<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Funktioniert Gelddrucken?

Laienhafte Zweifel an der Krisenstrategie der Ökonomen Europas und der USA.

"Ich kann mir nicht vorstellen, dass man eine Krise, die durch Überschuldung entstanden ist, dadurch löst, dass man noch mehr Schulden macht“, argumentierte Angela Merkel noch vor drei Jahren, als sie anlässlich der Pleite von Lehman Brothers aufgefordert wurde, nicht nur Deutschlands Banken zu retten, sondern nach dem Muster der USA auch dem drohenden Einbruch der Konjunktur mit Steuermitteln entgegenzutreten.

Doch sie zögerte. Sie hatte zwar nie Nationalökonomie, wohl aber Naturwissenschaften studiert, und das ließ sie an der Logik des geforderten Vorgehens zweifeln.

Ich bin auch ein nationalökonomischer Laie mit Affinität zur Naturwissenschaft und zweifle bis heute. Doch im Gegensatz zu mir musste die deutsche Kanzlerin handeln und hat ihre Zweifel über Bord geworfen: Mit der "Abwrackprämie“ schnürte sie ihr erstes "Konjunkturpaket“. In anderen Volkswirtschaften der EU hatte man sowieso sofort zu Keynes Rezept gegriffen: Der Staat verschuldete sich, um Geld in die Belebung der Wirtschaft zu pumpen. Diese Belebung gelang auch - aber die Staatsschulden aller EU-Staaten erreichten dabei ihre heute als "gefährlich“ eingestufte Höhe. Weil sie Geld jetzt nur mehr zu hohen Zinsen leihen können, sparen sie ab sofort mehr oder minder drastisch. Der entsprechende Einbruch der Konjunktur hat sich bereits überall angekündigt.

Daher meine laienhafte Ansicht: Das hätte man einfacher und vor allem billiger haben können, indem man sich schon 2008 mit dem Abschwung der Konjunktur abgefunden hätte. Man hat diesen Abschwung durch die Politik staatlicher Wirtschaftsbelebung zwar um vier Jahre hinausgeschoben, dafür kommt er jetzt umso heftiger und teurer.

In meinen "Ansichten eines Außenseiters“1) habe ich einen ähnlichen Mechanismus bei der Verschärfung der US-Krise beschrieben. Ursache dieser Krise war Amerikas dramatische Überschuldung, teils des Staats durch zwei Kriege, teils seiner Bürger durch Konsumorgien auf Pump. Wenn die "Märkte“ zu einer Korrektur ansetzten, indem die überhöhten US-Aktienkurse einzubrechen drohten, reagierte Fed-Chef Alan Greenspan jedes Mal mit einer Zinssenkung und Vermehrung der Geldmenge.

Tatsächlich fing er den Kursrutsch damit ab - nur dass er am Ende umso heftiger ausfiel, als er die Zinsen wieder anheben musste, um neues Geld zu bekommen.

Der neue Fed-Chef Ben Bernanke hat sie sofort wieder gesenkt und die Geldmenge auf einfachere Weise ausgeweitet - die US-Notenpresse arbeitet derzeit auf Hochtouren. Denn Ben Bernanke ist, wie etwa auch Nobelpreisträger Paul Krugman, überzeugt, dass man der Krise nur keynesianisch begegnen kann: indem der Staat Geld in die Wirtschaft pumpt - also genau so, wie es auch in Europa geschehen ist. Ich hege die Befürchtung, dass es auch ähnlich ausgehen wird.

Große Mengen billigen Gelds bergen die Gefahr der Fehlallokation: Unter Greenspan ist es in überteuerte Aktien und Häuser geflossen - unter Bernanke fließt es in überteuertes Gold, treibt die Preise von Rohstoffen oder Lebensmitteln hoch und dient unter anderem zu jenen Spekulationen, unter denen der Euro leidet. Früher oder später dürfte es nach Adam Riese eine noch weit massivere Inflation bewirken, als sie in dieser Form stattfindet.

Dumme, aus falschen Motiven gespeiste Obstruktion der Republikaner hat diese US-Schuldenpolitik mittlerweile eingebremst. Keynesianer werden dereinst argumentieren, dass nur der ungenügende Einsatz staatlicher Mittel daran schuld war, dass die USA nicht schneller aus der Krise herausgekommen sind. Man wird diese Frage daher nie mehr wirklich klären können. Aber dass sie lange nicht aus der Krise herauskommen werden, ist sicher. (Keynes hat nur für den kurzfristigen Einsatz staatlicher Mittel plädiert.)

Ich habe in meinem Buch versucht, dem Erfolg keynesianischer Politik in den dreißiger Jahren nachzuspüren. Er war im Rahmen des New Deal denkbar dürftig: Der Staat erhöhte seine Schulden sehr viel rascher als sein BIP. Keynes’ Verteidiger wenden ein, dass das auch damals daran gelegen sei, dass die Republikaner massivere Staatsinvestitionen torpedierten. Sie verweisen darauf, dass sich die USA in der folgenden Kriegswirtschaft noch viel stärker (unfreiwillig keynesianisch) verschuldet haben und am Ende die führende Wirtschaftsnation der Welt gewesen sind. Ich wende ein, dass das auch daran gelegen sein kann, dass sie den Krieg gewonnen haben, sodass Europa und Japan zu "ihrem“ Markt wurden - denn hier gab es vorerst keine Industrie, die mit der US-Industrie konkurrieren konnte.

Deshalb, so behaupte ich, kann auch für die erste Weltwirtschaftskrise nicht seriös geklärt werden, ob keynesianisches Deficit-Spending sie beendet hat.

Also bleibe ich bei meinen Zweifeln am Funktionieren des aktuellen Krisenmanagements.

Ich halte diesen Kommentar ausnahmsweise für wichtig und wiederhole daher, dass ich ein absoluter Laie bin. Der Leser soll wissen, dass ich vielleicht völlig falschliege und Ben Bernanke hoffentlich Recht hat.


1) Peter M. Lingens: "Ansichten eines Außenseiters“. Verlag Kremayr & Scheriau.

peter.lingens@profil.at