<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Die Diktatur der Rating-Auguren

Nachdem sie den entscheidenden Beitrag zur Finanzkrise geleistet haben, sind die Ratingagenturen jetzt dabei, den Euro umzubringen.

Die Zeitungskommentare zur Herabstufung durch Standard & Poor’s waren fast schon freundlich: keine Kritik an der Agentur – nur Kritik an der Regierung, die endlich ernsthaft sparen möge. Das dürfte auch geschehen: Maria Fekter wird beim Anziehen der Schuldenbremse mehr ­Rückendeckung haben.

Da die Dinge also in die richtige Richtung laufen, kann ich mir erlauben, die Rolle der Ratingagenturen doch etwas kritischer zu hinterfragen: Standard & Poor’s ist einmal mehr der Tradition treu geblieben, die Herabstufung, voran Ita­liens, in genau dem Augenblick vorzunehmen, in dem dort ein durchaus glaubwürdiges Sparprogramm beschlossen wurde. Das erschwert dessen Erfolg, indem es die Verbilligung der nötigen Kredite verlangsamt. Vor allem aber sinkt aufgrund der schlechteren ­Bewertung von gleich neun Euroländern die Bonität und damit Handlungsfähigkeit der gesamten Eurozone: Ihr „Rettungsschirm“ ist gefährlich verkleinert; und obwohl sie unverändert weniger als die USA verschuldet ist, steht sie nach außen hin schlechter da.

Ohne dass ich US-Agenturen bewusste Parteilichkeit ­vorwerfen möchte, ist doch klar, was ihr Rating bewirkt: ­Kapital strömt bevorzugt in die USA und lindert deren Probleme statt der unseren. Boshaft könnte man die Rolle der Ratingagenturen seit 2000 folgendermaßen zusammenfassen: Sie haben einen entscheidenden Beitrag zur US-Finanzkrise geleistet und sind jetzt dabei, den Euro umzubringen.

Im Detail: Etwa um 2000 haben die großen US-Investmentbanken begonnen, in großem Stil synthetische Wertpapiere – voran „Derivate“ – herzustellen und in gigantischen Mengen zu verkaufen. Das konnten sie mit solchem Erfolg, weil die US-Ratingagenturen diese synthetischen Papiere fast durchwegs mit Triple-A bewertet haben, obwohl sie ein
C bis D verdient hätten: Bei Subprime-Papieren war die tatsächliche Ausfallsrate gleich 300-mal höher als von den Agenturen eingeschätzt.

Es waren diese dramatisch falsch bewerteten synthetischen Papiere, die die amerikanische Investmentbank Lehman Brothers kollabieren ließen und den US-Geldsektor in die größte Krise seit den dreißiger Jahren stürzten. Hätten nur US-Institute die Ramschpapiere gekauft, so wäre die Finanzkrise vornehmlich eine US-Krise geblieben. Aber Europas Banken haben den US-Ratingagenturen genauso vertraut und sich gleichfalls mit minderwertigen synthetischen Papieren eingedeckt: Sie bildeten den Grundstock jener „toxischen“ Wertpapiere, die deutsche, englische, irische, italienische, französische oder österreichische Banken bis heute gefährden.
Um ihren Zusammenbruch und einen gleichzeitigen Einbruch der EU-Konjunktur im Gefolge der US-Krise abzuwenden, mussten 2008 bekanntlich überall in der EU milliardenteure Bankenrettungsaktionen und Konjunkturpakete beschlossen werden. Erst sie haben die Staatsverschuldung fast überall in Europa auf das heutige kritische Maß hochschnellen lassen: Sie ist durch diese Aktionen um ein Drittel, in Irland sogar um die Hälfte des BIP gestiegen.1 (Eigene Vergeudung ist nur in Griechenland entscheidend hinzugetreten.)

Daran, dass Europas Banken sich in so katastrophalem Ausmaß mit kaputten US-Papieren eingedeckt haben, sind die Europäer allerdings auch selber schuld: Sie selbst haben die gottgleiche Stellung der US-Ratingagenturen im Bankenregulierungsabkommen Basel II festgeschrieben. Denn dort legten sie fest, dass Banken den Ankauf von Wertpapieren umso weniger mit Eigenkapital unterlegen müssen, je höher die Agenturen sie bewerten. Da gleichzeitig darauf verzichtet wurde, das Ausmaß des eingesetzten Fremdkapitals zu begrenzen, konnten die Banken durch „Hebelung“ mit einem Minimum an Eigenkapital Unmengen an Wertpapieren erwerben, sofern diese mit Triple-A bewertet waren.
Genau das haben sie bezüglich der toxischen US-Papiere getan: Basel II hat dafür gesorgt, dass sie zum größten Posten in den Tresoren unserer Banken geworden sind. (Auch die meisten heute abgestraften Staatsanleihen zierte ein Triple-A.) Um eine Vorstellung vom Ausmaß der Fehlbewertung zu ­geben: Unter 4000 Triple-A-bewerteten US-Papieren befanden sich 2007 nur zwei Unternehmen der Realwirtschaft.

In den USA ist die enge Kooperation zwischen den Rating­agenturen und jenen großen Investmentbanken, die in erster Linie synthetische Wertpapiere produzierten, gerichtsanhängig: Immerhin war diese Zusammenarbeit für 40 Prozent der Agenturhonorare verantwortlich, und man könnte in den krassen Fehlbewertungen auch eine Folge der entstandenen Interessenverflechtung sehen.

In Europa genießen die Agenturen unverändert Ansehen. Bei der Vorbereitung von Basel III wurde nicht ernsthaft an der aktuellen Konstruktion gerüttelt: Das Rating bleibt das Maß der „Unterlegung“. Das Verhältnis von Fremd- zu Eigenkapital bei Wertpapierkäufen soll erst 2018 viel zu hoch mit 33:1 begrenzt werden. Immerhin hat Angela Merkel nun zumindest einen Teil des Problems angesprochen: Man sollte die enge gesetzliche Bindung der Banken an das Urteil der Ratingagenturen überdenken.

peter.lingens@profil.at