<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Die Krise lernt Deutsch

<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Die Krise lernt Deutsch

Der Export in die PIIGS-Staaten bricht ein, der Export nach China wächst nicht mehr wie früher.

„Die weiteren Aussichten für die deutsche Wirtschaft bleiben erst einmal verhalten und sind mit erheblichen Risiken belastet“, erklärte das deutsche Wirtschaftsministerium in seinem jüngsten Monatsbericht. Im zweiten Quartal hat es zwar noch 0,3 Prozent Wachstum gegeben, aber für das dritte Quartal rechnen viele Experten bereits mit einer Schrumpfung. Die Ursache ist klar: Die deutsche Industrie verzeichnet weniger Aufträge. Schon Ende Juli hatte „Spiegel online“ den Bericht über die Quartalsergebnisse deutscher Großkonzerne mit der Überschrift „Krise erreicht die Deutschen“ versehen. Es war immer eine Illusion, dass sie sie – und uns – völlig verschonen würde.

Ein Leser wollte in seinem Posting wissen, ob es die „alte“ oder eine „neue“ Krise sei. Das lässt sich klar beantworten: Es ist immer noch die alte, durch die extreme Überschuldung der USA verursachte und in die EU exportierte Krise – auch wenn die Probleme des Euro sie tarnen und verschärfen.
­Dass der überbordende Sozialstaat die aktuelle Krise in Europa verursacht habe, zählt zu den lancierten Märchen. Fast überall – auch in Österreich – sind die Staatsschulden bis 2007 im Verhältnis zum BIP gesunken. (Nur Griechenland war immer schwer überschuldet.) Erst die staatlichen Aktionen zur Bankenrettung und Abwehr einer Rezession haben die Schuldenstände gefährlich erhöht. Wobei die südlichen Länder besonders zum Handkuss kamen, weil sie ihren gesteigerten Finanzbedarf nur gegen besonders hohe Zinsen decken konnten. (Über Spaniens eigenen Beitrag zur Krise habe ich oft genug geschrieben.)

Zentrale Ursache der Krise der EU ist und bleibt die Entwicklung in den USA: die dramatische Verschuldung des Staats durch den Irak- und den Afghanistan-Krieg, die dramatische Verschuldung der privaten Haushalte im Wege fahrlässiger Kredite und immer größere Leistungsbilanzdefizite im Handel mit China und Japan.

Möglich waren diese Megaschulden durch die gewaltigen Mengen anlagesuchenden Sparkapitals: staatliches Kapital aus China und privates Kapital aus sämtlichen anderen Himmelsrichtungen – nicht zuletzt Deutschland –, das in die USA floss und dort zu Blasen bei Aktien wie Derivaten beitrug, weil niemand begriff, dass der US-Boom ein Boom auf Pump war. Der Wiener Ökonom Erich Streissler, der diese Entwicklung schon 2002 aufzeigte, schrieb damals, dass sie eine Weltwirtschaftskrise auslösen müsse. Denn sie zwinge die USA zu sparen – und wenn die größte Volkswirtschaft der Welt spare, müssten das alle anderen spüren.

Die berühmte Subprime-Krise war nur ein Dominostein innerhalb dieses Szenarios: der, der als erster umfiel. Großbanken der USA haben die Schulden der Bürger – voran die für Immobilien – bekanntlich in neuartige Wertpapiere verpackt, die Ratingagenturen haben sie mit ­einem Triple A versehen, und Europas Banken haben sie gekauft. Genau so: Sie haben uneinbringliche Schulden gekauft. Allen vor­an die Deutschen, wo besonders viele Leute nach lukrativen Anlagen suchten. Dieses Geld ist unwiederbringlich verloren. Nur dass nicht nur die Käufer dieser Ramschpapiere zur Kasse gebeten wurden, sondern auf dem Umweg über die Bankenrettung die Steuerzahler. Dieses verlorene Geld muss bei der deutschen Inlandsnachfrage fehlen, die darüber durch sinkende Reallöhne ständig reduziert wurde.

Dass die Deutschen bis jetzt dennoch so gut dastehen, verdanken sie ihren überragenden Exporterfolgen: Bei ­Autos gelangen Rekordverkäufe in die USA, obwohl dort gespart werden sollte. Und China ist für BMW & Co mittlerweile der größte Einzelmarkt.

Aber die Krise in den USA kann auch an China nicht spurlos vorübergehen. Die Chinesen können unmöglich im bisherigen Ausmaß in die USA und die EU exportieren, seit dort Schulden abgebaut werden müssen. Im Juli ist ihr Export statt zweistellig nur mehr um ein Prozent gewachsen. Chinesische Millionäre werden zwar trotzdem weiterhin BMWs kaufen, aber andere Artikel wird selbst Deutschland nicht mehr so exzessiv nach China verkaufen können.

Natürlich spüren auch alle Exporteure die Rezession in den PIIGS-Staaten (Portugal, Irland, Italien, Griechenland, Spanien): Peugeot muss deshalb bereits Tausende Arbeitskräfte kündigen, bei den Deutschen sinken nur die Gewinne (bei BMW soeben um 25 Prozent). Auch diese Entwicklung ist zwingend: Für deutsche Unternehmen machten sinkende Reallöhne ihre technisch sowieso überlegenen Produkte im Export unschlagbar. Für die PIIGS-Staaten machten kräftig steigende Löhne ihre technisch sowieso unterlegenen Produkte zu Ladenhütern. Wegen der in den PIIGS-Staaten gestiegenen Löhne konnten die Deutschen ihre Waren dorthin doppelt gut verkaufen, wegen der in Deutschland sinkenden Löhne konnten die PIIGS-Staaten ihre Waren dorthin doppelt schlecht verkaufen.

Funktioniert hat das Ganze durch Jahre dennoch, weil die PIIGS-Bürger die deutschen Waren auf Kredit kauften: Der deutsche Exporterfolg ist Teil der spanischen, griechischen usw. Verschuldung. Jetzt zwingt Angela Merkel diese Länder, ihre Schulden abzubauen – das ist Teil der künftigen deutschen (österreichischen) Rezession.

peter.lingens@profil.at