<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Die Ausdauer-Siegerin

Claudia Schmied ist bei der Schulreform gelungen, was Christian Broda mit der Straf- und Familienrechtsreform gelungen ist – die ÖVP ist im Eck.

Um in den Vorstand einer Bank zu gelangen, muss eine Frau bis heute etwas intelligenter und ausdauernder als konkurrierende Männer sein.
Diese Eigenschaften haben Claudia Schmied auch in der Politik geholfen, erstaunlich viele ihrer bildungspolitischen Ziele durchzusetzen. Es gibt die flächendeckend neue Mittelschule, die sich in nichts mehr von der Unterstufe der AHS unterscheidet und den Übertritt in deren Oberstufe wesentlich erleichtern sollte. Es gibt die zentrale Matura und bald auch „Leistungsstandards“, mit denen sich die ­Fähigkeiten der Schüler zu jedem Zeitpunkt objektiv einordnen lassen. Die Eltern können überall Nachmittags­betreuung durchsetzen, und echte Ganztagsschulen werden finanziell forciert. Und jetzt hat auch das sinnlose Sitzenbleiben aufgehört: Vernünftigerweise muss der Schüler nur nachweisen, dass er jeden­falls alle „Module“ des Lehrstoffs bis zur Matura positiv bewältigt hat.

Die ÖVP hat überall möglichst lang Widerstand geleistet und ihn mit durchaus griffigen Schlagworten begründet – die nur nie das Geringste mit der Realität zu tun hatten: So wurde die angebliche „Nivellierung“ durch einen künftigen „Schuleintopf“ beschworen, obwohl ein niedrigeres Leistungsniveau als das aktuelle kaum mehr denkbar war; und es wurde die „Zwangstagsschule“ erfunden, obwohl die Nachmittage der Schüler längst mit Hausaufgaben und ­teuren Nachhilfestunden überfüllt sind.
Eine gewisse schwarze Kernklientel hat das goutiert – die Mehrheit, die im ländlichen Raum gar kein Gymna­sium vorfindet oder die Nachhilfestunden nicht bezahlen kann, ist sukzessive zu Claudia Schmied übergelaufen.

Wie seinerzeit Christian Broda bei seinen Justizreformen, hat sie in ihrer zweiten Amtsperiode ungleich diplomatischer, aber unverändert machtbewusst agiert: Die Lehrer wurden hofiert, die wichtigsten Massenzeitungen mit Inseraten eingedeckt, sofern die Journalisten nicht sowieso – selbst in der „Presse“ – auf ihrer Seite waren.

Am Ziel ist sie natürlich noch lange nicht. Ob man aus der neuen Mittelschule direkt in die Oberstufe der AHS wechseln kann, ist dank Föderalismus von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich geregelt. Die ÖVP hat den ausnahmsweise vernünftigen Vorschlag einer auch an den AHS abzulegenden Zwischenprüfung gemacht, die zum Aufstieg in die Oberstufe berechtigen soll. Schmied hat sich ausnahmsweise unvernünftig gegen eine solche Hürde gewehrt, obwohl es sie auch in Finnland gibt – nur dass sie von der Mehrheit problemlos übersprungen wird. Sobald es die Bildungsstandards gibt, wäre diese Zwischenprüfung auch bei uns nichts anderes als die Feststellung ihrer Erfüllung.

Das wirkliche Hindernis, finnische Erfolge nachzuahmen, ist finanzieller Art: Finnische Schulklassen haben durchschnittlich 14 Schüler – ich behaupte, dass bei dieser Schülerzahl selbst unser Schulsystem funktionierte.
Wir sind davon ein Dutzend Schüler pro Klasse entfernt und streichen derzeit Begleitlehrerstunden. Um es mit ­Hannes Androsch zu sagen: Obwohl wir eines der teuersten Schulsysteme Europas haben, kommt zu wenig Geld bis in den Lehrbetrieb durch.

Wenn sich das nicht ändert – wenn die Zahl der Schüler pro Klasse nicht sinkt und die Zahl der Lehrerstunden nicht deutlich steigt –, wird Schmieds Reform längst nicht den ­erhofften Erfolg zeitigen.

Zweites Großhindernis für durchschlagende Erfolge ist die mangelnde Schulautonomie. Finnlands jeweilige Schulgemeinden bestellen ihre Direktoren selbst und ­bestimmen sogar, wie unterrichtet wird. Bei uns sind Schuldirektoren in Wien so selbstverständlich rot, wie sie in ­Tirol schwarz und in Kärnten orange sind. „Objektivierung“ wird das nie ändern: In Wien wird die zuständige Stelle immer rote, in Tirol immer schwarze, in Kärnten immer orange Kandidaten als die „objektiv besten“ ermitteln. Ich zweifle, dass die Länder diese Kompetenz je abgeben.

Vielleicht könnte eine Regelung Linderung schaffen, die es derzeit bei vielen Zeitungen gibt: Der ernannte Chef­redakteur (Schuldirektor) muss sich nach einigen Monaten einer Abstimmung der Redaktion (des Lehrkörpers plus ­Eltern- und Schülervertretung) stellen, die ihn mit Zweidrittelmehrheit ablehnen kann.

Claudia Schmied kann einer solchen Beteiligung der ­„Basis“ wahrscheinlich etwas abgewinnen – Michael Spindel­egger mit ebenso großer Wahrscheinlichkeit nicht. Es klingt zu „links“, obwohl es „weniger Staat“ bewirkte.

Die steirische VP wirft der Volkspartei zu Recht mangelnde Öffnung vor: Sie begreift nicht, dass gesellschaftspolitische Haltungen Wahlen mindestens so sehr entscheiden wie wirtschaftspolitische.

Das war schon in der Ära Kreisky so: Justizminister Christian Broda vermochte die ÖVP mit der Straf- und Familienrechtsreform erfolgreich für lange Zeit ins konservative ­Verlierereck zu drängen. Jetzt ist das mit der Schulreform auch Claudia Schmied gelungen.

peter.lingens@profil.at