<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Ein Weg zur Schulversöhnung

„Neue Mittelschule“ und neues Schulkonzept der ÖVP sind bei etwas gutem Willen kompatibel.

Alle haben gedacht, die Weltwirtschaftskrise müsste endlich die seit Jahrzehnten fällige Verwaltungsreform erzwingen.
Das war ein Irrtum: ÖVP und SPÖ können nicht gemeinsam an einem Strang ziehen. Werner Faymann ist saft- und kraftlos, und Josef Pröll stemmt sich samt Onkel in die Gegenrichtung.
Jetzt denken alle, das jüngste PISA-Debakel müsste endlich die seit Jahrzehnten fällige Schulreform erzwingen.
Ich hege meine Zweifel.
Claudia Schmied ist zwar nicht Werner Faymann, aber bisher hat er sie noch immer im Stich gelassen, wenn er mitziehen sollte. Und Josef Pröll ist unverändert Josef Pröll und stemmt sich gegen alles, was in den Augen eines Schwarzen „rot“ ist: Kein Mensch hat ihm erklären können, dass eine „Vermögensteuer“ nichts Kommunistisches, sondern ein erprobtes Element bürgerlichen Wirtschaftens ist; und kein Mensch – so fürchte ich – wird ihm erklären können, dass auch die „Gesamtschule“ nicht die Aufgabe bürgerlicher Bildungsideale darstellt, sondern von all den Ländern praktiziert wird, die im PISA-Test Meilen vor Österreich und Deutschland liegen. (Aber auch manchen Lehrergewerkschaftern, Gymnasialprofessoren und Eltern aus „besseren Kreisen“ wird man es schwer erklären können – Pröll ist keineswegs alleine.)

Gleichzeitig gibt es aber nur diese rot-schwarze Koalition, bei der sich an der Schule überhaupt etwas ändern kann. Denn Rot-Grün ist außer Reichweite, und die FPÖ lehnt die Gesamtschule noch heftiger als die ÖVP ab.
Wenn der unvermeidlich auf uns zukommende „Schulgipfel“ also nicht einmal mehr ohne echtes Resultat bleiben soll, sollte Claudia Schmied daher in meinen Augen das Wort „Gesamtschule“ nie mehr in den Mund nehmen, sich dar­über freuen, dass die 10-Prozent-Grenze für „neue Mittelschulen“ sicher fällt, und im Übrigen überlegen, ob man nicht doch auch auf der Basis des jüngsten schwarzen Bildungskonzepts zu brauchbaren Resultaten kommen kann.
Die ÖVP schlägt bekanntlich vor, dass gute Noten in bestimmten Gegenständen automatisch dazu berechtigen sollen, von der Pflichtschule in die AHS überzutreten.
Was ist daran so schlecht?
In ländlichen Gemeinden sind die Pflichtschulen sowieso de facto Gesamtschulen, weil noch so begabte Kinder kaum in eine entfernte AHS auspendeln. Der Lehrplan ist der gleiche. Da auch die Lehrer an diesen Pflichtschulen um nichts schlechter als die „Professoren“ an der AHS sind, ist auch das Niveau in den ersten Leistungsgruppen um nichts schlechter als an der AHS. (Die Wiener Rest-Pflichtschulen sind diesbezüglich kein Maßstab.)
Wenn man das zum Wechsel an die AHS erforderliche Notenniveau vernünftig ansetzt, kann dieser Übertritt also durchaus so problemlos funktionieren, wie die ÖVP behauptet. Und eigentlich sollte sie sich auch nicht dagegen wehren können, dass man zur restlos objektiven Beurteilung eine „zentrale Zwischenprüfung nach der achten Schulstufe“ (nach dem Muster der „Zentralmatura“) einführt, die jedem, der dort eine bestimmte Punktezahl erreicht, AHS-Reife
bescheinigt und auch, wie im englischen System, Begabungsschwerpunkte ermittelt. Das wertete diesen Pflichtschul­abschluss auf und bewirkte nützliche Konkurrenz: Die AHS müssten sich anstrengen, bei diesem Test tatsächlich mehr AHS-Befähigte als die Pflichtschulen vorzuweisen.
In jedem Fall wäre es relativ egal, ob ein Kind mit zehn Jahren in eine Pflichtschule eintritt und dann nahtlos in die AHS wechselt oder ob es von Anfang an in eine AHS geht.
Und Pröll und seine ÖVP könnten ihr Gesicht wahren.

Anders als Claudia Schmied glaube ich auch nicht, dass die Gesamtschule Wunder wirken kann. Unser Hauptproblem ist die große Zahl sprachschwacher Kinder mit Migrationshintergrund. Für die sind verpflichtender Kindergarten, ein Vorschuljahr und Sprachförderkurse entscheidend.
Die staatliche Gesamtschule ist für mich nur das relativ beste Schulmodell von heute – nicht schon das Schulmodell von morgen. Das wird sich vielmehr in Schweden herausbilden: Dort kann jeder eine Schule gründen, und der Staat bezahlt pro Schüler den nötigen Kostenbeitrag. Wie die Schule unterrichtet, ist ihre Sache – es müssen sich nur alle Schüler in bestimmten Abständen zentralen Prüfungen stellen.
Entsprechend viele Schultypen gibt es, und die, die bei den zentralen Prüfungen am besten abschneiden, werden mit der Zeit die meisten Schüler haben.
Gegenüber dem österreichischen Modell, bei dem der Schuldirektor natürlich auch in der Gesamtschule de facto politisch bestellt wird und jeder Lehrer ein de facto unabsetzbarer Beamter ist, bestimmt im schwedischen Modell der private Eigentümer den Direktor, und der engagiert sich sein Lehrpersonal.
Motto: Mehr privat, weniger Staat – in Schweden vor wenigen Jahren von einer Mitte-rechts-Regierung eingeführt, doch von den Sozialdemokraten beibehalten.
Ich glaube nicht, dass sich die ÖVP gegen ein solches Modell sperren kann: Die katholischen Privatschulen funktionieren schon ähnlich. Andere Privatschulen – etwa die Waldorfschulen – wären endlich adäquat finanziert. Neue Privatschulen kämen hinzu und kosteten den Staat sicher nicht mehr (sondern eher weniger) als die Schulen, die er selbst betreibt.
Gleichzeitig entstünde eine denkbar nützliche, erfrischende Konkurrenz zwischen diesem bunten Privatschulsektor und dem staatlichen Regelschulwesen.

peter.lingens@profil.at