<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Die spanische Krankheit

Von unterschiedlichen Ursachen und eindeutigen Symptomen.

Spanien ist nicht Griechenland – aber es ist auf dem besten Weg dorthin. Die Kreditwürdigkeit auf BB heruntergestuft – mit negativem Ausblick. Die Arbeitslosigkeit auf Rekordhöhe. Das Haushaltsdefizit mit 8,5 Prozent das dritthöchste der EU. Der Realitätenmarkt restlos zusammengebrochen. Das Gros der lokalen Sparkassen pleitegefährdet. Die Regierung ratlos.

Woher kommt diese lebensgefährliche spanische Krankheit? An ihrem Beginn steht, wie überall, die Ansteckung durch die USA: Wie alle Geldinstitute haben auch die spanischen Banken und Sparkassen jene mit AAA gekennzeichneten US-Wertpapiere erworben, die sich in der Folge als Schrott erwiesen. Wie alle gutgläubigen Geldinstitute ­Europas mussten sie daher vom Staat mit Milliarden gerettet werden. Das hat die Verschuldung des spanischen Staats – wie fast aller europäischen Staaten – in eine nicht mehr beherrschbare Höhe katapultiert. (2007 hatte Spanien noch ein Triple-A-Rating besessen.)

Allerdings traf der Virus aus den USA auf einen bereits geschwächten Wirtschaftskörper. Durch die Aufnahme in die Eurozone hatte Spanien Zugang zu billigem Geld erlangt, das seine Finanz- und Wirtschaftsstrukturen durcheinanderbrachte: Der Staat gab das billige Geld leichtfertig aus; die Banken verborgten es leichtfertig; die Haushalte verschuldeten sich leichtfertig. Jedermann wollte sofort auf dem Niveau der „alten“ EU-Staaten leben, obwohl die Leistungsfähigkeit der spanischen Wirtschaft der Wirtschaft dieser Staaten um Jahrzehnte nachhinkte.

Besonders viel Geld floss statt in den Aufbau einer ­diversifizierten Unternehmensstruktur in Autos, die nur zum Teil von Seat kamen, und vor allem in immer mehr Wohnbauten.

Mit ihnen erlebte Spanien ein amerikanisches Schicksal: Lange stiegen und stiegen alle Immobilienpreise. Das verlockte die Spanier, nicht nur für den eigenen Bedarf zu bauen, sondern zu spekulieren: Leute, die sich das in keiner Weise leisten konnten, investierten mittels billiger Kredite auf Teufel komm raus in Wohnungen, die sie demnächst mit Gewinn an Ausländer zu verkaufen hofften.

Bis dieses Kartenhaus 2008 zusammenbrach: Die Kredite wurden plötzlich teuer, die Zahl der ausländischen Käufer war von vornherein überschätzt worden, und die Krise dezimierte sie weiter. Die Immobilienpreise brachen zwangsläufig ein. Wie in den USA mussten die lokalen Sparkassen, die solche Bauten vor allem finanziert hatten, immer mehr Zahlungsausfälle in Kauf nehmen. Dass sie daraufhin auf die betroffenen Immobilien zugreifen konnten, nutzte ihnen so wenig wie in den USA: Wer sollte sie kaufen?

Mit steigender Arbeitslosigkeit hat sich dieser Prozess potenziert: Die Arbeitslosen können ihre Kredite schon gar nicht bedienen – die Geldinstitute sitzen auf Abertausenden Wohnungen, deren Verkauf unmöglich ist beziehungsweise weit weniger als die Kreditsumme einbringt.
Da Spaniens beste Industrie, die Bauindustrie, auf Jahrzehnte hinaus innerhalb Spaniens kaum mehr mit Hochbau-Aufträgen rechnen kann, liegt die Arbeitslosigkeit, etwa in Andalusien, mittlerweile bei 33 Prozent.
Womit noch mehr Kredite notleidend geworden sind. Und so weiter, und so weiter, und so weiter.

Wenn mir jemand die berühmte Frage stellte, was ich täte, wenn ich die Aufgabe hätte, Österreichs Schuldenproblem zu lösen, riskierte ich sofort eine klare Antwort: Den Föderalismus abschaffen. Kleinspitäler sperren oder in Pflegeheime umwandeln. Mit Ferry Maier auf das Gros der geplanten Tunnels verzichten. Und die Vermögensteuern auf EU-Niveau heben.

So undurchführbar das in der österreichischen Praxis auch ist, so sicher beseitigte es unser aktuelles Schuldenproblem. Wenn mir jemand die gleiche Frage bezüglich Spaniens stellte, täte ich mir unendlich schwer.
Sicher kann man die Verwaltung wesentlich effizienter gestalten: Zu viele zu teure Beamte exekutieren zu viele ­Regelungen auf eine denkbar unternehmensfeindliche (und nicht selten korrupte) Weise.

Und sicher muss überall extreme Lohnzurückhaltung geübt werden, damit sich die Konkurrenzfähigkeit spanischer Produkte erhöht. Damit aber bin ich mit meinem Latein schon am Ende. Die Medizin, die Angela Merkel der Iberischen Halbinsel verordnet hat – Sparen, dass es knirscht –, hat jedenfalls, wie bei Griechenland, zu einer Verschlechterung des Krankheitsbilds geführt.

Anhänger F. A. Hayeks werden einwenden, dass diese vorläufige Verschlechterung der Wirtschaftslage nur die Vor­aussetzungen für eine nachhaltige Besserung schafft. Aber ich hege diesbezüglich Zweifel: Man kann den Wirtschaftsmotor auch abwürgen. Umgekehrt vermag ich auch nicht, wie manche Anhänger J. M. Keynes’, zu glauben, dass man Schulden mit noch mehr Schulden bekämpfen kann.

Ich glaube – um ein Bild des Autofahrens zu verwenden –, dass man zwar bremsen (sparen) muss, dass man das aber besser so zurückhaltend wie auf einer Schotterstraße getan hätte, um nicht ins Schleudern zu geraten.

Dass hartes Bremsen im Verein mit Gasgeben à la Marshall-Plan funktioniert, ist nicht ausgeschlossen – aber bei Gott nicht sicher.

peter.lingens@profil.at