<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Der Verlust der Fairness

Ungeordnete Gedanken nach Abschluss der Fußballweltmeisterschaft.

Wenn man über siebzig ist, beginnt man seiner Kindheit nachzutrauern und läuft Gefahr, alles Mögliche „damals viel schöner“ zu finden. Ich zum Beispiel werde ewig dem Match nachtrauern, das Österreichs Meister Austria mit 9:1 gegen den damaligen deutschen Meister 1. FC Kaiserslautern gewann. Nicht nur wegen der Höhe des Siegs, sondern wegen der Art und Weise, wie er errungen wurde: mittels körperloser Technik. So gab es damals bei der Austria etwa den schmächtigen Flügelstürmer Aurednik, der mit dem Ball zaubern konnte und die kräftigen deutschen Verteidiger zur Verzweiflung brachte: Wenn sie ihn ihm vom Fuß nehmen wollten, hatte er ihn am Kopf, von dem er ihn nach hinten auf seine Fersen rollen ließ, um ihn dann über den Kopf des Verteidigers hinweg auf seine Fußspitze zu platzieren. Nicht einmal, sondern Dutzende Male. Nicht nur er spielte so, sondern in gewissen, vom Talent bedingten Abwandlungen der gesamte Sturm: Alle Helden meiner Fußballkindheit waren „Dribblanski“.
Heute würde Aurednik vom gegnerischen Verteidiger niedergemäht. Nicht einmal, sondern sooft er den Ball bekäme. Klein, wie er war, flöge er sich überschlagend durch die Luft und landete spätestens nach der zweiten Attacke im Krankenhaus.
Vermutlich müsste daher auch er versuchen, den Ball lieber sofort weiterzuspielen, um sich nicht der Gefahr ­einer schweren Verletzung auszusetzen – das ist der moderne Fußball: Die Spieler leiten den Ball, so schnell sie können, weiter, um der schweren Körperverletzung durch ihre Gegenspieler zu entgehen. Die Dribblings bleiben auf wenige Stern-Sekunden pro Match beschränkt.
Ich finde nicht, dass der Fußball dadurch schöner geworden ist.

Das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft zwischen Spanien und Holland war auf diese Weise die nächste Annäherung an Rugby. Wobei ich nicht sicher bin, ob dort ein Tritt mit dem Fuß gegen die Brust des Gegners, wie ihn Hollands Nigel de Jong gegen Spaniens Xabi Alonso vollführt hat, nicht doch verboten wäre, denn er stellte den vorsätzlichen Versuch der schweren Körperverletzung dar.
Natürlich weiß ich, dass dieser Tritt im Fußball sogar ganz sicher verboten ist, aber es ist charakteristisch, dass er dem Schiedsrichter im Verlauf dieser Schlacht gar nicht mehr aufgefallen ist: Denn im Wesentlichen war jedes Her­angehen eines holländischen Spielers an einen vorstoßenden spanischen Spieler eine Attacke auf dessen körperliche Unversehrtheit – und jedes zweite Herangehen eines spanischen Spielers an einen vorstoßenden Holländer auch.
Der Schiedsrichter ließ das Match „laufen“, weil er sonst in die Lage gekommen wäre, es alle paar Sekunden wegen Faulspiels unterbrechen zu müssen, und manche Sport-Kommentatoren haben ihm das hoch angerechnet. In meinen Augen hat er das Spiel kaputt gemacht, weil durch sechzig Minuten kaum mehr jemand ein Dribbling wagte.
Das wird der Fußball der Zukunft sein.

Oliver Kahn, der einstige deutsche Super-Tormann, der die WM für das ZDF kommentierte, meinte, so wie die Holländer hätten die Deutschen auch spielen sollen, dann hätten sie bessere Chancen gegen die Spanier gehabt. Denn tatsächlich hatten die Holländer jede Chance, dieses Endspiel als die weit schlechtere Mannschaft zu gewinnen: Die wenigen Male, die sie vors spanische Tor gelangten, scheiterten sie nur durch Zufall und Pech.
Um ein Haar hätte sich der Rugby-Fußball gegen den schöneren Fußball zu 100 Prozent durchgesetzt, und ein Profifußballer wie Kahn hat das richtig bewertet: Erlaubt ist, was Erfolg bringt.
So hat es ja auch der holländische Trainer gesehen, der seine Mannschaft umgestellt hat: vom „schönen“ Fußball, den die Holländer einst spielten, auf „Ergebnisfußball“.
Bei mir hat das eine seltsame Assoziation ausgelöst: Der gegenwärtige Fußball erinnert mich an den gegenwärtigen Kapitalismus: Der Erfolg heiligt jedes Mittel. Zum Raubritter-Kapitalismus passt der Raubritter-Fußball. Die Regeln, die das Faul-Spielen verhindern sollen, werden so res­triktiv wie irgend möglich ausgelegt – der Schiedsrichter greift so wenig wie möglich ein.
Deregulierter Shareholder-Value-Fußball.
Das ist schon insofern logisch, als Fußball ein Teil des Kapitalismus geworden ist: Es geht um Unsummen, die für Fernsehübertragungsrechte gezahlt werden; um Unsummen, für die Spieler gekauft und verkauft werden; um Unsummen, mit denen Funktionäre bestochen werden, damit Länder mit großen Sportveranstaltungen für sich werben können.
Natürlich kann trotzdem die bessere Mannschaft siegen. Sie tut das sogar im Allgemeinen etwas häufiger, so wie sich ja auch im aktuellen Kapitalismus im Allgemeinen doch das etwas bessere Unternehmen etwas häufiger durchsetzt. Aber das schlechtere kann sich auch durchsetzen, indem es wie Goldman Sachs zuerst schlechte Wertpapiere verkauft und dann darauf wettet, dass sie im Kurs fallen werden. So wie Uruguay das bessere Ghana besiegen konnte, indem ein Spieler das Siegestor mit der Hand ver­hindert hatte und dann darauf hoffte, dass Ghana den Elfer verschießt.
Fairness als eine Möglichkeit sportlichen Verhaltens hat im modernen Fußball so ausgedient wie im modernen ­Geschäftsleben.

peter.lingens@profil.at