<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Die fehlende Weltregierung

Die unendliche Schwierigkeit, sämtliche Staaten der Erde auf ein Klimaziel einzuschwören, das sich wissenschaftlich nur sehr ungenau begründen lässt.

Der britische „Economist“, eine Zeitschrift, die der Wirtschaft einen extrem hohen Stellenwert beimisst und grüner Hysterie mit größter Skepsis begegnet, setzt sich in einem 14-seitigen Spezialreport für einen erfolgreichen Klimagipfel ein: Die Welt besäße die Technologie, des CO2- beziehungsweise Treibhausgasproblems Herr zu werden, und sie besäße auch die ökonomischen Mittel. Immerhin wurden soeben fünf Prozent des globalen BIPs aufgewendet, um die Finanzkrise abzuwenden – aber schon ein Prozent genügte vermutlich, um die notwendigen Emissionsziele zu erreichen.

Das wirtschaftliche Wohlergehen würde durch diesen Aufwand in keiner Weise gefährdet. Das Problem sei weder ein technisches noch ein ökonomisches, sondern ausschließlich ein politisches. Ich sehe das ähnlich: In Wahrheit hätte es wahrscheinlich genügt, all die Mittel, die im Zuge der aktuellen Krise nicht unmittelbar in die Rettung des Geldkreislaufs gepumpt werden mussten, in Richtung alternativer Energien beziehungsweise emissionsarmer Produktionen zu lenken, um die Klimaziele zu erreichen.
Aber es ist nicht geschehen. Und es wird auch in Kopenhagen nur mit äußerster Mühe zu erreichen sein.

Eine nicht zu kleine Hürde in der EU haben „Grüne“ selbst aufgebaut. Ihre wiederholten Fehlprognosen in Bezug auf das Ausmaß des Unheils, das „Technik“ über die Welt bringt, haben ihre berechtigten Sorgen desavouiert: Der Wald, den sie vor vierzig Jahren sterben sahen, hat sich ausgedehnt, böse Kernkraftwerke helfen, die CO2-Bilanz zu verbessern, und „Gentechnik“, die sie des Teufels meinen, wird Vieh ermöglichen, das weniger Methangas produziert. Technik ist die einzige Chance, nicht die größte Bedrohung der Umwelt.

So wie Zweifel am Waldsterben berechtigt waren, gibt es berechtigte Zweifel am Ausmaß des „Greenhouse“-Effekts. Die eben bekannt gewordenen E-Mails, in denen Forscher angewiesen wurden, partiell gemessene Abkühlung zu kaschieren, sind nicht das unbedeutende Versehen, als das sie derzeit dargestellt werden. Es gab schon in der Vergangenheit mehrfach Arbeiten, die behaupteten, der Erwärmung an bestimmten Messpunkten der Atmosphäre stünde unberücksichtigte Abkühlung anderswo gegenüber. Auch jetzt schwanken die Vermutungen über die Zunahme der Temperatur bis 2100 zwischen 1,2 und 6,4 Grad Celsius, und nur mehr als zwei, drei Grad wären tatsächlich die behauptete Katastrophe.

Aber nicht nur die Höhe des Temperaturanstiegs ist umstritten, sondern insbesondere der Anteil, den Menschen daran haben: Es gibt Wissenschafter, die diesen Anteil als lächerlich gegenüber der Veränderung der Tätigkeiten der Sonnenflecken einstufen. Ich sehe das wie der „Economist“: Es ist absolut sicher, dass CO2 die Erwärmung der Atmosphäre befördert, und sein Ausstoß hat seit Kioto um ein Drittel zugenommen. Das Risiko, dass menschliches Handeln jene zwei, drei Grad beiträgt, die zur Katastrophe führen, ist mir zu groß. Außerdem ist hohe Emission ein Zeichen mangelhafter Verbrennung, und schon der Knappheit des Erdöls wegen sollte die Verbrennung eine maximale sein.

Eines der Probleme besteht darin, dass sich ohne Hysterie bei der Bevölkerung keine einschneidenden Maßnahmen durchsetzen lassen und dass wirtschaftliche Lobbys immer die Ungenauigkeit der wissenschaftlichen Grundlagen gegen einschneidende Maßnahmen ins Treffen führen können. Die entscheidende Hürde ist freilich die Vielzahl der beteiligten Staaten und die Unterschiedlichkeit ihrer Interessen: Die USA produzieren nun einmal pro Kopf ungleich mehr CO2 als die EU. Und China emittiert zwar in Summe das meiste, pro Kopf aber nach wie vor sehr wenig CO2.

Man kann China oder Indien nicht Verzicht auf Wohlstand verordnen.
Eine „vernünftige“ Lösung kann nur darin bestehen, dass die USA ihren CO2-Ausstoß weit stärker als die EU reduzieren und dass EU wie USA Ländern wie China und Indien dabei helfen, den weiteren Ausbau ihrer Industrien auf der Basis modernster Technologie voranzutreiben. Aber wie das den Amerikanern beibringen? Wie dafür einfache, überprüfbare Regelungen schaffen? Wie die Sorge jeder einzelnen Volkswirtschaft beseitigen, dass sie bei einem Abkommen zu viel bezahlt oder zu wenig bekommt? Wie sicherstellen, dass investierte Mittel optimal eingesetzt werden?

Denn wenn jetzt beispielsweise von Staats wegen große Summen in Richtung alternativer Energien gelenkt werden, wage ich jetzt schon vorherzusagen, dass die „Fehlallokation“ gewaltige Ausmaße erreichen wird: In Österreich werden wir Windräder, aber weiterhin keine Atomkraftwerke haben. Die sinnvollste „objektivste“ Lenkung wäre wie immer die über den Preis. Theoretisch müsste Erdöl schon aufgrund der Knappheit teurer werden, aber de facto richtet sich sein Preis nach der Anzahl gerade geführter Kriege, dem Finanzbedarf der Scheichs oder Putins und der öffentlichen Meinung. Energiesteuern (anstelle anderer Steuern) wären das adäquateste Steuerungsinstrument, lassen sich aber rätselhafterweise seit Jahrzehnten nicht durchsetzen. Der Handel mit Emissionsrechten wurde in der Vergangenheit von den jeweiligen Industrielobbys unterlaufen.

Wenn man bedenkt, wie schwer schon 27 einander wirtschaftlich angenäherte EU-Staaten zu gemeinsamen Regelungen finden, kann man sich vorstellen, was es bedeutet, wenn 193 Staaten in Kopenhagen ein vernünftiges, gemeinsames Vertragswerk zustande bringen sollen.

peter.lingens@profil.at