<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Down!

Die USA verlieren den Krieg in Afghanistan und werden lange brauchen, ihre Wirtschaftskrise zu überwinden.

Die beiden Meldungen erfolgten nahezu zeitgleich: In einem US-Militärhubschrauber in Afghanistan waren 30 Amerikaner umgekommen; und die Ratingagentur ­Standard & Poor’s hatte das erste Downgrading der US-Kredit­würdigkeit in der Geschichte vorgenommen.
Ich glaube, dass ich mit folgenden Prophezeiungen keinerlei Risiko eingehe: Die USA verlieren den Krieg in ­Afghanistan, und sie werden ihre Wirtschaftskrise nicht vor 2018 überwinden.

Ich verlasse mich diesbezüglich einmal mehr auf das Urteil des Wiener Professors für Finanzwissenschaften, Erich Streissler: 1990 sagte er richtig vorher, dass Deutschland mindestens zwanzig Jahre brauchen würde, um Ostdeutschland zu sanieren; 2002 sagte er richtig vorher, dass die USA in eine schwere Schuldenkrise eintreten würden; und bei Ausbruch dieser Krise 2008 prophezeite er, dass sie zehn Jahre dauern würde. Meine eigenen Recherchen haben ihn 2002 bestätigt und bestätigen ihn bis heute: Die USA befinden sich in Wahrheit seit Ronald Reagan auf ­einem absteigenden Ast, indem sie seit damals auf Pump geboomt und an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt haben.

Ihre traditionelle Industrie ist restlos veraltet. Ihr Vorsprung in der Computertechnologie erfuhr durch Alan Greenspan eine maßlose Überbewertung, denn das US-BIP ist geschönt: Wenn die Leistungsfähigkeit eines Computers sich verhundertfacht, geht er, beziehungsweise ein mit ihm verbundenes Gerät, mit verhundertfachtem Wert in die volkswirtschaftliche Berechnung ein, auch wenn die Geräte in Wirklichkeit immer billiger verkauft werden. Da die mit Computern verbundene Industrie in den USA sehr groß ist, erfuhr ihr BIP eine entsprechend große künstliche Aufblähung. (Eine weitere Aufblähung ergab sich durch die hohe Bewertung jener zahllosen Finanztransaktionen, die in Wirklichkeit zur Finanzkrise führten.)

Weil das BIP auf diese Weise massiv geschönt war, hat es im Gegensatz zur gängigen Wirtschaftsberichterstattung nie gestimmt, dass die Produktivität in den USA stärker als anderswo (voran in der EU) gestiegen wäre. Sie war und ist vielmehr im traditionellen Bereich weit niedriger als in den entwickelten „alten“ europäischen Volkswirtschaften ­(voran Deutschland).
Das wiederum war die Hälfte des US-Jobwunders: Wenn der Einzelne nicht sonderlich produktiv ist (weil ihm moderne Produktionsmaschinen fehlen), muss man sehr viel mehr Leute beschäftigen, um einen Auftrag zu erledigen.

Die andere Hälfte des Jobwunders war das Schuldenmachen: Natürlich kann man mit immer mehr geborgtem Geld Hochkonjunktur spielen.

Alle diese Probleme sind aufrecht: Die USA machen weiterhin Schulden. Die traditionelle US-Industrie ist weiterhin veraltet und kann ihre Güter außerhalb der Compu­terindustrie nur im Wege niedriger Löhne, kaum je im Wege hoher Qualität, an den Mann bringen. Auch der in den USA angeblich so viel erfolgreichere Übergang von der Indus­trie- zur Dienstleistungsgesellschaft bedarf heute wohl einer neuen Beurteilung: Dienstleistungen sind um einiges schwerer zu exportieren als Industrieprodukte. Eine Volkswirtschaft, in der besonders viele Leute einander gegenseitig bewirten oder die Haare schneiden, ist nicht zwangsläufig auf der Überholspur. Und die boomenden Finanzdienstleistungen haben zumindest ihre Tücken.

Die einzigen wirklichen Top-Exportprodukte der USA sind neben Computertechnologie Viagra und Flugzeuge von Boeing – und der Flugzeugbauer wurde soeben von EADS überholt. Die in den Wirtschaftsmedien – vom „Wall Street Journal“ bis zur „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ – ständig wiederholte Phrase, dass die Europäer „endlich ihre Hausaufgaben machen müssten“, um die USA einzuholen, waren – wie die gesamte Begeisterung für die US-Ökonomie – immer grober Unsinn: In Wirklichkeit haben die USA ihre Hausaufgaben nicht erledigt, sonst befänden sie sich nicht im aktuellen Zustand.

China hat in seiner Reaktion auf das Downgrading der USA gefordert, dass diese endlich ihre Militärausgaben kürzen. Natürlich haben Irak- und Afghanistan-Krieg wesentlichen Anteil an der Misere: Angeblich kostet ein Tag Afghanistan-Krieg zehn Millionen Dollar. Barack Obama wird diesen Krieg also noch schneller als angekündigt beenden. Die Taliban werden ihn also noch schneller, als ich vermutet habe, gewinnen. Ich hatte mich dabei auf das Urteil meines Kollegen John Lee Anderson gestützt, der für das Magazin „New Yorker“ mehrfach vor Ort gewesen ist und schon vor Jahren meinte: „Wo weder die Briten noch die Russen siegen konnten, werden auch wir nicht siegen.“

Ich glaube, dass man nach Vietnam und Afghanistan verallgemeinern kann: Ein Krieg gegen einen fanatischen Gegner in einem unwegsamen Land und in großer Entfernung von zu Hause ist auch für die Supermacht USA ungewinnbar.

Schon gar, wenn sie wirtschaftlich keine mehr ist. Damit zu einer letzten Prognose Streisslers: Er hat im Gefolge der US-Krise immer eine „Weltwirtschaftskrise“ historischen Ausmaßes erwartet. Die ist auch in meinen ­Augen für die EU längst nicht vorüber, denn natürlich wird alles, was in den kommenden Jahren in den USA passiert, ihre Exporte dorthin massiv einbrechen lassen.

peter.lingens@profil.at