Peter Michael Lingens: Geld allein macht nicht gesund!

Peter Michael Lingens: Geld allein macht nicht gesund!

Die Eurozone krankt an ihrer Sparpolitik – die Geldpolitik der EZB allein kann sie nicht heilen.

Die US-Notenbank (FED) verteuert erstmals seit der Finanzkrise den Dollar – die Europäische Zentralbank (EZB) hat den Euro weiter verbilligt. Das entspricht den guten US-Wirtschaftsdaten gegenüber den schlechten der Eurozone. So ist das reale US-BIP pro Kopf seit dem Tiefpunkt 2009 um 2700 Euro gestiegen und liegt damit 1300 Euro über Vorkrisenniveau. In der Eurozone erholte sich das BIP pro Kopf nur um 600 Euro und liegt damit 900 Euro unter Vorkrisenniveau. Entsprechend ist die Arbeitslosigkeit in den USA von 10,2 auf fünf Prozent gesunken, während sie in der Eurozone von zehn auf elf Prozent gestiegen ist. Nur die Staatsschuldenquote hat sich in den USA seit 2009 von 86 auf 104 Prozent verschlechtert – aber in der Eurozone kaum minder von 80 auf 95 Prozent.

Was unterschied USA und Eurozone wirtschaftspolitisch?

Die USA maßen „Staatsschulden“ keine zentrale Bedeutung zu, während die Eurozone ab 2012 dem Sparpakt von Angela Merkel und Wolfgang Schäuble folgte.

Die USA haben Geld nach der Senkung des Zinssatzes sehr früh durch „Quantitativ Easing“ (QE) weiter verbilligt, während die Eurozone das (gegen heftigen Widerstand Schäubles) erst seit einem Jahr tut.

Dass der Sparpakt die weit wichtigere Rolle spielt, zeigt der unterschiedliche Verlauf der Erholung: Primär haben beide Volkswirtschaften keynesianisch reagiert und sich auch etwa gleichartig erholt. In den USA hat sich diese Erholung in der Folge beschleunigt – in der Eurozone lahmt sie bis heute. Dazwischen liegt 2012 der Sparpakt. Ich wiederhole die logisch zwingende Begründung: Wenn krisenbesorgte Bürger wenig investieren (einkaufen), tätigen Unternehmen keine Erweiterungsinvestitionen. Wenn zugleich auch alle Staaten ihre Investitionen zurückfahren, kann die Wirtschaft denkunmöglich wachsen.


Die Erholung wird weiter lahmen und die Arbeitslosigkeit galoppieren.

Seit 2012 behaupte ich daher alljährlich, dass sich die optimistischen Wachstumsprognosen der EU nicht erfüllen werden, und behalte damit alljährlich Recht. Darin sehe ich mit der Mehrheit angelsächsischer Ökonomen den Beleg meiner These, dass Austerity nicht funktioniert. Wirtschaftsmedien von der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ über „Die Presse“ bis zur Agenda Austria sehen es mit der Mehrheit deutscher Ökonomen weiter umgekehrt. Merkel & Schäuble auch. Daher wird die Erholung weiter lahmen und die Arbeitslosigkeit galoppieren. Denn Geldpolitik allein kann nicht gutmachen, was verfehltes Sparen ruiniert.

Grundsätzlich ist QE ein weiteres keynesianisches Instrument: Die Zentralbanken kaufen den Banken Staatsanleihen ab und hoffen, dass diese das Geld als Kredite für Investitionen an Unternehmen weitergeben. Damit es größeren Erfolg hat, müssen die Unternehmen freilich Grund zu Investitionen sehen. In der sparenden Eurozone sehen sie ihn wenig – in den USA (leider vor allem aufgrund erhöhter Rüstungsausgaben) deutlich mehr.

Daher konnte QE in den USA kräftig wirken. In Europa hat es die Investitionen nach einer langen Phase der Stagnation zwar ebenfalls erhöht – aber des Sparens wegen bisher nur mäßig. Die zitierten Wirtschaftsmedien sehen auch das anders: Sie halten QE vor allem für gefährlich. Ursprünglich behaupteten sie, das vermehrte billige Geld müsse zu massiver Inflation führen. Als das Gegenteil eintrat, schwenkten sie darauf ein, dass es „Vermögenswerte“ verteuert, was bei Gold auch nicht stimmt, aber auf City-Baugrund und vor allem Aktien zwingend zutrifft.

QE birgt unbestritten das Risiko von Aktien-Blasen, die mit Kursstürzen platzen können. Im Moment sind die Kurs-Gewinn-Verhältnisse in den USA und vor allem in Europa noch immer weit niedriger als 1999/2000 und damit nicht alarmierend. Aber Aktienkurse spiegeln immer auch Zukunftsaussichten, und die halte ich in Europa angesichts der Sparpolitik für mäßig. Daher könnten die Kurs-Gewinn-Verhältnisse irgendwann eine kritische Höhe erreichen. Die EZB hat allerdings die Möglichkeit, dem zuvorzukommen, indem sie verlangt, dass Banken Kredite für Aktien- oder Immobilienkäufe mit mehr Eigenkapital unterlegen – was sie (und nur sie) verteuerte.

Die FED muss ein anderes Risiko überstehen: Dass sie Geld jetzt teurer macht, kann Personen und Länder, die große Kredite billig aufgenommen haben, vor Rückzahlungsprobleme stellen. (Dass Alan Greenspan den Dollar 2007 auf einen Schlag drastisch verteuerte, löste die Finanzkrise mit aus.) Die FED verteuert den Dollar daher höchst behutsam und wird das auch in Zukunft so tun.

Die EZB ist noch lange nicht so weit, sondern öffnet die Geldschleuse weiter. Wenn auch noch immer nicht so weit, wie die USA dies taten, und weniger weit, als die Anleger erwartet hatten – was die Aktienkurse prompt um 3,5 Prozent nachgeben ließ.

Auch ich sehe diesen engen Zusammenhang zwischen EZB-Entscheidung und Aktienkurs kritisch, aber Mario Draghi hat keine Wahl: QE gleich zu belassen, ließe die Investitionen, die es immerhin etwas befördert hat, wieder einschlafen. Kräftig befördern könnte sie nur das Ende des Sparpaktes – aber ich fürchte, eher lässt Deutschland die EU straucheln.