<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Eurozone: Zentrum des Übels?

Ein ratloser Ritt durch den Dschungel der guten Ratschläge aus den USA und China.

Von Woche zu Woche nehme ich einen neuen Anlauf, die jüngste Entwicklung der Weltwirtschaft zu verstehen. Derzeit: den Umstand, dass die Eurozone angeblich das Zentrum allen wirtschaftlichen Übels ist und laut George Soros zum Ausgangspunkt der eigentlichen Weltwirtschaftskrise werden könnte, wenn sie das Schuldenproblem ihres winzigen Mitglieds Griechenland nicht demnächst löst, obwohl die USA das Schuldenproblem ihres einst wirtschaftsstärksten Bundesstaats Kalifornien seit Jahren nicht zu lösen vermögen.

Oder: warum die EU nach dem Rat des US-Finanzministers Timothy Geithner dringend weit größere Schulden machen sollte, um ihre viel zu großen Schulden abzubauen. Und zuletzt: wieso die Europäer nach Ansicht des Chefs der staatlichen China Investment Corporation, Gao Xiqing "ihren Lebensstil ändern sollten“, weil die "fünf Stunden pro Tag“, die sie im Süden angeblich arbeiten, einfach zu wenig sind.

Zumindest davon habe ich eine Ahnung, weil ich gelegentlich im Süden Europas - in Spanien - lebe: Meines Wissens wird dort deutlich länger als im Norden gearbeitet - der Freitagnachmittag ist längst nicht arbeitsfrei. Dass es den Spaniern trotzdem weit schlechter als den Deutschen mit ihrer EU-weit kürzesten Arbeitszeit geht, scheint mir daran zu liegen, dass Deutschland die weit moderneren Produktionsanlagen besitzt. Das scheint mir auch eine Erklärung dafür, dass 1,3 Milliarden Chinesen nur ganz knapp mehr als 80 Millionen Deutsche produzieren, denn sonst müsste sich Gao Xiqing ja für die Faulheit seiner Landsleute in Grund und Boden schämen.

Mit den amerikanischen Ratschlägen komme ich noch weniger zurande. Ich versuche mich fortzubilden, indem ich den Wirtschaftsteil der "Presse“ und der "FAZ“ lese, habe mich noch einmal durch Keynes‘ "Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“ gebissen und mir die jüngsten populären Bücher der jüngsten populären Nobelpreisträger (Joseph Stiglitz, Paul Krugman) zu Gemüte geführt. Alles umsonst.

Zuletzt versuchte ich mir Mut zu machen, indem ich mich erinnerte, dass ich 2002 immerhin unter den wenigen war, die - wenn auch mit kräftiger Nachhilfe durch den Wiener Ökonomen Erich Streissler - eine von den USA ausgelöste Weltwirtschaftskrise vorausgesagt haben. Aber genau diese Erinnerung verwirrt mich vollends.

Denn Streisslers und meine Voraussage gründeten sich darauf, dass wir die gewaltige Überschuldung der USA für das zentrale Unheil der Weltwirtschaft hielten. Ich hatte dazu recherchiert, dass die wahren US-Wirtschaftsdaten weit schlechter als die veröffentlichten waren: Ihr BIP war ebenso geschönt wie ihr Produktivitätswachstum. Ihre hohe Beschäftigungsrate beruhte vor allem darauf, dass man in einer altmodischen Industrie viele Leute braucht, um die Nachfrage einer ausschließlich auf Pump boomenden Wirtschaft zu befriedigen.

Ich sehe die USA daher eigentlich bis heute als Problemzone Nummer eins und habe die EU nur dafür bedauert, dass ihre Banken den US-Banken Wertpapiere abgekauft haben, denen dieselben Ratingagenturen, die derzeit ein EU-Land nach dem anderen in Grund und Boden raten, ein Triple A bescheinigt hatten.

Nur weil daraufhin nicht bloß die USA, sondern auch die Europäer ihre Banken retten mussten - nicht weil die EU wie die USA grundsätzlich überschuldet war -, haben alle Staatshaushalte der EU heute so hohe Schulden. Die freilich im Verhältnis zum BIP immer noch niedriger als die der USA sind und vor allem ungleich langsamer wuchsen, sodass ihr Abbau - anders als bei den USA - in Reichweite liegt. Zumal die Industrie der EU den USA mittlerweile sogar bei der Luftfahrt voraus ist.

Das Rezept, das die Fed den USA gegen die Krise verordnet hat, bestand im Wesentlichen im Drucken von Geld. Um den Zusammenbruch aller Banken abzuwenden, war das wohl ähnlich notwendig wie in der EU. Danach haben Senat und Kongress Barack Obama, soweit sie konnten, vom Geldfluss abgeschnitten. (Die Fed konnten sie nicht wirklich zähmen.) Für Staatsaufträge, die nach Keynes die Arbeitslosigkeit abfangen und die Wirtschaft ankurbeln sollen, hat der Präsident daher nicht wirklich viel Geld in der Hand.

Das soll die EU im Wege höherer Verschuldung liefern. Statt Griechenlands soll sie offenbar die USA retten.

Ein ziemlich großer Brocken.

Man kann natürlich - vermutlich sogar zu Recht - sagen, dass wir alle im gleichen Boot sitzen. Aber dann soll man es auf allen Seiten - und mit entsprechenden Konsequenzen - sagen: Dann soll China aufhören, die Welt mit Dumpingwaren zu überschwemmen, indem es seiner Bevölkerung viel zu niedrige Löhne zahlt. Dann sollen die USA die Ankurbelung ihrer Wirtschaft durch sehr viel höhere Steuern für ihre Millionäre finanzieren, statt der EU zu höheren Schulden zu raten. Und dann, last, but not least, soll die Eurozone ihr Griechenland-Problem mit einem gefahrlosen "Schuldenschnitt“ lösen, indem er mit Geldspritzen für die am ärgsten betroffenen griechischen Banken gekoppelt ist.

Meines Wissens besteht nur für diese EU-Aktivität ernsthafte Hoffnung.

peter.lingens@profil.at