<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Die Chuzpe der Ratingagenturen

<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Die Chuzpe der Ratingagenturen

Die Chronik ihres Versagens reicht an die des Bankenversagens heran.

Angela Merkel und Jean-Claude Juncker vollführen ­einen heiklen Balanceakt: Indem sie – zuletzt Juncker – lautstark erklären, dass das Schicksal der Eurozone auf dem Spiel steht, wollen sie deren Mitglieder zu rascherem Handeln drängen – zugleich liefern sie freilich den Ratingagenturen ideale Argumente, eben diese Zone rundum herunterzustufen.

Ich habe vorige Woche geschrieben, dass das Versagen der Banken die Basis der Weltwirtschaftskrise ist. Das war insofern ungerecht, als der Beitrag der Ratingagenturen kaum minder groß ist. Ihre Unfähigkeit lässt sich sogar noch länger zurückverfolgen: Spätestens seit der Jahrtausendwende war klar, dass die USA den gefährlichsten Schuldenberg der Welt auftürmen – nichts davon schlug sich in Agenturnoten nieder. Dabei prophezeite der Wiener Ökonom Erich Streissler den USA bereits 2002 nicht bloß eine Rezession, sondern den unvermeidlichen Absturz, und selbst ein Laie wie ich kam schon damals zum gleichen Schluss.

Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch indessen versahen Lehman Brothers (wie alle US-Großbanken) selbst noch in der Woche ihres Zusammenbruchs mit Bestnoten.

Ähnliche Inkompetenz demonstrierten sie bekanntlich bei der Benotung jener Wertpapiere, in die diese Großbanken Immobilienkredite verpackten: Sie erhielten ­Triple-A-Bewertungen, wie sie im gleichen Zeitraum nur zwei Unternehmen der US-Realwirtschaft zuerkannt wurden. Gleichzeitig entwickelte sich die Benotung von Derivaten zur wichtigsten Einnahmequelle der Agenturen – wobei die höchsten Noten mit den höchsten Honoraren korrelierten. In der realen Wirtschaft – man kann es nicht oft genug schreiben – übertrafen die Kreditausfälle die Agenturvorhersagen um das 300-Fache.

Man mag einwenden, dass es sich um eine unendlich komplexe Materie gehandelt habe: Die Risiken waren in diesen Wertpapieren in unterschiedliche Tranchen aufgespalten, und solange nur wohlhabende Leute solche Kredite erhielten und die Hauspreise stiegen, konnte man meinen, nie an eine kritische Grenze zu gelangen. Nur dass immer schwächere Zahler zu Krediten kamen und die Haus­preise längst eine Blase bildeten. Einige Mitarbeiter machten auf diese Problematik aufmerksam – die Führung der Agenturen blieb eisern bei ihrer Fehleinschätzung. ­Europas Banker waren bekanntlich so naiv, ihren Noten zu glauben, und deckten sich massenweise mit diesen Ramschpapieren ein – das zwang die Eurozone zur Bankenrettung und zeugte die Schuldenkrise.

Nach meinem Dafürhalten hätten diese Banker die Agenturen damals klagen sollen. (Denn anders als die Länderratings sind Wertpapierratings eine entgeltliche Agenturleistung.) Zumindest aber hätte ich erwartet, dass sich die Sprecher der Agenturen nach diesem Debakel in Erdlöcher verkriechen. Aber das Gegenteil ist der Fall: Sie behaupten, die ungleich komplexeren Fragen der Bonität von Volkswirtschaften problemlos zu durchschauen.

Wie problemlos, mag man daran ermessen, dass Griechenland noch 2008 mit Irland, Spanien oder Italien über A-Noten verfügte. Dafür wurden die PIIGS (Portugal, Italien, Irland, Griechenland, Spanien) in der Folge geprügelt. Professor Manfred Gärtner von der Wirtschaftsuniversität St. Gallen behauptete bekanntlich in der Vorwoche, die Agenturen hätten sie jeweils um 2,5 Grade zu weit heruntergestuft und damit den entscheidenden Anstoß zu ihrem Absturz gegeben: Erst aufgrund ihrer angeblich so katas­trophalen Bonität mussten etwa Irland, Italien oder Spanien in der Folge derart horrende Zinsen für ihre Kredite zahlen, dass sie tatsächlich in Turbulenzen gerieten.

Die Agenturen, so Gärtner, bewirkten die Katastrophen, die sie prophezeiten.

Die Agenturen haben seine Studie als völlig unwissenschaftlich abqualifiziert. Ich habe das bei der Lektüre nicht entdecken können. Gärtner hat die Agenturnoten über zehn Jahre mit den wirtschaftlichen Fundamentaldaten fast aller OECD-Länder verglichen, um so zu ermitteln, wie sie vermutlich zustande kommen. (Denn die Agenturen selbst geben die Kriterien nicht preis.) Dabei hat sich herausgestellt, dass die Benotung der PIIGS ab 2008 massiv vom bis dahin ermittelten Schema abweicht – sie (und nur sie) wurden weit schlechter benotet, als es den Fundamentaldaten entsprach.

Die Agenturen könnten allenfalls einwenden, dass sie die politische Lage dieser Staaten in ihre Wertung einbezogen haben – was ihnen nach Gärtners Meinung nicht zusteht.

Ich sehe das komplexer, meine aber vor allem, dass man die politische Lage, in der sich die Agenturen befinden, in deren Bewertung einbeziehen sollte: Sie gehören großen Playern der US-Finanzindustrie – ihr größter Aktionär ist Warren Buffett. Er geht bei seinen Veranlagungen vom Zerbrechen der Eurozone aus. Nicht, dass ich den Agenturen unterstelle, das bewusst zu befördern, aber die allgemeine Einstellung der USA zum Euro fließt zweifellos in ihr Verhalten ein. Indem die Agenturen die Bonität der Eurozone so ungleich negativer einschätzen als die der weit höher verschuldeten USA, fließt das internationale Kapital weiterhin vornehmlich in deren Richtung.

peter.lingens@profil.at