jedem Laternenpfahl bieten sich Leute mit Abreißzettelchen für jedwede Arbeit an, alle unsere jüngeren Bekannten sind arbeitslos. Es ist ein einziger Jammer – aber sicher nicht die Schuld der Regierung Zapatero.

Sie hat vielmehr das nach Ansicht der meisten Ökonomen einzig Richtige getan: ein energisches Sparprogramm in Gang gesetzt, das vor allem den extrem großen, extrem ineffizienten Beamtenapparat trifft. Der war es bisher gewohnt, von der Regierung geschützt zu werden – also ist er extrem erbost.

Die Gründe dafür, dass Spanien die Finanzkrise so viel schlechter als andere Länder überstanden hat, hat der Chef der Großbank Santander einleuchtend dargelegt: Spanien hat viel zu wenig große Unternehmen in technologisch anspruchsvollen Branchen, und die Produktivität liegt 20 Prozent unter der Frankreichs. Das sei Spaniens „Krebs“ – die Finanzkrise eine hinzugetretene „Grippe“.

Allerdings ist dieser Krebs genetisch bedingt: Immerhin war Spanien noch bis 1974 eine wirtschaftlich isolierte Diktatur, und General Franco hat den Ausbau der Industrie erst in seinen letzten zehn Jahren befohlen – entsprechend stockend ist er vorangekommen.

Erst 1986, mit Spaniens Beitritt zur EG, kam die wirtschaftliche Entwicklung wirklich in Schwung. Spanien wurde Großexporteur von Gemüse und Früchten, und an den Küsten boomte der Tourismus. Aus ihm wuchs eine boomende Bauindustrie, die freilich zunehmend die Küste zubetonierte, der sie ihr Wachstum verdankte. Aber es entstanden auch eine unverändert boomende Textilindustrie und eine starke petrochemische Industrie. Spaniens Großbanken expandierten nach Lateinamerika und zählen zu den potentesten Europas. Die Halbinsel erlebte ein kleines Wirtschaftswunder, das freilich am wenigsten auf Industrialisierung basierte.

So wie die Österreicher während ihres Wirtschaftswunders möglichst rasch den Wohlstand der Deutschen erreichen wollten, wollten die Spanier noch rascher zu den Franzosen aufschließen und nahmen zu diesem Zweck reichlich Kredite auf. Wie die Österreicher kauften sie damit zu viele Autos – wobei sie mit SEAT wenigstens eine eigene Produktion auslasteten. Noch mehr Kredite steckten sie in Eigenheime, denn sie wollen nicht mieten, sondern Eigentum haben.

Dieser Eigenheimboom führte zusammen mit dem Tourismusboom zum exzessivsten Bauboom Europas und brachte eine hervorragende Bauindustrie hervor: Einen Skylink der Wiener Dimension baute man in Málaga zum halben Preis in einem Fünftel der Zeit.

Die Spanier sind also weder unbegabt noch gar faul. Ihr Pech war, dass der spanische Baumarkt so plötzlich und so total zusammengebrochen ist, weil dieser Zusammenbruch teils mit der Finanzkrise zusammenfiel, teils durch sie beschleunigt wurde.

Alle negativen Entwicklungen potenzierten einander: Die zahllosen „freigesetzten“ Arbeitskräfte konnten ihre Kredite nicht mehr bedienen und haben damit die vielen örtlichen Sparkassen, die ihre Eigenheime finanzierten, in die bekannten Schwierigkeiten gebracht. Ich fürchte, dass nicht einmal die Großbank BBVA ganz ungeschoren davonkommen wird: Sie hat Großprojekte in Tourismus­gegenden finanziert, wo seit dem Absturz des britischen Pfunds vor allem die Käufer aus England fehlen. Öffentliche Aufträge können den Zusammenbruch des privaten Baumarkts nicht entfernt wettmachen, obwohl die Regierung auch hier das Richtige tut: Sie forciert den Ausbau von Autobahnen und U-Bahnen.

Auch die Bauindustrie reagiert richtig: Der größte spanische Baukonzern hat sich massiv an der deutschen Hochtief beteiligt. Nur dass sich Bauen leider längst nicht so lukrativ wie Autos und Werkzeuge exportieren lässt.

Alle dargestellten Entwicklungen haben sich reichlich unabhängig von der Politik der jeweiligen Regierung vollzogen: Der Konservative José Aznar hatte nur das Glück, während des Aufschwungs zu regieren, während der Sozialist Zapatero mit dem Absturz kämpfen muss. Nicht anders als der Sozialist José Socrates, der bei den kommenden Wahlen in Portugal für seinen richtigen Sparkurs büßen wird, und der Sozialist Georgios Papandreou, dem das Gleiche in Griechenland droht. Keiner von ihnen hat die aktuelle Krise verschuldet – jeder von ihnen hat richtig reagiert.

Alle drei Länder werden letztlich unter den Schutzschirm der EU beziehungsweise des IWF kriechen, der im Gegensatz zu einer weitverbreiteten Meinung keineswegs „Aus­ruhen“ bedeutet: Alle drei werden vielmehr weiterhin energisch sparen müssen, nur dass sie dennoch halbwegs erschwingliche Kredite erhalten.

In Österreich ist man empört, dass wir, die wir „fleißig, tüchtig und sparsam“ sind, wahrscheinlich zu dieser Rettungsaktion, womöglich gar zu einem Schuldennachlass beitragen müssen. Daher möchte ich daran erinnern, dass EU und IWF auch Rumänien, Polen und Tschechien unter die Arme gegriffen haben, wo unsere Großbanken bekanntlich gewaltige Kredite offen hatten und haben. Ohne diesen Regenschirm, so behaupte ich, wären nicht nur diese Länder, sondern auch wir ziemlich nass geworden.


peter.lingens@profil.at