<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Die Tot­geschwiegene

<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Die Tot­geschwiegene

Von der Schwierigkeit, als öster­reichische Autorin den Heimnachteil zu überwinden.

Im nicht sehr großen Turmtheater der nicht sehr großen deutschen Stadt Regensburg wurde die Dramatisierung des Romans „Kleingeldaffäre“ von Elfriede Hammerl uraufgeführt. Dazu erschien in der sehr großen „Süddeutschen Zeitung“ folgende fulminante Kritik: Hammerls „tragikomischer Monolog“ zeige „mal witzig, mal sentimental, mal zynisch, mal enthüllend, scharfsinnig und unsentimental die Widersprüchlichkeit von Vernunft und Liebe“ … „Das Publikum lacht, schweigt betreten oder nickt zustimmend – nie wissend, welches Gefühl hinter der nächsten Ecke lauert“ … „Dieses Wechselspiel fesselt: einerseits dank der Genialität von Elfriede Hammerls Text, andererseits durch die umwerfende Präsenz (der Hauptdarstellerin) Franziska Sörensen.“ … „Unfassbar spannend.“

Als Hammerls nicht minder spannende Stücke „Liftstopp“ und „Sprechstunde“ an der Wiener Freien Bühne Wieden uraufgeführt wurden, stand darüber in keiner österreichischen Zeitung ein Wort.

Insofern ist es nur folgerichtig, dass „Kleingeldaffäre“ im Turmtheater in Regensburg und nicht im Akademie- oder Burgtheater in Wien dramatisiert wurde. Obwohl dort so dürftige Stücke wie Michael Schimmelpfennigs „Das fliegende Kind“ oder Woody Allens „Mittsommernachts-Sex-Komödie“ aufgeführt wurden.

Österreichs Theaterkritiker wie Theatermacher fühlen sich derzeit nur bereits errungener Berühmtheit heimischer Autoren verpflichtet: Ein dürftiges Jugendwerk Thomas Bernhards wie „Der Ignorant und die Wahnsinnige“ wird ebenso glänzend besetzt und enthusiastisch kritisiert wie sein grandioser „Theatermacher“. ­Peter Turrinis lahmer „Riese vom Steinfeld“ erfährt die gleiche erstklassige Aufführung und Rezension wie sein jugendlicher Geniestreich „Rozznjogd.“ Elfriede Jelineks schwache „Prinzessinnendramen“ werden mehr gefeiert als seinerzeit ihre sensationelle „Klavierspielerin“.

Elfriede Hammerl erntet für Stücke, die den „Ignoranten“, den „Riesen“ und die „Prinzessinnen“ steinalt aus­sehen lassen, nicht einmal Erwähnung.

Ich versuche immer aufs Neue, das zu verstehen. Hammerls Stücke sind denkbar aktuell: Sie sezieren die Ratlosigkeit, in die das zu Ende gehende patriarchalische Zeitalter Frauen wie Männer gestürzt hat. Hammerl ist um nichts weniger „sprachgewaltig“ als Elfriede Jelinek – allenfalls weniger angestrengt und weniger anstrengend. Florett-Riposten an Stelle von Degen-Hieben. Aber im Gegensatz zu Jelineks Stücken sind die ihren bühnentauglich.

Zugegeben: Hammerl hat keinen Jahrhundertroman wie die „Klavierspielerin“ geschrieben, aber unter die sehr guten Romane zählt „Kleingeldaffäre“ durchaus. Ich behaupte ja nicht, dass sie den Nobelpreis verdiente – aber mit ­Peter Handke oder Peter Turrini (die ich überaus schätze) nimmt sie es als Bühnenautorin durchaus auf. Sie ist nur bei ihren Erstlingswerken schon sehr viel älter. Es ist ihr Manko (ein vielleicht weibliches Manko), dass sie nie diese kritiklose Überzeugung von sich selbst besaß, die sehr viel weniger begabte Männer sehr viel früher die Karriere eines ­„Autors“ einschlagen und sofort medienwirksame Konfrontation suchen ließ.

Hammerl hat Konservative und Katholiken nie so verschreckt wie seinerzeit Peter Turrini. Sie hat das Publikum nicht, wie Peter Handke und Thomas Bernhard, beschimpft. Selbst ihr „Feminismus“, den Leute, die ihre Texte nicht wirklich lesen, gelegentlich „überzogen“ finden, ist in Wirklichkeit besonnen, wohlüberlegt und schon gar in ihrer literarischen Arbeit nie vordergründig.

Es fehlte ihr jede Sturm und Drang-Periode, die man hierzulande für ein Kennzeichen des „Genies“ hält.

Dass sie noch dazu „Journalistin“ ist, unterscheidet sie sowohl in den Augen des Publikums wie auch der Theaterkritiker und -macher einmal mehr von „Dichtern“. Dass Charles Dickens, Joseph Roth, Vladimir Nabokov oder ­Gabriel Garcia Márquez eine ähnlich banale Vergangenheit hatten, wird im deutschsprachigen Raum verdrängt. Auch von den „Dichtern“: Peter Handke ist vielleicht in der Lage, Peter Turrini „Genie“ zuzubilligen – Elfie Hammerl allenfalls sprachliches Talent. Und Journalisten wollen schon gar nicht anerkennen, dass eine der ihren mehr Genie als sie selber besitzen könnte.

Hammerl fehlt leider jede „Seilschaft“.

Mir scheint das immer als einer der wesentlichsten Unterschiede zu anderen Ländern: Niemand wünscht sich hierzulande seines Kollegen, Konkurrenten, aber zumindest Landsmanns durchschlagenden Erfolg – man will nur von ihm zehren, wenn er ihn überraschenderweise dennoch erringt. Österreicher haben in Österreich den „Heimnachteil“. Einen Theatermacher, der wie Claus Peymann alles tut, um einen Österreicher zum Welterfolg zu führen, kann man nur unter den „Ausländern“ finden.

P.S. Das ZDF hat sein Publikum aus Anlass seines 50-jährigen Bestehens nach der beliebtesten Sendung gefragt. Es siegte mit Abstand vor „Wetten, dass ...?“ die „heute-show“ – eine satirische Sendung, die exakt jenen „Staatskünstlern“ gleicht, die der ORF 2013 aus budgetären Gründen nicht mehr im Programm hat.

peter.lingens@profil.at